Ein Gespräch mit A Wall Is A Screen
Eine Donnerstagnacht in Quebec

A Wall is a Screen
© A Wall is a Screen

Das Künstlerkollektiv A Wall Is A Screen zeigt auf von ihnen zusammengestellten Stadttouren kuratierte Kurzfilme, die auf die Wände der Stadt projiziert werden. Durch die Interaktion mit der Umgebung entstehen Kommentare zu Themen wie Stadtentwicklung oder Urbanismus im öffentlichen Raum. Anlässlich ihrer Aufführung am 21. September 2017 zum Festival de Cinéma de la ville de Québec haben wir Sarah Adam, Sabine Horn und Peter Haueis von A Wall Is A Screen in Montreal getroffen und uns über die Aufführung in Quebec, die Arbeit im Kollektiv und ihre Zukunftspläne unterhalten.

Gruppenbild A Wall Is A Screen © A Wall is a Screen
Wie habt Ihr Euch auf die Vorführung in Québec vorbereitet? Hat sich die Vorbereitung von der in anderen Städten unterschieden? Wie habt Ihr die Wände ausgesucht?

Peter Haueis: Vorbesichtigungen und Vorbereitungen für eine Tour bedeuten immer viel Laufen, in Hinterhöfe gehen, in die entlegensten Ecken schauen - wir streunen wirklich durch die Stadt, um die sieben Orte zu finden, an denen die Tour dann stattfinden wird. Wir sind natürlich immer darauf angewiesen, dass die lokalen Partner, wie hier das Festival de Cinema de Québec,  uns zum Beispiel bei den Genehmigungen helfen und uns sagen, was geht und was nicht.
Sarah Adam: Wir fragen die Orte an und holen die Genehmigungen ein. Einen Tag vor der Aufführung machen wir noch eine Probe. Wir prüfen die technische und inhaltliche Eignung unserer Wahl konkret an den Orten, und stellen erst dann die Tour so zusammen, wie sie stattfinden wird. Wir stehen manchmal auch eine Stunde an einem Ort und probieren verschiedene Lösungen aus.
Peter Haueis: Bei dieser Probe ist es allen Gruppenmitgliedern möglich, sich nochmal vor Ort einzubringen. Wir reagieren sehr spontan auf die Situation, die wir vorfinden und ändern sehr oft unsere Filmauswahl noch kurz vor der eigentlichen Tour. In Quebec waren die Vorbereitungen etwas komplexer, weil wir Filme mit französischen Untertiteln brauchten. Daher mussten wir in diesem Fall im Vorfeld noch präziser arbeiten als sonst.
Sarah Adam: Eigentlich können wir die Veranstaltung in Quebec erst dann beschreiben, wenn sie passiert ist. 
Peter Haueis: Genau. Man weiß ja nie, wer stolpert, vorbeifährt, und was die besonderen Momente der Tour ausmachen wird. Ein schönes Beispiel ist eine Vorführung in der Hamburger U-Bahn, der Film hieß On a Wednesday Night In Tokyo, in dem eigentlich nur Leute im Berufsverkehr in die Tokioter U-Bahn gestopft werden. Während der Vorführung lief plötzlich eine asiatische Touristengruppe zwischen Publikum und Projektion durchs Bild. Das war ganz zufällig, hat den Event aber natürlich sehr bereichert.
 
  • Projektion in Quebec © A Wall is a Screen
    Projektion in Quebec
  • Zuschauer © A Wall is a Screen
    Zuschauer
  • Projektion in Quebec © A Wall is a Screen
    Projektion in Quebec
  • Projektion in Quebec © Max-Antoine Guérin
    Projektion in Quebec
  • Vorbereitungen in Quebec © Max-Antoine Guérin
    Vorbereitungen in Quebec
  • Projektion in Quebec © A Wall is a Screen
    Projektion in Quebec
  • Sarah Adam während der Vorführung in Quebec © Max-Antoine Guérin
    Sarah Adam während der Vorführung in Quebec

Ein neuer Kontext aus Film und Ort

Gibt es für die Aufführung ein übergeordnetes Thema? Welche konzeptionellen Gedanken beeinflussen Eure Entscheidungen?

Peter Haueis: In Quebec haben wir kein generelles Oberthema, was bei anderen Festivals allerdings oft der Fall ist. Wir haben uns diesmal gegen eine typische Altstadt-Tour entschieden, und bewusst Orte jenseits der touristischen Pfade ausgewählt, die eine andere Auseinandersetzung mit Stadt und Gesellschaft fordern. Wir möchten die Stadt aus einer alternativen Perspektive zeigen und bei unseren Touren auch auf Stadtentwicklungsprozesse eingehen. Das ist relativ abstrakt, denn es kann ein genereller ästhetischer oder auch ein präziser sozialer Kommentar sein. Wir achten sehr darauf, dass wir nicht belehrend wirken, und dass alle Perspektiven offen bleiben. Wir zeigen in eine Richtung, aber überlassen die Interpretation den Zuschauern. Es entsteht ein neuer Kontext aus Film und Ort.

Wie werden die Filme ausgesucht, wie stellt Ihr Euren Fundus zusammen?

Sarah Adam: Wir selbst haben eine Datenbank mit ca. 900 Filmen, für die wir selbst die Rechte halten. Diese Filmdateien haben wir immer dabei, und wir haben sie größtenteils alle im Kopf. Darüber hinaus recherchieren wir nach relevanten Schlagwörtern unter 40.000 Kurzfilmen in der Datenbank der Kurzfilmagentur Hamburg, unserem lokalen Partner. Bei der Auswahl für Quebec war es zum Beispiel die Frage, was wir an französischsprachigen Filmen haben. Um aktuell zu bleiben und auch immer neue Filme anbieten zu können, gehen wir auf viele Filmfestivals, zum Beispiel auf das Clermont-Ferrand-Festival, auf dem viele Verleihe und Vertriebe Ihre neuen Filme vorführen
Sabine Horn: Wir schauen unglaublich viele Filme, häufig ist bei 100 Filmen nur einer dabei, der zu uns passt. Statt nach Stichworten zu suchen, ist es oft effektiver, bei den Leuten im Filmarchiv nachzufragen.

IN GROßsTÄDTEN SIND DIE MENSCHEN RESERVIERTER

Bemerkt Ihr starke Unterschiede im Publikum, wenn Ihr in andere Länder geht?

Peter Haueis: Das kanadische und deutsche Publikum ist schwer so pauschal zu unterscheiden. Wir bemerken Unterschiede vor allem zwischen kleineren und größeren Städten. Der Kontakt zum Publikum ist in kleineren Städten einfacher herzustellen, in Großstädten sind die Menschen reservierter. In Montreal und Quebec allerdings fällt uns eine sehr viel intensivere Nutzung des öffentlichen Raumes auf. Hier (in Montreal) stehen zum Beispiel Klaviere zur freien Nutzung durch Passanten an bestimmten Orten. Das ist mit Sicherheit ein Unterschied zu Westeuropa, und wir sind gespannt, wie sich das bemerkbar macht. Québec ist eine kleinere Stadt mit einer starken kulturellen Identität. Auch das wird sicherlich einen Einfluss auf die Rückmeldungen des Publikums geben.
Sabine Horn: Wir schauen uns das Land, in das wir gehen, vorher genau an. In Ramallah in Palästina oder Indien findet das Leben viel stärker auf der Straße statt. Dort muss man ganz anders arbeiten. Es ist dort viel schwieriger, eine Tour zu veranstalten. Die Leute bleiben stehen und schauen, aber kommen ungern mit in unbekanntes Terrain. In Osteuropa, wo wir schon viel gemacht haben, fällt uns eine große Offenheit gegenüber Kunstaktionen auf. Vielleicht liegt das auch daran, dass dort noch nicht so eine Sättigung herrscht.

Wie hat sich Euer Kollektiv seit 2003 weiterentwickelt?

Sabine Horn: Unsere Arbeitsweise hat sich in 15 Jahren natürlich stark verändert. Am Anfang haben wir einmal mit 3 Personen beim Hamburger Kurzfilmfestival mitgemacht, und es war gar nicht geplant, weiterzumachen. Dann kamen aber so viele positive Rückmeldungen und dann auch gleich die nächste Anfrage – aus Osnabrück –, dass wir dabei geblieben sind. Technisch haben wir uns stark erweitert. Wir haben mit einem Ghettoblaster angefangen, den wir einfach auf die Straße gestellt hatten. Personell haben wir uns auch verdoppelt auf heute 6 Personen. Durch die starke Betonung einer kollektiven Arbeitsweise müssen wir uns heute sehr viel besser organisieren.
Sarah Adam: In den 15 Jahren haben nicht nur wir uns verändert, sondern auch die Technik allgemein. Die erste Sichtung von Orten kann man heute per Internet machen, damit man einen ersten Eindruck hat. Dennoch legen wir größten Wert auf die persönliche Sichtung der Örtlichkeiten, aber es ist schon eine Hilfe bei der Vorplanung, die Karten auch in der Straßenansicht zu haben.

Gibt es für Euch ein „Traumprojekt“ oder Eure „Traumstadt“ für eine Aufführung? Warum?

Sarah Adam: Wir würden sehr gerne einmal nach Südamerika. Wir haben das schon mehrmals versucht, aber es hat dann letztlich nie geklappt.
Peter Haueis: Mein Traum wäre es, etwas in Madagaskar zu machen. In der Hauptstadt (Antananarivo) gibt es auch ein Kurzfilmfestival, und die madagassische Kultur des Selbermachens passt sehr gut zu unserer Arbeitsweise.
Sabine Horn: Und dann gibt es doch auch noch die Fahrradtour…
Peter Haueis: Stimmt, die wollten wir auch unbedingt noch machen. Die Fahrradtour planen wir schon seit mehreren Jahren. Leider machen das inzwischen andere schon, aber wir wollen die Idee jetzt auch endlich mal umsetzen.

Nächstes Jahr feiert Euer Kollektiv 15 Jahre Bestehen – plant Ihr etwas Besonderes?

Sabine Horn: Wir haben ja schon etwas gemacht. Das Hamburger Ausstellung "Nach Indien kommt Regensburg" in Hamburg Ausstellung "Nach Indien kommt Regensburg" in Hamburg | © Sylvia Grom Kurzfilmfestival hatte eine schöne alte Halle gemietet, die abgerissen werden sollte. Um diese Halle noch zu nutzen, haben wir unsere Jubiläumsfeier  vorgezogen und dort eine Ausstellung organisiert. Aus 26.000 Fotos von unseren Touren, Einsendungen, Presseberichten und privaten Fotos der Vorbereitungen und Reisen ist "Nach Indien kommt Regensburg", eine tolle Sammlung, entstanden, die wir als Endpunkt der 15. Festivaltour in Hamburg gezeigt haben.
 

Die Tour von A Wall Is A Screen in Quebec ist Teil von "Deutschland @ Kanada 2017 - Partner von Immigration zu Innovation"