Nino Ricci über Thomas Mann „Tonio Kröger” von Thomas Mann

Tonio Kröger von Thomas Mann – Buchverlag Der Morgen, Berlin 1978
Tonio Kröger von Thomas Mann – Buchverlag Der Morgen, Berlin 1978

Meine erste Begegnung mit Thomas Mann fand in einem Proseminar statt, in dem wir Tod in Venedig lasen. Die Zusammenstellung von Mann-Texten enthielt einige weniger bekannte Schriften, von denen ich vermutete, dass sie als Füllmaterial eingefügt worden waren. Einer dieser Texte war die Erzählung Tonio Kröger.

In jenen Tagen war es nicht meine Gewohnheit mehr als die Pflichtlektüre für ein Seminar zu lesen. Schlaf und andere Freizeitaktivitäten beanspruchten schließlich auch meine Zeit. Im Fall von Thomas Mann jedoch verspürte ich eine gewisse Verpflichtung dann doch noch etwas weiter zu gehen. Schließlich hatte er einen Nobelpreis erhalten – oder vielleicht war es auch die stille Hoffnung, dass die Lektüre einige seiner kürzeren Werke mich davon verschonen würde, jemals die wesentlich längeren zu lesen. Tod in Venedig war für mich zuerst befremdlich – bis unser Literaturprofessor das Werk für uns zugänglich machte. Er tat dies mit einer Gründlichkeit und Verve, dass es sich bis heute in meinem Kopf wie ein radioaktives Isotop festgesetzt hat. Tonio Kröger hingegen – eine Art Vorspiel zu Tod in Venedig – las ich zunächst eher widerwillig, um mir die Zeit auf dem Weg zu Malerjobs während der Semesterferien zu vertreiben; es war dann jedoch Tonio Kröger, der sich einen direkten Weg in mein verworrenes Seelenleben bahnte.

Es gibt viele Bücher, die mich als Schriftsteller beeinflusst haben. Tonio Kröger aber gehört zu dem kleineren, jedoch viel entscheidenderen Kreis an Werken, die mir die Vorstellung von einem Leben als Schriftsteller überhaupt erst ermöglicht haben. Die zentrale Frage in meiner Jugend, die ich sicherlich mit vielen, hoffnungsvollen Jungschriftstellern teile, war nicht, ob ich Schriftsteller werden wollte – nichts wünschte ich mir sehnlicher –, nein, die Frage war, ob ich einer werden konnte. Meistens endete meine Selbstbefragung mit einem Nein, wodurch mir meine Zukunft wie eine Klippe erschien, von der ich in naher Zukunft herabstürzen würde. Doch von Zeit zu Zeit konnte ich mich an einem rettenden Anker festhalten. Aufzeichnungen aus dem Untergrund war ein solcher Anker: Wenn es in der Literatur Platz gab für eine so erbärmlich verdorbene Figur wie in Dostojewskis Erzählung, dann gab es vielleicht auch Platz für mich. Im Fall von Tonio Kröger war es etwas hintergründiger. Der Titelheld ist ein „verirrter Bürger“. Ein Freund sagt über ihn, er sei jemand, der sich nach den „Wonnen der Gewöhnlichkeit“ sehnt, sich jedoch von ihnen und vom Normalen und Alltäglichen für immer ausgeschlossen fühlt. Erst durch Tonio Kröger erkannte ich die Chance meiner Erlösung. Die von mir bis zu diesem Punkt durchlittenen Demütigungen und Fehlschläge verwandelten sich in die Bausteine meiner schriftstellerischen Ausbildung.

Tonio Kröger ist ein Vertreter der klassischen Untergruppe der Bildungstradition, die wir als Künstlerroman bezeichnen. Das Werk ist eine Art Psychodrama, wobei sich die Eröffnungs- und Schlussszene um die zentrale Achse eines langen Diskurses in der Mitte drehen, in dem Tonio Kröger seiner Freundin Lisaweta erklärt, weshalb ein Dichter tot im Leben sein muss, um gut darüber schreiben zu können. Obwohl Thomas Mann erst 25 Jahre alt war, als er Tonio Kröger schrieb, erscheint uns seine Figur als abgekämpfter Schriftsteller in der Mitte seiner Karriere, der vom Typ her vielen meiner Kollegen ähnelt: abgestumpft, verkommen und von Weltschmerz verzehrt; von der Eitelkeit ganz zu schweigen. Es gibt viele Zeilen in der Erzählung, von denen ich als junger Student ganz eingenommen war, bei denen ich heute allerdings nur noch grinsen kann. An einer Stelle will Tonio Kröger „frei vom Fluch der Erkenntnis und der schöpferischen Qual leben“.

Was seine Figur rettet, und der Grund, warum ich in ihm vor so vielen Jahren eine so enge Seelenverwandtschaft sah, ist die authentische Empfindung hinter seinem distanzierten Hochmut, das wahre Gefühl von Verlust. Diesen Verlust zu empfinden fällt mir heute schwerer als in meiner Jugend, als der Schmerz meines Selbsthasses so viel roher und kostbarer war. So kann ich heute die Erregtheit und Hoffnung, die Tonio Kröger früher in mir hervorriefen, nur noch schwer nachempfinden. Damals jedoch war ich völlig baff gewesen. Bis auf einige kleine Unterschiede gab es hier jemanden, der wie ich war; jemand, der sich sehnte, aber dem es nicht gelang, normal zu sein.

„Hatte ich euch vergessen?“ fragt der schon erfolgreiche Schriftsteller in Gedanken an den Jungen, dessen Freund er hatte sein wollen, oder an die junge Frau, deren Zuneigung er gesucht, dann jedoch verloren hatte. „Nein, niemals! Nicht dich, Hans, noch dich, blonde Inge! Ihr wart es ja, für die ich arbeitete, und wenn ich Applaus vernahm, blickte ich heimlich um mich, ob ihr daran teilhättet.“

Diese Gefühle klingen heute für mich etwas zu romantisch und herablassend, aber das war nicht der Fall, als ich sie zum ersten Mal vor rund drei Jahrzehnten las; damals besaßen sie die Kraft der Offenbarung. Ich hatte ein Erklärungsmuster für mein Leben gefunden, bei dem all meine Erniedrigungen zu Auszeichnungen wurden; jeder Halbstarke, der mich gepiesackt hatte, jedes beliebte Mädchen, das mir nicht einmal die Uhrzeit hatte sagen wollen. Durch Tonio Kröger kam ich zu der Erkenntnis, dass die Dinge, von denen ich dachte, dass sie mir die höheren Weihen der Literatur verwehren würden, nämlich mein Verlangen normal zu sein und der absolute Fehlschlag dieses Verlangens, in Wahrheit für den Werdegang des Schriftstellers unabdingbar sind.

Nino Ricci © Paul-Antoine Taillefer Nino Ricci © Paul-Antoine Taillefer Nino Ricci,
Toronto