Dany Laferrière Schreiben im und über das Exil

Dany Laferrière Bücher
© Jennifer Dummer

In seinen Büchern, von denen über die Jahre mehr als 20 zusammengekommen sind, schildert Laferrière politische und gesellschaftliche Inhalte des gegenwärtigen Lebens, die er aus seiner Perspektive und mit einer Prise Vergangenheit beschreibt. Einige Bücher wurden ins Deutsche übersetzt und in Deutschland blieb das Interesse an ihnen nicht aus.

Seinen Debütroman betitelte der 1953 geborene Dany Laferrière mit Comment faire l'amour avec un nègre sans se fatiguer (Die Kunst, mit einem Neger zu schlafen, ohne müde zu werden). Mit der Arbeit an diesem ersten Buch im Jahr 1985 ließ er die schlechtbezahlten Gelegenheitsjobs hinter sich und begann seine Karriere als Autor. Dass das nicht leicht war, ist Gegenstand in vielen seiner Romane so wie Haiti, das Geburtsland von Laferrière. Als 1976 ein sehr guter Freund unter der Diktatur Duvaliers getötet wurde, flüchtete der Journalist Laferrière von Port-au-Prince nach Montréal. So ereilte ihn das gleiche Schicksal wie seinen Vater: Ein Leben im Exil.

In seinen Büchern, von denen über die Jahre mehr als 20 zusammengekommen sind, schildert Laferrière politische und gesellschaftliche Inhalte des gegenwärtigen Lebens, die er aus seiner Perspektive beschreibt und mit einer Prise Vergangenheit vermischt. In Das Rätsel der Rückkehr (L'énigme du retour) zum Beispiel führt der Autor seinen Protagonisten von seinem Exil in Montréal zurück an den Ort, den er als junger Mann verlassen musste, Haiti. Auslöser für diese emotionale und sinnliche Reise ist die Nachricht vom Tod seines Vaters. Auch in Tagebuch eines Schriftstellers im Pyjama erinnert sich Laferrière an Haiti. Im Kontrast dazu lässt er die ersten Jahre in Montréal Revue passieren, in denen er in einer Fabrik arbeitete und betrachtet die Zeit, in der er an seinem ersten Roman schrieb, der mit seinem provokanten Titel für Aufsehen sorgte und 1989 verfilmt wurde. Eingestreut in all die Erinnerungen und Erlebnisse, die zwischen Schreibfluss und Glück sowie Schreibblockade und Zweifel schwanken, sind Ratschläge an Autoren und Leser.

Sein erster Roman veränderte für ihn alles und wirkte über die Grenzen der frankokanadischen Provinz hinaus. Er war in der schillernden Welt der Bücher angekommen, konnte sie seinerseits beeinflussen und zählt heute zu den international wirkenden Vertretern der Québecer und der frankofonen Literatur. Da blieben auch die Auszeichnungen auf beiden Seiten des Atlantiks nicht aus: Prix Médicis, Grand Prix du livre, Internationaler Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt. Aber die größte Ehre dürfte wohl 2013 Laferrières Aufnahme in die Académie française gewesen sein, in der er als erster Haitiano-Kanadier die Nachfolge des argentinischen Schriftstellers Hector Bianciotti antrat.

Von der Kunst des Buchtitels

In Deutschland blieb das Interesse an Laferrières Büchern nicht aus. Der engagierte Verlag Das Wunderhorn, der seit seiner Gründung auf französische und frankofone Autorinnen und Autoren spezialisiert ist, brachte 2013 zuerst Das Rätsel der Rückkehr und 2015 dann Tagebuch eines Schriftstellers im Pyjama heraus. Witzig, belesen, mitreißend, vital und clever, so wurde der Autor in der deutschen Presse wahrgenommen. Aber wie kam es überhaupt, dass der Heidelberger Verlag auf den charismatischen und von der Presse hochgelobten Autor gestoßen ist?

Als der Verleger Manfred Metzner vor vielen Jahren zur Buchmesse nach Montréal reiste, entdeckte er die Bücher von Laferrière. Vor allem die Titel seiner Bücher haben es ihm angetan: „Seine Buchtitel sind genial, verspielt und originell, machen neugierig und funktionieren auch in der Übersetzung. Bei mir vibrieren seine Bücher schon nach dem ersten Blick auf den Titel!“ Seine Begeisterung reichte aber nicht sofort aus, um ihn in deutscher Sprache zu veröffentlichen und es dauerte noch eine Weile, bis das erste Buch von Laferrière in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde. Als dann L'énigme du retour in Québec erschien, hatte der Verleger keine andere Wahl, denn dieses Buch hatte ihn sofort überzeugt: „Ein großartiger Text, der alle Stärken des Autors wunderbar zeigt.“ Eine willkommene Art, den Autor endlich in deutscher Sprache vorzustellen.

Und die Übersetzerin Beate Thill hat es möglich gemacht. Sie nahm sich des wohl persönlichsten Buchs des Autors an und fing die melodische Sprache von Das Rätsel der Rückkehr ein. Den Text, der in vielem einem Popsong gleicht, übertrug sie gelungen ins Deutsche. Und das ohne einen Austausch mit dem Autor, den sie erst kennenlernte, als beide 2014 in Berlin mit dem Internationalen Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt ausgezeichnet wurden, der einen herausragenden fremdsprachigen Titel der internationalen Gegenwartsliteraturen und seine deutsche Erstübersetzung ehrt.

Dany Laferriere Foto: Georges Seguin Die maßgebliche Rolle des Zebras

Inzwischen liegt auch Journal d'un écrivain en pyjama in deutscher Sprache vor und übersetzt hat es erneut Beate Thill. Laferrières Stil in der deutschen Sprache wiederzugeben, war eine besondere Herausforderung: „Es ist im Deutschen nicht leicht, so locker und witzig zu sein, ich habe mich unter anderem bei Heinrich Heine und seinem leichten, geschmeidigen deutschen Stil inspiriert“, so Thill. Auch Laferrière gibt im Buch Hinweise, worauf es ihm ankommt: Dem Geschriebenen „die notwendige Dosis persönliche Empfindung einzuhauchen.“ Auf diese Weise fügt er die Worte aneinander, evoziert vieles, sagt aber nicht alles. Dabei ist seine Sprache nie gekünstelt, sondern eine Sprache des Alltags, die jeder Leser kennt, unterstreicht Thill.

Tagebuch eines Schriftstellers im Pyjama erscheint in einem gelb-schwarzen Gewand und ist der Originalausgabe des Verlags Mémoire d'encrier sehr ähnlich. Neben den beiden Farben spielt das Zebra eine maßgebliche Rolle. Grafiker Leonard Keidel sieht darin „einen selbstreflexiven Scherz“, der auf eine Passage im Buch verweist, in der es um Tiere in der Literatur geht. Darüber hinaus regt das abgebildete Tier die Phantasie des Lesers an, so Keidel. „Wenn sie sich fragen: Warum diese Streifen?, kommen sie auf die schönsten Geschichten. Denn das exotische Tier mit diesen Streifen ist bei uns heimisch geworden, dort wo Fußgänger und Autoverkehr einander begegnen.“

Jetzt geht Dany Laferrière, der 2015 mit dem kanadischen Orden vom Generalgouverneur von Kanada ausgezeichnet wurde, erst dieses Jahr einmal auf Lesereise durch Deutschland. Sein deutscher Verlag kündigte bereits an, seinen provokanten wie erfolgreichen Debütroman im nächsten Jahr herauszubringen. Die Leser dürfen gespannt sein.

(Wer mehr über Literatur aus Québec in deutscher Sprache erfahren möchte, dem sei an dieser Stelle die einzigartige Anthologie Anders schreibendes Amerika empfohlen, die 2000 beim Verlag Das Wunderhorn erschienen ist.)