Rimini Protokoll: 100% Montréal
Eine Insel, eine Stadt

Rimini Protokoll 100%City
© Rimini Protokoll/Hackney Theatre

Was haben wir mit den anderen Einwohnern unserer Stadt gemeinsam? Sicher, wir leben im gleichen Gebiet, aber was teilen wir darüber hinaus? Werte? Überzeugungen? Prinzipien? Das sind die Fragen, die das Stück von Rimini Protokoll zu beantworten versucht, indem es 100 Montrealer aus den verschiedensten Bevölkerungsgruppen zusammen auf die Bühne holt. Was die TeilnehmerInnen von 100% Montréal dort sagen, ist oftmals liebenswert, oftmals berührend, hingegen selten verstörend. Ist es das Spiegelbild eines Kollektivs, dessen Mitglieder grundsätzlich den Konsens der Konfrontation vorziehen?

Keine Frage, diese Art der Darstellung führt beim Publikum zu einer echten Bewusstseinsprüfung. Bei allen Fragen, die der Gruppe – einer mehr oder weniger paritätisch besetzten demografischen Stichprobe der Stadt Montreal – gestellt werden, sind wir als Zuschauer nahezu gezwungen, diese ebenfalls für uns selbst zu beantworten. In unseren Antworten und in den Antworten dieses Mikrokosmos auf der Bühne zeigt sich Offenheit, im Geist und im Herzen, und trotzdem die Furcht, die uns vor dem Anderen, dem Anderswo und dem Unbekanntem ergreift. Ob es nun Sprache, Sexualität, Religion, Geld, Umwelt oder Identität ist, die Angst ist unterschwellig stets vorhanden, sie lässt die Menschen erstarren und verleitet sie zu Untätigkeit, Wehmut und Rückzug. Zum Glück gibt es die Kinder, die als frei bewegliche Elektronen der ganzen Konstellation eine gehörige Portion Hoffnung beimischen.
 
Beim Festival TransAmériques fehlt auf der Bühne des Theaters Jean-Duceppe am Premierenabend noch etwas Öl im Getriebe dieser großen beliebten Veranstaltung, was nicht ungewöhnlich ist. Um Zahlen sprechen zu lassen, greifen Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel zu unterschiedlichen und zum Teil genialen Mitteln. Die TeilnehmerInnen von 100% Montreal streifen über die Bühne, in Bewegung gesetzt durch die Musik der Gruppe Navet confit. Sie drücken sich auf Schildern, Plakaten, bunten Tafeln und mithilfe von Taschenlampen aus. Sie ahmen alle zusammen sogar ihren routinemäßigen Tagesablauf Stunde für Stunde nach – sicherlich einer der gelungensten Momente der Aufführung.
 
Moderne Technologie hat den Menschen auf der ganzen Welt zwar die Mittel an die Hand gegeben, sich virtuell einander anzunähern, es aber damit nicht zwangläufig für Einwohner aus der gleichen Stadt leichter gemacht, einander zu begegnen. So stellt dieses Stück so etwas wie einen Kontrapunkt zu sozialen Netzwerken dar. Es ermöglicht Menschen, ihre Nachbarn zu entdecken, der eigenen Sphäre, dem eigenen engen Kreis zu entkommen und diejenigen zu sehen und anzuhören, die anders als man selbst denken, wählen, essen und beten. Und es ermöglicht ihnen, zu dem Schluss zu kommen, dass die Unterschiede zwischen uns Pluspunkte sind, nämlich die Kräfte, aus denen sich ein- und dieselbe Gesellschaft zusammensetzt.
 
Es gibt Menschen, deren Meinungen schockieren uns, und andere, glücklicherweise die Mehrheit, deren Äußerungen direkt in unsere Herzen treffen. Wenn man die Frauen und Männer auf der Bühne sieht und ihnen folgt, wird man neugierig auf ihre Antworten und möchte mehr über sie erfahren. Es ist wahrscheinlich aus diesem Grund, d.h. um den Genuss zu verlängern, der Erinnerung nachzuhelfen und das Nachdenken anzuregen, dass das Ensemble Rimini Protokoll die gute Idee hatte, an alle Zuschauer ein Heft mit Kurzportraits aller TeilnehmerInnen zu verteilen. Auf diesen Seiten findet man eine Menschlichkeit, die das Stück auf der Bühne leider nicht vermitteln kann.
 

  • Rimini Protokoll 100%City © Sandra Then
    Rimini Protokoll 100%City
  • Rimini Protokoll 100%Dresden © Pigi Psimenou
    Rimini Protokoll 100%Dresden
  • Rimini Protokoll 100%Yogyakarta © Ramon Pane
    Rimini Protokoll 100%Yogyakarta
  • Rimini Protokoll 100%Dresden © Pigi Psimenou
    Rimini Protokoll 100%Dresden
  • Rimini Protokoll 100%City © Rimini Protokoll
    Rimini Protokoll 100%City
  • Rimini Protokoll 100%Paris © William Beaucardet
    Rimini Protokoll 100%Paris
  • Rimini Protokoll 100%City © Sandra Then
    Rimini Protokoll 100%City

Lebende Bilder

Im Gespräch mit Helgard Haug und Stefan Kaegi von Rimini Protokoll

Inwieweit verkörpern die Teilnehmer von 100% Montréal die gesamte Bevölkerung von Montreal?

Stefan Kaegi: Es handelt sich hier offensichtlich nicht um eine repräsentative Darstellung im wörtlichen Sinn. Für die 1,9 Mio. Bewohner von Montreal wäre sonst ein Theater von der Größe einer riesigen Freileichtbühne notwendig gewesen. Vielmehr handelt es sich um eine Stichprobe, die auf fünf Kriterien basiert: Geschlecht, Alter, Geburtsort, Wohnviertel und Haushaltszusammensetzung.
 
Helgard Haug: Den Anfang macht stets die Person, die uns die Statistiken liefert, in diesem Fall den Zensus aus dem Jahr 2011. In Montreal war der erste Teilnehmer Benoit Van de Walle, der im städtischen Statistikteam arbeitet. Wir haben ihm 24 Stunden Zeit gegeben, eine/n zweiten Teilnehmer/in zu empfehlen, und mit der nachfolgenden Kettenreaktion haben wir dann das Ziel von 100 Personen erreicht. Es besteht also zwischen allen TeilnehmerInnen eine gewisse Beziehung, wenngleich auch nur entfernter Art. Wir haben die Einwanderungsberaterin Florence Béland gebeten, den gesamten Prozess zu begleiten, um sicherzustellen, dass die TeilnehmerInnen sich aus ihrem unmittelbaren gewohnten Umfeld entfernen, um eine Mischung zu finden aus Künstlern und Geschäftsleuten, Menschen aus dem rechten und linken politischen Lager, arm und reich.
 
Wie sind die Proben abgelaufen?

H. H.: Nachdem wir bisher jeweils nur 25 Personen zusammengebracht haben, werden wir morgen zum ersten Mal die vollzählige Gruppe versammeln. Wir haben nur wenig Zeit, die einzelnen Personen kennenzulernen, sie über sich erzählen zu lassen und dann die Vorstellung zu inszenieren, insgesamt etwa 20 Stunden. Von Anfang an haben wir die TeilnehmerInnen gebeten, sich in Frauen und Männer aufzuteilen. Es ist uns bewusst, dass das bereits zu Diskussionen führt. Die einen fügen sich dem ohne Zögern, die anderen erklären, dass sie ihr Geschlecht geändert haben, und eine dritte Fraktion stellt die Bedeutung des Geschlechterbegriffs grundsätzlich in Frage.
 
S. K.: Ehrlich gesagt zeigt dieses Stück, wie begrenzt Statistiken tatsächlich sind und wie sie Menschen in Schubladen stecken, in die sie oft nicht passen und die ihnen oft nicht gerecht werden. Zwar beruht das Stück auf statistischen Angaben und versucht diese zu interpretieren, aber es löst sich auch sehr schnell davon und erkundet die Grauzonen zwischen den Kategorien und die komplexen Leben, die sich hinter den Zahlen verbergen.
 
Was genau passiert auf der Bühne?

S. K.: Zunächst stellen sich die TeilnehmerInnen wie für Gruppenbilder rechts und links auf der Bühne auf, wo sie Fragen beantworten. Selbst gleichlautende Antworten sind mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten verbunden. So ist zum Bespiel unter den Personen, welche die Frage „Haben Sie Militärdienst geleistet?“ bejahen, ein Mann, der in Afrika im Krieg war, sowie eine schmale, zerbrechlich wirkende Frau, die man sich niemals bei der Armee vorgestellt hätte. Ganz nahe bei ihr steht ein Flüchtling, der sein Leben riskiert hat. Das Stück bringt Menschen auf ungewöhnliche Weise zusammen und zieht erstaunliche Parallelen zwischen ihren Existenzen. Die Antworten einiger Personen legen faszinierende Paradoxe offen. Das Stück ist zwar ein Gesamtportrait, aber indem wir bei einigen TeilnehmerInnen, die unsere Aufmerksamkeit erregen, nachfragen, fangen wir auf der Bühne das gesamte Ausmaß des komplexen menschlichen Lebens ein.
 
H. H.: Es ist wirklich wie ein Spiel, ein Frage- und-Antwort-Quiz mit festen Regeln. Mitunter verläuft es spielerisch, mitunter ernst. Jenseits der Zahlen und Fakten gibt es die Lebensgeschichten und die Gefühle. Deswegen fordern wir die TeilnehmerInnen auf, Zeugnis abzulegen und aus ihrem Leben zu erzählen. Diese Geschichten sind eindringlicher und aufschlussreicher als Prozentsätze.
 
Welche Themen sprechen die Bewohner von Montreal an?

H. H.: Die TeilnehmerInnen sprechen sehr offen über eine ganze Bandbreite von Themen. Sie scheuen sich nicht, ihre Meinung zu äußern. Grundsätzlich erklären sie, dass sie mit ihrem Leben in Montreal zufrieden sind. Es ist nicht unsere Absicht, diese positive Einschätzung zu überdecken und die Lebensqualität und die eindeutige Offenheit zu bestreiten, welche die Stadt Montreal scheinbar auszeichnet. Dennoch wollten wir die hiesigen Probleme und Mängel ans Licht bringen. Auch wenn das Stück anlässlich des 375. Geburtstags von Montreal aufgeführt wird, sind wir nicht hier, um für die Stadt Werbung zu machen. Zu den Dingen, die nach dem gegenwärtigen Stand des Stücks für Frustrationen sorgen, gehört die Sprachenfrage. Man spürt klar, dass es ein Gefecht um die Sprache gibt. Außerdem gibt es Leute, die mit den Umweltbedingungen unzufrieden sind. Mehrere TeilnehmerInnen beklagen sich über Straßenbauarbeiten. Andere Themen sind Arbeitslosigkeit oder die Schwierigkeit, eine Arbeit im eigenen Berufsfeld zu finden. Ein paar Teilnehmer verlangen nach dem Recht auf humanes Sterben.
 
S. K.: Es sind ganz klar verschiedene Kulturgruppen auf der Bühne vertreten. Das ergibt ein sehr buntes Bild, vor allem, wenn man es mit einem Land wie Südkorea vergleicht, wo nur 1% der TeilnehmerInnen einen Geburtsort im Ausland angegeben hatten. Es gibt mehr Haitianer als Franzosen und US-Amerikaner in Montreal, was uns erstaunt hat. Es ist überaus interessant, wie einige Einwanderer hier gelandet sind. Ihre Lebensgeschichten sind oftmals komplex und bewegend. Wir waren auch erstaunt zu hören, dass einige TeilnehmerInnen, Einwanderer der ersten Generation oder Einwandererfamilien entstammend, die Frage bejahen, ob es zu viele Immigranten in Montreal gibt.
 
Was bringt das Stück den TeilnehmerInnen und den ZuschauerInnen?

H. H.: Es bietet eine außergewöhnliche Gelegenheit, mit der eigenen Stadt und den in ihr vertretenen Kulturen auf Tuchfühlung zu gehen, etwas zu erfahren über die Dinge, welche die Menschen hier beschäftigen, über ihre Freuden und Sorgen, jenseits des Offensichtlichen und der Gemeinplätze.
 
S. K.: Für mich ist der schönste Effekt des Stücks, dass hier Leute versammelt werden, die in der gleichen Stadt wohnen, mitunter im gleichen Viertel und die manchmal sogar Nachbarn sind, aber sonst niemals miteinander gesprochen hätten. Das Stück bekommt dadurch fast einen anthropologischen Ansatz. Es bringt Gemeinschaften zusammen, hält den Einwohnern der Stadt einen Spiegel vor und gibt dem Publikum ein recht wahrheitsgetreues Bild von der komplexen Gesellschaft, der sie angehören.

 

Rimini Protokoll: 100%Montréal wird unterstützt vom Goethe-Institut und dem Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland und wurde im Rahmen von "Deutschland @ Kanada 2017  - Partner von Immigration zu Innovation" präsentiert.