Ottawa und die Deutsche Einheit
Deutsche Spuren in Ottawa

War Museum in Ottawa © War Museum

Die Deutsche Einheit in Ottawa

Ein mit Graffiti geschmücktes Stück der Berliner Mauer, eine Dankesgabe der deutschen Regierung, war ursprünglich im „Conference Centre“ in Ottawa ausgestellt. Es sollte an die bedeutende Rolle dieses Ortes für die deutsche Einheit erinnern.

Als im November 1989 die Mauer fiel, erkannte Hans-Dietrich Genscher die zwingende Notwendigkeit eines Vertrages, der den beiden deutschen Staaten volle Souveränität von den alliierten Siegermächten garantierte. Genscher, der als gewiefter Stratege bekannt war, wollte sich die Gelegenheit, die sich anlässlich der im Februar 1990 in Ottawas „Conference Centre“ stattfindenden „Open-Skies-Conference" bot, alle an einen Tisch zu bringen, nicht entgehen lassen. Er führte mit den Siegermächten vorab Sondierungsgespräche, in denen er forderte, dass die beiden deutschen Staaten als gleichwertige Verhandlungspartner behandelt werden sollten. Für die beiden Supermächte, die Vereinigten Staaten (USA) und die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR), war vor allem der Truppenabzug ein wichtiger Verhandlungspunkt.
 
Ein Stück Berliner Mauer in Ottawa Ein Stück Berliner Mauer in Ottawa | © War Museum An einem bitterkalten Februartag trafen sich der westdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher und seine Amtskollegen James Baker (USA), Roland Dumas (FR), Douglas Hurt (UK) und Markus Meckel (DDR) zum Frühstück in der deutschen Botschaft in Ottawa. Während sich die Außenminister der NATO und der Staaten des Warschauer Pakts mit der Festlegung der gegenseitigen Luftraumüberwachung beschäftigten, fanden gleichzeitig geheime Treffen statt, die einem Spionageroman als Stoff dienen könnten. Die Außenminister der alliierten Siegermächte und die beiden deutschen Außenminister eilten von einem geheimen Treffen zum anderen. Die Termine wurden alle minutiös von James Bakers Sekretärin koordiniert. Sie wusste nicht nur, wo ihr Chef jederzeit zu erreichen war, sie wurde auch von den Botschaften über die jeweiligen Aufenthaltsorte der anderen Beteiligten auf dem Laufenden gehalten. Beim Frühstück, zu dem der deutsche Botschafter am 13. Februar in die Botschaft eingeladen hatte, wurde ein Entwurf des Zwei-Plus-Vier-Vertrages ausgearbeitet, der noch mit dem abwesenden sowjetischen Außenminister abgesprochen werden musste. James Baker fuhr nach dem Frühstück sofort zum „Conference Center“, wo die Minister gerade ihre Plätze am ovalen Beratungstisch einnahmen. Mit Hilfe von Eduard Shevardnazes Übersetzer fing James Baker den sowjetischen Außenminister ab und unterrichtete ihn über den Inhalt des handschriftlich abgefassten Vertrages. Noch am gleichen Tag segnete der sowjetische Staatschef Mikhail Gorbachev den Vertrag ab und stimmte damit auch überraschenderweise einer Truppenstärke in Europa zu, die zugunsten der USA ausfiel. Im „Conference Centre“ in Ottawa gruppierten sich Shevardnaze, Baker, Dumas, Hurt, Genscher und Meckel, den man auf allen Fotos leicht an seinem schwarzen Bart erkennt, zu einem gemeinsamen Foto, ohne den Grund zu verraten. Als die Außenminister der Niederlande, Italiens und Belgiens später durch die Presse erfuhren, was sich in Ottawa hinter ihrem Rücken abgespielt hat, bezweifelten sie die Legitimität des Vertrages und verlangten ein Mitspracherecht. Einen Friedensvertrag hatte es ja nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands nie gegeben. Die alliierten Siegermächte bestanden jedoch auf der Rechtmäßigkeit des Zwei-Plus-Vier-Vertrages, da sie, gemäß dem Potsdamer Abkommen, die alleinige Verfügungsgewalt über Deutschland hatten.
 
Anfang August 1990 eroberten Saddam Husseins Truppen Kuwait und die deutsche Einheit verlor weltpolitisch für die am Krieg gegen Irak beteiligten Siegermächte an Bedeutung. Hätte Hans-Dietrich Genscher nicht so rasch gehandelt und wäre die Gelegenheit, die alliierten Siegermächte an einen (Frühstücks-)Tisch zu bringen, nicht genutzt worden, wer weiß, wie lange die deutsche Einheit noch auf sich hätte warten lassen.

Das Stück der Mauer, das an den 1990 in Ottawa ausgehandelten Zwei-Plus-Vier-Vertrag erinnern soll, ist seit 2009  im Kriegsmuseum in Ottawa zu sehen.

Website