Berlinale-Blogger 2017 In Pecks Filmen haben Worte Gewicht

In Pecks Filmen haben Worte Gewicht.
I Am Not Your Negro, Foto (Ausschnitt):© Dan Budnik

„I Am Not Your Negro” postuliert die Kluft zwischen dem weißem und dem schwarzem Amerika. „Der junge Karl Marx” behandelt das Missverhältnis zwischen den Reichen und der Arbeiterklasse. Beide Filme beruhen auf Äußerungen von Männern, die sich mit den Spaltungen in ihrer jeweiligen Gesellschaft beschäftigten – und in beiden haben Worte enormes Gewicht. 

Schließlich ist die Beschäftigung mit Rassen- und Klassenspaltungen umso relevanter in Zeiten, in denen ein milliardenschweres Staatsoberhaupt pausenlos über ein Einreiseverbot auf der Basis missliebiger Staatsangehörigkeit twittert. Raoul Peck jedoch, Regisseur von I Am Not Your Negro und Der junge Karl Marx, bezieht sich nicht auf diese aktuell herrschende Person, sondern allgemein auf die Vergangenheit und ihre Verbindung zur Gegenwart. „Die Leute vergessen, dass die Welt vor diesem schon viele andere Trumps gesehen hat“, sagte er bei der Berlinale 2017 anlässlich einer Vorführung von I Am Not Your Negro vor ausverkauftem Haus. Die Worte des 1987 verstorbenen Schriftstellers und Sozialkritikers James Baldwin, der Hauptfigur des Films, fassen die Haltung von Pecks Filmen ebenfalls gut zusammen. „Wir tragen unsere Geschichte mit uns herum“, schrieb Baldwin, und: „Wir sind unsere Geschichte.“ Was Baldwin und sein Werk angeht, so erklärte Peck dem Berliner Publikum: „Er hat im Grunde mein Leben verändert.“

In eindrucksvollem Ton schildert Erzähler Samuel L. Jackson, wie sich in Amerika das Thema Rassenungleichheit tatsächlich ausgewirkt hat. Der für einen Oscar nominierte Film I Am Not Your Negro bezieht sich inhaltlich auf Baldwins unvollendetes Manuskript über die Morde an den Bürgerrechtlern Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King. Jedes seiner aufschlussreichen, leidenschaftlichen und erhellenden Worte hallt nach wie die wütendste und zugleich wichtigste Lektion, die das Publikum jemals zu hören bekommen wird.

Der junge Karl Marx Der junge Karl Marx | The Young Karl Marx © Kris Dewitte Vieles von dem, was in diesem innovativen, essayistischen Dokumentarfilm über die Realität gesagt wird, mit der Afroamerikaner sowohl historisch als auch heute konfrontiert waren und sind, kommt nicht überraschend. Ebenso wenig neu sind die Parallelen, die sich in punkto Unterdrückung nicht weißer US- Bürgerinnen und -Bürger zwischen vergangenen und aktuellen Ereignissen ziehen lassen. Und dennoch ist alles, was in dem Film gesagt wird, scharf und schneidend bis zur letzten Silbe – sogar bis zum letzten Buchstaben, dank der gezeigten Schilder aus den Archiven, der auf die Leinwand geschriebenen Memos und auch der Texte, die aus anderen, thematisch passenden Filmen eingebunden sind. Ein derart ausdrucksstarkes Unterfangen, das sich nicht auf die Nahsicht konzentriert, sondern im großen Maßstab denkt und es vermeidet, seine Perspektive einfach nur auf die angegebenen Themen zu beschränken, steht singulär für sich.

Pecks nachfolgendes Werk ist ein Spielfilm, dessen Herangehensweise sich auf den ersten Blick von seinem Vorgängerwerk unterscheidet, der aber in seinen Zielen und Auffassungen raffiniert mit diesem verwoben ist. Denn was im Mittelpunkt der gefälligen historischen Filmbiografie Der junge Karl Marx steht, ist sofort offensichtlich, wenn Karl Marx, verkörpert von August Diehl, auf Friedrich Engels (Stefan Konarske) trifft, sich mit ihm anfreundet und sie gemeinsam ihre Ideologie entwickeln.

Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft vereint sie ihr Zorn über die Ungleichheiten zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen im Deutschland, England, Paris des 19. Jahrhunderts und anderswo. Diese Wut und Entschlossenheit fassen sie voller Inbrunst in Worte und dokumentieren diese in ihrem berühmten Manifest. Der Film präsentiert nicht nur eine vielschichtige Erzählung über die Hauptfiguren und ihre Philosophie, sondern in gleichem Maße auch eine Denkweise, die im Widerspruch zu heutiger Politik und Gesellschaft steht, wie die Montage mit Bildern aus der jüngsten Geschichte im Abspann deutlich macht. Was er zudem zu bieten hat, ist eine weitere von Pecks pointierten, gewichtigen und mitreißenden filmischen Darstellungen von Gespräch, Sprache, Theorien und Konzepten, die darauf ausgelegt sind, Opposition zum Ausdruck zu bringen, Änderungen herbeizuführen und etwas zu bewegen