Berlinale 2017 Berlinale Nr. 17: Offene Wunde Film

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Berlinale Talents | © Berlinale

Was für die Berlinale schon lange gilt, ist inzwischen zum weltweiten Trend geworden: TV-Produktionen haben sich auf den meisten internationalen Filmfestivals inzwischen einen festen Platz erarbeitet. 

Besonders gespannt bin ich in diesem Jahr auf 4 Blocks von Marvin Kren (German trailer) mit dem bereits aus Victoria bekannten Frederick Lau: Der Film spielt in dem von verschiedenen Araber-Clans dominierten Stadtbezirk Berlin-Neukölln.

Wem Deutschland '83 gefallen hat, der sollte auch das Ost-West-Spionage-Drama Der gleiche Himmel von Oliver Hirschbiegel (Der Untergang) (Trailer), nicht verpassen, in dem der aus Oh Boy bekannte Tom Schilling einen Charmeur spielt, der für die Stasi Frauen verführt. Die Serie hat bereits in Fachkreisen auf der Mipcom in Cannes viel Zuspruch erhalten. „Im Berlinale Special zeigen wir Acht Stunden sind kein Tag von Rainer Werner Fassbinder, der belegt, dass es bereits 1972 starke Fernsehproduktionen gab”, erklärt Berlinale-Direktor Dieter Kosslick in einem Interview mit der FNP.

Zu den prominenten deutschen Schauspielern, die in diesem Jahr in internationalen Produktionen zu sehen sind, gehört Bruno Ganz (Der Untergang; Remember), der in Sally Potters mit Spannung erwartetem Wettbewerbsfilm The Party mitspielt. Ganz ist auch in dem Film In Zeiten des abnehmenden Lichts von Matti Geschonneck zu sehen, der in der Sektion Berlinale Special gezeigt wird. Lars Eidinger (Personal Shopper) spielt neben Sam Riley und Kate Bosworth in der BBC-Serie SS-GB von Philipp Kadelbach – eine dystopische Version der Luftschlacht um England (der König gefangen genommen, Churchill tot, die Achsenmächte haben gewonnen), gegen die der Brexit wie ein Sonntagsspaziergang (oder eine düstere Vorahnung) wirkt.

Was viele nicht wissen: Die Berlinale ist auch für das Goethe-Institut eine Erfolgsgeschichte. Toronto drückt seinen künstlerischen Mitarbeitern kräftig die Daumen, als da wären Heinz Emigholz mit seiner vierteiliegen Serie Streetscapes; Oliver Husain, dessen La Isla Maria 3D (englischer Trailer) im Bereich Forum Expanded läuft. Chris Gehmann und Bruce La Bruce aus Toronto sind hier mit einer nicht weniger kühnen deutschen Produktion zu sehen. Mit Anja Dornieden und Juan David Gonzalez sowie Daniel Kötter präsentieren außerdem drei ehemalige Artists-in-Residency des Goethe-Instituts Toronto ihre neuesten Werke. Gemeinsam mit der Ryerson University haben wir zudem die in Berlin lebende Filipa César gerade dem kanadischen Publikum vorgestellt. Auch sie ist auf der Berlinale vertreten. Und im Rahmen des Goethe-Programms Iranian Modernity („Die iranische Moderne“) ist auch Nema-ye Nazdik zu sehen, ein Film des verstorbenen Regisseurs Abbas Kiarostami aus dem Jahre 1990.

Es sind jedoch nicht nur die Filme, die politischen Statements und die Namen, die in diesem Jahr auf der Berlinale die Schlagzeilen bekommen. Es gibt Gerüchte, dass das Festival in den nächsten Jahren den Potsdamer Platz verlassen und in den nahegelegenen Martin-Gropius-Bau umziehen wird, wo bereits der European Film Market beheimatet ist. Vielleicht, so munkelt man, wird es auch ein neues Medienhaus geben, das die Berlinale und die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) beherbergen soll. Was aus diesen Plänen wird, wissen wir wohl erst, wenn Dieter Kosslik im Jahr 2019 seinen Direktorposten an den Nagel hängt.

Und auch was das Resümee zu Dominik Grafs neuer Berlinale Dokumentation Offene Wunde Deutscher Film betrifft, müssen wir uns wohl gedulden: Wie vorausschauend der Film am Ende wirklich ist, werden wir erst im Lauf des Jahres oder noch später erfahren. Dann werden wir auch sehen, was aus diversen lang angelegten Projekten geworden ist, etwa dem von Regisseurin Anne Zohra Berrached, deren Film 24 Wochen im letzten Jahr als einziger deutscher Film im Wettbewerb lief, und die gerade für ihren neuen Film The Wife of the Pilot auf dem vielfrequentierten Berlinale Co-Production Market Koproduktionspartner sucht. Schauspielerin Julia Jentsch, die für 24 Wochen mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, sitzt in diesem Jahr in der Jury, deren Vorsitz der Regisseur Paul Verhoeven übernommen hat. Der vielseitige Niederländer wird derzeit mit seinem Film Elle international gefeiert. 

Was die Pressekonferenzen 2017 betrifft, werden diese allem Anschein nach keinen Deut weniger kontrovers als die letztjährigen werden. Mehr Tipps und Blicke hinter die Kulissen in den nächsten Ausgaben der Berlinale People – einer Interviewreihe mit internationalen Filmemachern und Schauspielern. Also dann: Gute Projektion & happy festivalling!