Bruno Piglhein
Deutsche Spuren in Québec City und Umgebung

  • „Cyclorama de Jérusalem“ in Sainte-Anne-de-Beau © Goethe-Institut Montreal
    „Cyclorama de Jérusalem“ in Sainte-Anne-de-Beau
  • „Cyclorama de Jérusalem“ in Sainte-Anne-de-Beau © Goethe-Institut Montreal
    „Cyclorama de Jérusalem“ in Sainte-Anne-de-Beau

Bruno Piglheins Panoramagemälde in Sainte-Anne-de-Beaupré

Das riesige Rundgemälde „Cyclorama de Jérusalem“ in Sainte-Anne-de-Beaupré zeigt die Kreuzigung Christi. Diese kleine Ortschaft ist ca. 30 km östlich von Quebec-Stadt am Nordufer des Sankt-Lorenz-Stroms gelegen und vor allem für die Basilika bekannt, ein beeindruckendes katholisches Gotteshaus und ein sehr bekannter Wallfahrtsort Nordamerikas.

Wie kommt ein Gemälde eines gebürtigen Hamburgers und Wahlmüncheners in die kanadische Provinz Quebec?
 
Bruno Piglhein kam 1848 in Hamburg zur Welt. Nach seiner Schulzeit machte er eine Ausbildung als Bildhauer und später als Maler. Er arbeitete in verschiedenen Ateliers und lernte sein Metier an der Akademie für Bildende Künste in Dresden und an der Kunstschule in Weimar. Im Alter von 22 Jahren zog er nach München. Von 1885 bis 1886 reiste er nach Paris und nach Jerusalem, um Studien für sein späteres Meisterwerk „Die Kreuzigung Christi“ anzufertigen. Im Jahr seiner Rückkehr nach München wurde Piglhein Professor und war als solcher 1892 an der Gründung der Münchener Secession beteiligt. Als Maler hatte er vor allem Erfolge mit religiösen und mythologischen Darstellungen. Der Münchener Geschäftsmann Joseph Halder beauftragte Bruno Piglhein mit einem Panoramabild, auch Rundgemälde genannt, das Jerusalem zur Zeit der Kreuzigung Christi darstellen sollte. Nach Piglheins Entwürfen führten die Landschaftsmaler Josef Block, Johann Adalbert Heine und Joseph Krieger zusammen mit Piglhein das Werk aus. Am 1. Juni 1886 wurde das Piglhein-Panorama „Die Kreuzigung Christi“ (14 Meter hoch und 100 Meter breit!) in München präsentiert. Im 19. Jahrhundert waren solche Rundbilder sehr beliebt und entwickelten sich zu einem Massenmedium. Die riesigen Gemälde wurden in extra dafür geschaffenen Gebäuden untergebracht und als Wandermedien von Stadt zu Stadt weitergereicht. So auch das Bruno-Piglhein-Panorama, das nach München in Berlin und in Wien ausgestellt wurde. In Wien verbrannte es im Jahr 1892, sehr zu Piglheins Bedauern, versteht sich. Genauere Angaben darüber, wie es zu dem Brand kam, gibt es nicht.

Wie gelangt nun ein dem Piglhein-Panorama zum Verwechseln ähnliches Rundbild mit den gleichen Abmessungen nach Sainte-Anne-de-Beaupré?

Da Panoramagemälde im 19. Jahrhundert sehr populär waren, entstanden in Paris, Brüssel, München, Milwaukee und Chicago spezialisierte Unternehmen, in denen Rundgemälde hergestellt wurden. Paul Philippoteaux, Sohn des bekannten französischen Landschaftsmaler Félix-Antoine Philippoteaux, eröffnete in den USA das Atelier Chicago Panorama Inc. Hier tauchte auch zum ersten Mal der Begriff „Cyclorama“ auf. In diesem Atelier entsteht das im Cyclorama von Sainte-Anne-de-Beaupré ausgestellte Rundbild der Kreuzigung Christi. Hier scheiden sich die Geister. Denn diese Kopie (wie auch eine andere in der Schweiz) soll ohne Wissen oder Einwilligung Piglheins und seiner Münchener Kollegen angefertigt worden sein. Andere Quellen berichten, der in der Panorama-Branche tätige amerikanische Geschäftsmann Ernest Pierpont soll Piglhein persönlich getroffen haben und dieser soll ihm die bei seinem Jerusalembesuch im Jahr 1855 angefertigten Studien und andere Unterlagen geliefert haben, um eine Reproduktion der Kreuzigungsszene zu ermöglichen. Jedenfalls erstellten angesehene Maler unter der Leitung von Paul Philippoteaux im Auftrag Pierponts das heute im Cyclorama de Jérusalem von Sainte-Anne ausgestellte Rundbild. Es wurde 1888 oder 1889 von Chicago nach Montreal gebracht und dort auf einem Platz an der Ecke Rue Sainte-Catherine und Rue Saint-Urbain in einem speziell dafür konzipierten Gebäude gezeigt. Das Panoramagemälde und sein Gebäude wechselten mehrmals die Besitzer, bis die Familie Blouin in Sainte-Anne Eigentümer wurde und es bis heute unter dem Namen „Cyclorama de Jérusalem“ leitet. Auf der Homepage des Unternehmens wird Piglhein ausdrücklich als Initiator dieses Werks angeführt. Ob er seine Skizzen, Pläne und andere Informationen dem Amerikaner Pierpont zur Verfügung gestellt hat oder nicht, bleibt ungewiss. Auf alle Fälle sollten Sie das Cyclorama bei Ihrem Besuch dieser Region Kanadas besichtigen. Das imposante Gemälde, die spezielle Beleuchtung und die Trompe-l’œil-Technik vermitteln den Eindruck, der Betrachter stände mitten im Geschehen der Kreuzigung Jesu in Jerusalem.

 Webseite: Cyclorama de Jérusalem