Sorel und der erste deutsche Weihnachtsbaum
Deutsche Spuren in Montreal

Sorel und der erste deutsche Weihnachtsbaum in der neuen Welt © Goethe-Institut Montreal

Sorel und der erste deutsche Weihnachtsbaum in der neuen Welt

Die Stadtchronik von Sorel, einer Kleinstadt knapp 40 km östlich von Montreal am südlichen Sankt-Lorenz Ufer gelegen, überrascht den interessierten Leser mit der Information, dass in ihrer Stadt „der Weihnachtsbaum sein erstes Erscheinen auf nordamerikanischem Boden hatte“. Die Lokalgeschichte beruft sich diesbezüglich auf die Beschreibung des Weihnachtsabends des Jahres 1781 im Hause des Generalmajors Friederich Adolphus von Riedesel und dessen Gemahlin, der Baronin Friederike Charlotte Luise von Riedesel, geborene von Massow.

An besagtem Abend seien im Hause Riedesel in Sorel eine kleine Gruppe von deutschen und englischen Offizieren zu Gast gewesen und hätten zusammen den Weihnachtsabend in einem Salon verbracht, in dessen Ecke „ein an den Zweigen mit Früchten dekorierter und von Kerzen beleuchteter Weihnachtsbaum stand“, so zumindest beschreibt der Biograph der Baronin von Riedesel, Max von Eelking, fünfzig Jahre nach Ablauf des Ereignisses dieses interessante Detail eines Weihnachtsfestes in Sorel. Aus der Feder der Baronin selbst findet man zu diesem spezifischen Detail leider keinen Eintrag in ihren umfangreichen Aufzeichnungen.

Hause des Generalmajors Friederich Adolphus von Riedesel Hause des Generalmajors Friederich Adolphus von Riedesel in Sorel | © Monik Richter

Dichtung also? oder doch Wahrheit?

Erste Quellen zur Existenz des Tannenbaums, wie der Weihnachtsbaum in Deutschland auch sehr oft genannt wird, weisen auf eine Handschrift aus dem Jahre 1605 aus Straßburg im Elsass hin. Es ist also keineswegs abwegig, dass 175 Jahre später der Brauch eines festlich geschmückten Nadelbaumes zum Weihnachtsfest letztendlich auch seinen Weg mit einem deutschen Söldnergeneral bis in die Provinz Quebec nach Sorel gefunden und sich dann über den ganzen Kontinent ausgebreitet hat. Allerdings, so der Soreler Historiker Mathieu Pontbriand, der sich intensiv mit dieser Geschichte befasst hat, stehe der überzeugende Beweis zur historischen Wahrheit dieser Geschichte noch immer aus.
 
Die Soreler fechten dieses Detail jedoch nicht wirklich an und sie sind nach wie vor stolz auf ihre Rolle in der Verbreitung des Weihnachtsbaumes in der neuen Welt.
 
Nun ist aber, ganz abgesehen von der Weihnachtsbaumgeschichte, die Frage durchaus interessant, was einen hohen preußischen Offizier nebst Gemahlin dazu veranlasst haben mochte, sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts ausgerechnet in der Quebecer Kleinstadt Sorel niederzulassen?
 
Der erste deutsche Weihnachtsbaum in der Neuen Welt Der erste deutsche Weihnachtsbaum in der Neuen Welt | © Monik Richter Hier zumindest sind die Primärquellen eindeutig, ausreichend vorhanden und geben einen erhellenden Einblick in einen wenig bekannten Aspekt direkter Beziehungen des damaligen Deutschen Reiches mit der gerade frisch etablierten englischen Kolonie Kanada, welche die  Franzosen nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges im Frieden von Paris 1763 an England abtreten musste. Um diese neue englische Kolonie nun gegen Angriffe der amerikanischen Revolutionsarmee im gerade beginnenden Unabhängigkeitskrieg gegen England (1776-1783) zu schützen, entsandte der englische König George III, gebürtig aus dem deutschen Hause Hannover, kurzerhand eine deutsche Söldnerarmee. Warum aber ausgerechnet deutsche Soldaten? Er wollte damit wohl vermeiden, dass „englische Soldaten auf englische Soldaten schießen müssen“, und so kamen zwischen 7000 und 10000 deutsche Söldner, damals „Braunschweiger“ genannt, unter dem Oberbefehl des Generalmajors von Riedesel nach Quebec zur „Landesverteidigung“ der englischen Krone!
 
Von den am Ende des Krieges überlebenden Söldnern blieben dann ca. 2500 in Kanada, wovon wiederum 1400 Männer sich im Sankt-Lorenz Tal ansiedelten und mit meist frankokanadischen Frauen neue Familien gründeten. Laut amtlicher Statistiken waren am Ende des 18. Jahrhunderts ungefähr 10% aller Vorfahren der frankophonen Quebecer deutscher Abstammung. Diese ersten deutschen „Immigranten“ haben sich innerhalb nur einer Generation total assimiliert und ihre Familiennamen wurden fast alle der französischen Sprache angepasst. So waren damals auch ungefähr 20% aller Ärzte in Quebec ebenfalls deutscher Herkunft, meist ehemalige Militärärzte. Interessantes Detail für die Montrealer Stadtgeschichte: Der deutsche Arzt Henri Pierre Loedel war der Gründer des "Montreal General Hospital" sowie der Medizinischen Fakultät der renommierten McGill Universität.
 
Ob aber nun Weihnachtsbaum oder Stammbaum, innerhalb der französischsprachigen Bevölkerung Quebecs finden sich zahlreiche genetische sowie historische deutsche Spuren dank der Expeditionsarmee des Herrn von Riedesel, dessen 1781 gebautes Haus nebst Weihnachtsbaum-Salon in Sorel (Maison des Gouverneurs) heute unter Denkmalschutz steht und auf Ihren Besuch wartet.