Berlinale-Blogger 2017 Ein künstlerisches Gemeinschaftsprojekt in Form und Inhalt

One Plus One Makes a Pharaoh’s Chocolate Cake
Foto: Islam Kamal, Marouan Omara

Zwei Regisseure arbeiten zusammen an einem mit VHS-Kamera aufgezeichneten Film, der den Versuch dokumentiert, eine Mischung zwischen Islam Chipsy, einem der berühmtesten Musiker auf populären ägyptischen Festivals, und der Schweizer Komponistin für zeitgenössischer Musik, Aïsha Devi, zu schaffen.

Die beiden Regisseure verfassten das Drehbuch auf Grundlage von Notizen, die ihnen von einer der Parteien vorlagen. Daraus entstand der Film One Plus One Makes a Pharaoh’s Chocolate Cake von Marouan Omara und Islam Kamal, der im Rahmen des Expanded-Forum-Programms gezeigt wurde. Ein Beispiel für Übereinstimmung von Form und Inhalt.

Inhalt ist die Idee zur Erschaffung eines Kunstprojektes vor dem besonderen Hintergrund des Zusammentreffens zweier Musiker mit völlig unterschiedlichen kulturellen und künstlerischen Hintergründen. Ein Zusammentreffen, das in diesem Fall mehr von den Managern der beiden Personen als von der Begeisterung von Islam und Aïsha selbst an der Schaffung des Stückes getrieben zu sein scheint. Was die Form anbelangt, so ist der Aufbau des Filmes selbst Ausdruck des Leidens, des Hin- und Hergerissenseins und der unendlichen potenziellen Möglichkeiten während des künstlerischen Schaffensprozesses.

„Am Anfang stand die Idee des Zusammentreffens zweier Arten von Musik, von der angenommen wird, dass sie eine abstrakte, universelle Sprache der Verständigung sei. Aber das Vorwissen über die sozialen und kulturellen Hintergründe der beiden Seiten stellt diese Definition auf den Prüfstand. Daraus entstand die Idee, ein heute nicht mehr gebräuchliches Aufnahmeverfahren anzuwenden und HD-Qualität durch VHS zu ersetzen. Diese Technik passt besser zur Form beider Musikarten, die auf Improvisation und spontanen Umschwüngen beruht, die nicht konserviert werden“. So erläuterte der Co-Regisseur Islam Kamal die Ausgangsidee und die Wahl des Formats.

Im Anschluss an viele Filmszenen erscheint auf der Leinwand ein Text, der an Anmerkungen auf dem Schnittmaterial erinnert: Kommentare über eine Szene, die ausgeschnitten werden soll oder für den Film nichts bringt. Am Ende erfahren wir, dass es die Anmerkungen von Aïshas Manager sind. Denn trotz des besagten Eindrucks, dass der Manager mehr Begeisterung über das Projekt zeigte als Aïsha selbst, so handelte es sich dabei doch eher um eine Begeisterung unter Marketing-Aspekten als um eine Begeisterung wie sie der Künstler selbst hat, der ständig vom echten Wunsch beseelt ist, auszuprobieren und vielleicht aufgrund des Zusammenpralls der Künstlerpersönlichkeiten zunächst in der Sackgasse zu landen, zumal, wenn es darum geht, die persönliche Komfortzone eines jeden Künstlers zu verlassen.

Der Regisseur Marouan Omara stimmt dem teilweise zu: „Ich stimme zu, dass der Film das Interesse der Manager an der Durchführung des Gemeinschaftsprojekts mehr zeigt, als das der Künstler selbst. Aber ich kann das nicht darauf zurückführen, dass die Künstler an dieser Zusammenarbeit nicht interessiert waren. Aus meiner persönlichen Erfahrung in der künstlerischen Zusammenarbeit mit Ägyptern und Menschen anderer Nationalitäten weiß ich, dass die Idee des Gemeinschaftsprojektes komplexer ist als nur eine Frage des Egos und der Komfortzone, auch wenn man diese Bedeutung natürlich nicht ignorieren kann.“

Das Gemeinschaftsprojekt zeigt sich auch im Abspann des Films, der auf die Regie durch Marouan Omara und Islam Kamal verweist. Dazu sagte Omara: „Islam ist einer der wichtigsten visuellen Künstler der Gegenwart. Es wäre ungerecht, ihn nur als Kameramann und Cutter zu nennen. Die Titel sind der Versuch, ihm als Beteiligter an der Entstehung des Projektes in seiner finalen Form gerecht zu werden“.