Ein Gespräch mit Sven Marquardt Etwas, das bleibt

Sven Marquardt
© Ole Westermann

Der Berliner Fotograf Sven Marquardt hat mit seiner Portraitfotografie auf nationaler wie internationaler Ebene in den letzten Jahren große Bekanntheit erlangt. Im Sommer 2017 stellte er seine Arbeiten im Rahmen einer audiovisuellen Installation in Zusammenarbeit mit dem deutschen Produzenten und DJ Marcel Dettmann in der Montrealer Galerie Never Apart unter dem Titel BLACK BOX vor. Wir sprachen mit ihm anlässlich seines Künstlergespräches am 23.September 2017.

Black Box vereint Ihre Bildwelten und den Sound von Marcel Dettmann, einem der einflussreichsten DJs und Produzenten der neueren Techno-Geschichte. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und wie lief sie ab?
 
Dettmann und ich sind uns Ende der Neunziger Jahre zum ersten Mal in dem bis heute legendären Club OSTGUT begegnet. Die Betreiber von damals eröffneten nur einige Jahre später dann das BERGHAIN. Ein Junge aus dem Umland Berlins, der Platten auflegte und ein Türsteher, der damals NULL Bock mehr aufs Fotografieren hatte. Ich mochte seinen Sound schon damals – raff, dunkel, treibend...
 
2007, ich hatte wieder begonnen zu fotografieren, stand Dettmann das erste Mal vor meiner Kamera. Diese Symbiose funktioniert bis heute ganz gut. 2014 kam Marcel mal irgendwann, irgendwo auf mich zu und fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, mal etwas gemeinsam zu machen: Sein Sound, meine Bilder, so eine Art Installation - das war seine Vision und mehr wussten wir erstmal nicht. NUR noch, dass wir damit außerhalb des Clubkontextes platziert sein wollten. Das war damals der vage Plan. 
 
Ein Jahr später, ich war grade für ein Künstlergespräch in Sao Paulo, entdeckte mich der damalige Direktor des Goethe-Instituts Brasilien, Alfons Hug, wohl eher zufällig. Hug war grad dabei, eine Ausstellung in Brasilien zu kuratieren, Titel ZEITGEIST Berlin, und ein Teil der Ausstellung widmete sich der Berliner CLUBKULTUR: BLACK BOX war geboren 
 
Die Menschen in Black Box begegnen uns in ausdrucksstarken, inszenierten Porträtaufnahmen: Junge, Alte, Models, Außenseiter - wer sind diese Menschen für Sie?
 
Ich fotografiere seit Anfang der Achtziger. Meine Kamera wurde damals zum Stil und Ausdrucksmittel meines ganz eigenen Lebensgefühls und dem der Abgebildeten.  Das ist wohl bis heute so geblieben, auch wenn sich natürlich mein Umfeld / die Protagonisten geändert haben und ebenso natürlich der ZEITGEIST. Geblieben ist, dass ich immer nur Menschen fotografiert habe: Freunde, Kollegen, Wegbegleiter und immer immer wieder der Augenblick vor und hinter der Kamera. Sich immer wieder aufeinander einlassen. Seit bestimmt 10 Jahren sehe ich mich selbst mehr und mehr in der konzeptionellen Fotografie angekommen.

  • Black Box 1 © Sven Marquardt
    Black Box 1
  • Black Box 2 © Sven Marquardt
    Black Box 2
  • Black Box 3 © Sven Marquardt
    Black Box 3
  • Black Box 4 © Sven Marquardt
    Black Box 4
  • Black Box 5 © Sven Marquardt
    Black Box 5
  • Black Box 6 © Sven Marquardt
    Black Box 6
  • Black Box 7 © Sven Marquardt
    Black Box 7

In ihrer Autobiographie beschreiben Sie Ihre Jugendzeit in der alternativen Szene Ost-Berlins: DDR und Punk - wie passte das zusammen?
 
Jede Gesellschaft, jede Kultur erzeugt eine Gegenkultur und vielleicht umso mehr, wenn man in einer Diktatur aufwächst. Ich habe schöne Erinnerungen an meine Kindheit / Jugend in Ostdeutschland, aber irgendwann begann die Zeit, in der man anfing, die Dinge nicht mehr nur als gegeben hinzunehmen und so entsteht wohl eine Gegenkultur. Die heute beinah legendäre Szene um den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg war vielschichtig. Irgendwann war ich ein Teil davon. Der Ost-Berliner Underground / die Boheme des Prenzlauer Berg wurde schon oft zitiert - es waren die Achtziger Jahre. Punk und New Wave-Einflüsse machten nicht einfach halt vor einer Mauer aus Stein & Stacheldraht. Es war bestimmt nicht ganz ungefährlich, was wir damals taten, wie wir lebten, uns NO FUTURE auf die Lederjacken pinselten.  Wenn ich heute Fotos aus der Zeit sehe, denke ich: Haha, wie süß wir aussahen – jung, bockig, mit Schmollmund. Aber vielleicht bewahrte uns genau diese Naivität vor Schlimmerem. Und Schlimmeres gab es ganz bestimmt. Vor einigen Jahren gab es mal eine Ausstellung zu dieser Zeit / zu diesem Thema. Der Titel: IN GRENZEN FREI. Ich glaube sie beschreibt ganz gut, was wir damals fühlten, was in unseren Köpfen vorging.
 
Für Menschen, die es selbst nicht miterlebt haben, ist es oft schwer vorstellbar: von einem Tag auf den anderen gab es die DDR als Staat nicht mehr. Wie haben Sie den Mauerfall und die unmittelbare Zeit danach erlebt?
 
Der Fall der Mauer 1989 - einer der wichtigsten Momente deutsch/deutscher Geschichte bedeute aber auch für unzählige Menschen Verlust, den Verlust der eigenen Identität. Niemand wusste das vorher, denn es hatte ja niemals zuvor so etwas schon einmal gegeben.
 
Ich stürzte mich damals in diese neue FREIHEIT – Freiheit? Was bedeutet das überhaupt? Das man tun und lassen konnte, was man will und vor allem wo man will? Und welchen Preis zahlt man eventuell genau dafür? Manchmal geht mir dieser Begriff noch heute auf meinen Reisen durch den Kopf, und das ich das wohl auch erst erlernen musste.
 
Anfang der Neunziger legte ich nicht nur meine Kamera weg, sondern wohl auch den Stolz darauf, ein Ostdeutscher zu sein; verleugnete in der Szene beinahe meine Herkunft. 
Alles war weg/anders und auch ich hatte erstmal ein Identitätsproblem. Ich war damals 27 und einer Generation zugehörig, in der noch einmal alles möglich war. Meine Kamera fehlte mir nicht. Ich tat diese Zeit ab mit: Bestimmt brauchte ich die Kamera nur als so eine Art Krücke unerfüllter Wünsche/Sehnsüchte.  JETZT war alles möglich. Ich entdeckte die Berliner Clubszene und sie irgendwann mich.
 
Das Interesse an Berlin, an seiner Geschichte, sowie der vielfältigen Kultur- und Clubszene, ist seit Jahren ungebrochen. Wie erleben Sie diesen langlebigen Berlin-Hype?
 
Ich habe 2014 mit meiner Autobiografie DIE NACHT IST LEBEN anhand meines Lebensweges eine Berliner Geschichte erzählt. Erleben durfte ich 25 Jahre in einer geteilten Stadt und noch einmal 25 Jahre nach dem Mauerfall. Für mich ist Berlin immer noch Heimat und natürlich hat sich so vieles verändert. Aber ich erkenne diese Stadt noch und manchmal bedaure ich, wenn Dinge, Häuser, Orte für immer verschwinden. Ich erkenne Berlin noch, meine Lieblingsecken, Straßen, Viertel sind vertraut, nur die Darsteller sind natürlich vielerorts schlichtweg andere. NORMAL! Und Ecken die mir ganz fremd sind, waren es vielleicht auch schon früher. Manchmal, wenn ich von meinen Reisen zurückkehre, aus fernen fremden Kulturen, Millionenmetropolen, schaue ich kurz vor der Landung in Berlin Tegel aus dem Fenster und denke: Verdammt! Die Maschine ist bestimmt nach Wuppertal entführt worden - alles sieht so klein und friedlich aus. Dann kann ich für einen Moment diesen ganzen Berlin Hype überhaupt nicht nachvollziehen. Und wenn in Berlin in meinen LieblingsFASHIONstores niemand vom Personal mehr deutsch spricht, regt mich das kurz mal auf. Aber das sind ja auch nur Nischen und es ist doch toll, dass es die gibt. Sven Marquardt am 23.09.2017 beim Künstlergespräch in Montreal Sven Marquardt am 23.09.2017 beim Künstlergespräch in Montreal | © Goethe-Institut Montreal
 
Zur Finissage Ihrer Ausstellung in Montreal werden Sie erstmals nach Kanada reisen. Worauf sind Sie besonders gespannt?
 
Ich glaube ich bin nicht der Typ, der mit so riesiger Erwartungshaltung losfährt, auch nicht derjenige der schon Wochen zuvor mit einem Reiseführer daheim aufwarten kann. Ich reise ja immer mit meinen Bildern, meine Konzentration liegt im Vorfeld auf die Show der Bilder. Ich möchte ja den Besucher damit in den Bann ziehen, ebenso bei den Artist Talks weltweit. Ich weiß nie vorher, wieviel Menschen sich dafür interessieren werden. Kommt überhaupt jemand?
Und dabei hatte ich so tolle Begegnungen vielerorts. DAS erhoffe ich mir natürlich auch für Montreal. Der Rest ist ja immer wieder ein Abenteuer, sich auf Neues, Fremdes einzulassen dieses Gefühl aus Respekt und Neugierde. Ein Stück ist das vielleicht ähnlich wie bei meiner Arbeit als Fotograf. Man kann/muss im Vorfeld so vieles vorbereiten, planen und organisieren.
Aber dieser Moment, wenn man sich dann gegenüber steht, der ist ja immer wieder aufs Neue spannend. Ein Abenteuer: das erhoffe ich mir auch für Montreal.