Das Werk der Choreografin Anna Konjetzky Breathing

Chipping - Anna Konjetzky
© Franz Kimmel

Die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Münchner Choreografin Anna Konjetzky inszeniert seit 2005 Tanzstücke und -installationen und hat sich als „Architektin des Raums“ einen Namen gemacht. 

Anna Konjetzky Anna Konjetzky | © Anna Konjetzky Inspiriert durch Sinn für Raum und Zeitverlauf scheinen ihre Stücke den Körper und die räumliche Anordnung immer neu zu hinterfragen, wobei es gleichzeitig gelingt, im Rahmen der Choreografie Intimität zu schaffen. Mit bildhaften Andeutungen erweitert sie ihre Anfragen an das Räumliche und, wie ihrer Webseite zu entnehmen ist, kann sie „den Blick durch den Körper auf die Welt lenken. Möglichkeiten denken. Risiken nehmen. Zerbrechlichkeit suchen“.
 
Wie viele zeitgenössische Choreografinnen zeigt Konjetzky den gravierenden Einfluss veränderter Raum-, Licht- und Klangverhältnisse auf die Wahrnehmung. Sie gibt dem Publikum nie vor, was es denken soll, zeigt ihm aber, wo es hinschauen soll. In einem Stück wie Lighting (2014) lenkt sie den Blick des Betrachters auf ihre zehn Tänzerinnen und Tänzer. Auf der leeren Bühne pulsieren die Körper dicht gedrängt in einer Intensität, die der unbändigen Kraft von Massenprotesten und Demonstrationen nachspürt, gleichzeitig aber auch den Momenten, in denen diese in unkontrollierbare Spannung und Gewalt umschlägt. Konjetzky spricht über diese leichte Entzündlichkeit: „Wenn ich etwas anzünde, liegt die Handlung nicht mehr in meiner Hand, vielmehr kreiert das ‚brennende‘ Objekt nun seinen eigenen Ablauf, der sich meiner Kontrolle völlig entzieht“

Breathing

Der verstorbene kanadische Choreograf Jean-Pierre Perreault bemerkte einmal, dass „Menschen für zwei Dinge ein Gespür haben: für andere Menschen und für den Raum, der sie umgibt und durchdringt”. Wenn Konjetzky mit Raum und Bewegung spielt, nutzt sie den Raum nicht einfach nur, sondern geht auf den Raum ein, in dem das Stück stattfindet. Sie spricht über ihre „ständige Erforschung des Körpers im Verhältnis zum Raum und zur Architektur sowie die Erforschung der Wahrnehmung“.
 
Zu ihrem Projekt Breathing (2017) bemerkt Konjetzky in Interviews: „Mich interessiert das Atmen als grundlegender Vorgang, der alle Menschen verbindet. Ich interessiere mich für den höchst intimen Aspekt daran. Ich interessiere mich für die transzendentale Erfahrung des tiefen Atmens. Ich interessiere mich für die beiden großen Emotionen oder Zustände, die das Atmen ins Äußerste bringen: Leidenschaft und Angst“. Dieser Insistenz folgend lenkt breathing unsere Aufmerksamkeit auf diese oft vernachlässigte Grenzerfahrungen. Das Stück wirft Fragen zum Wesen eines so gewöhnlichen, bisweilen jedoch auch rätselhaften Vorgangs auf, bis hin zum Potential von physischer und mentaler Stärke und Ausdauer. Konjetzky erzwingt den Dialog über die Erkundung des Grates zwischen dem Absehbaren und dem Unerwarteten.

Dem Werk von Konjetzky wohnt ein neu entwickelter Sinn für communitas inne, eine Neuorientierung hin zur Gruppendynamik und zum gemeinsamen Wollen, zu Menschen, die gemeinsam auf die Reise gehen. Ihr kluges Bewusstsein und Verständnis der lebendigen Architektur verändert die Erfahrung des Tanzes von Grund auf: im Vordergrund steht der Einzelne auf dem Weg der Veränderung, ergänzt durch die Betrachtung und das kinästhetische Einfühlen in den Darsteller, der diesen Prozess durchläuft, und in diese Augenblicke der Transzendenz.
 
Der innovative, experimentelle Tanz der Choreografin ist Teil einer Kunstbewegung, die das Konzeptionelle und die Bedeutsamkeit von Ideen in den Vordergrund stellt. Susanne Traub beschreibt dies mit folgenden Worten: „Ein wesentlicher Aspekt ihrer Arbeit ist, dass sie Sinneswahrnehmungen aktiv den Raum einbringt. Daher verlässt sie den klassischen Bühnenraum, um sich Installationsräumen zuzuwenden“.

DER TEILNEHMER IST NIEMALS NUR UNBEFANGENER ZUSCHAUER

 

Konjetzky kreiert Umfelder für ihre Darsteller. Für den Zuschauer ist die Konfrontation mit Räumen außerhalb der traditionellen Bühne eng mit einer neuen Erfahrungsdimension verbunden, in der der Betrachter seine Wahrnehmung neu ausrichtet, das Maß an Kontrolle austariert, wie auch die Bewusstseinszone und die Bereitschaft, derer es bedarf, diesen Weg zu mitzugehen.
 
Die Aussagekraft von Konjetskys Darstellungen erwächst einem Können, das um die Herausforderungen und Zwänge weiß, die mit dem Aufbruch auf eine Reise verbunden sind, und ein neues Verständnis dafür erschließt, wie die Erfahrungen und das Tun der Tänzer und der Choreografin, und letztlich auch des Zuschauers, einen verborgenen Sinn vermitteln – durch konzeptionelle Veränderungen im emotionalen Ausdruck, in der visuellen Wahrnehmung und in der physischen Verkörperung.
 
In seinem Artikel „Some Speculative Hypotheses About the Nature and Perception of Dance and Choreography“ schreibt Ivar G. Hagendoorn, dass die Zuschauer „gleichsam mittanzen“ und oft eine deutlich veränderte Wahrnehmung erleben, wenn sie angespannt oder angestrengt zuschauen. Aus der Perspektive des Betrachters können die Zuschauer beispielsweise die Kraft und die Anstrengungen des Tanzes aufnehmen, gleichzeitig begreifen oder erkennen sie praktisch unweigerlich auch etwas über ihre eigene Interpretation des Tanzstücks.
 
Als wesentliches Element ihrer Installationen entwickelt Konjetzky bei der Gestaltung des architektonischen Rahmens eine ganz individuelle Rolle für den Besucher des Raums, vor allem dessen Einbindung in das Geschehen, das sich vor ihm abspielt. Der Teilnehmer ist niemals nur unbefangener Zuschauer. Im Stück Abdrücke (2015) hören die Zuschauer Atemgeräusche, sehen eine Figur in einen reflektierenden, durchsichtigen, schmucklosen Glaskubus eingeschlossen, wobei sich die Intimität bzw. Klaustrophobie des Raums verstärkt. Beim Betrachten der Darstellerin entsteht ein Gefühl der persönlichen Identifikation mit der Person, die dort eingezwängt in vornübergebeugter Haltung etwas auf ein Blatt Papier kritzelt. Der Betrachter kann sich der voyeuristischen Vorstellung hingeben, dass die Inszenierung nur für ihn allein stattfinde. Die Versunkenheit des Tanzes steht hier in enger Verbindung mit der eigenen Wahrnehmung des Dargestellten – was sowohl für die Tänzerin als auch den Zuschauer desorientierend sein kann, aber auch etwas bewegen und verändern kann.

 

In Konjetzkys Stücken geht es stets um unser Verhältnis zum Raum. Sie beobachtet, wie wir leben und wie wir unser Leben ordnen. In Chipping (2014) beleuchtet sie die Bewegungsmöglichkeiten von Körpern im Raum – durch die Erkundung eines Raums, der in Bewegung zu sein scheint. Die Gestaltungselemente des Stücks sind mehrere bewegliche Holzkuben und Kisten mit Antrieben, Flaschenzügen und Kabeln, die sich mal langsam verschieben und mal schneller, dynamischer bewegen.
 
Im Zentrum all dieser Bewegung und Immensität befindet sich sofort erkennbar der Körper eines verhüllten Tänzers, der seinen Weg durch diese als beschwerlich dargestellte Umgebung finden muss. In seiner Rezension unter tanecniaktuality.cz beschreibt Ian Biscoe die Bühnenhandlung näher: „Der Körper muss sich beständig neuen Gegebenheiten anpassen und sich in einem schwankenden Raum seinen Weg suchen: jeder Schritt ein neuer Balanceakt, jede Bewegung immer neu gedacht, neu austariert und jeder Weg neu gefunden. Selbst der passive Körper kann auf dieser Bühne nicht ruhen: der bewegte Raum treibt ihn an, deformiert und verschlingt ihn.“

Konjetzky bemerkt zu den Kräften, die in Chipping wirken, folgendes: „Rastlosigkeit ist für mich als Bewegungsforschung sehr spannend. Aber auch in der Gesellschaft scheint alles immer schneller zu werden: Informationsüberflutung, ständige Erreichbarkeit und Verfügbarkeit, scheinbar grenzenlose Entscheidungsfreiheit und das Diktum permanenter Leistungsfähigkeit sind ein gesellschaftlicher Raum, der uns beständig zu Schritten zwingt – oder sie ermöglicht.“
 

Konjetzky choreografiert mit einer kompromisslosen Ehrlichkeit, die ihre persönlichen Sichtweisen ausdrückt, wobei Grunderfahrungen des menschlichen Lebens den Kern ihrer Arbeit bilden. Die Choreografin betont in allen ihren Stücken die Bedeutsamkeit des Einzelnen auf dem Weg der Veränderung, ebenso wie die wechselseitige Beziehung und kinästhetische Empathie zwischen Zuschauern und Darstellern, was zum gemeinsamen Erleben eines transzendentalen Augenblicks führt.