Alvo von Alvensleben
Deutsche Spuren in Vancouver und Umgebung

  • Haus der Familie von Alvensleben im Viertel Kerrisdale, jetzt „Croften House“ © Goethe-Institut Montreal
    Haus der Familie von Alvensleben im Viertel Kerrisdale, jetzt „Croften House“
  • Haus der Familie von Alvensleben im Viertel Kerrisdale, jetzt „Croften House“ © Goethe-Institut Montreal
    Haus der Familie von Alvensleben im Viertel Kerrisdale, jetzt „Croften House“
  • Im Inneren des „Croften House“ © Goethe-Institut Montreal
    Im Inneren des „Croften House“

Aufstieg und Fall des Alvo von Alvensleben

Das Leben in Britisch-Kolumbien (BC) wurde in der ersten Dekade des letzten Jahrhunderts maßgeblich von Deutschen mitbestimmt. Immigranten strömten nach Vancouver, um dort ihr Glück als Holzfäller und Minenarbeiter, Buchhalter und Buchbinder, Immobilienentwickler oder Bierbrauer zu versuchen. Auch in der elitären Gesellschaft von Vancouver waren die Deutschen gerne gesehen. Schließlich war die 1901 verstorbene Victoria, Königin von Großbritannien und Irland, Großmutter des deutschen Kaisers.

Drei Jahre später machte sich Gustav Konstantin von Alvensleben, kurz Alvo von Alvensleben genannt, auf nach Kanada. Alvo stammte aus einer aristokratischen Familie und reiste mit nur 4 US Dollar in der Tasche in den Westen. Früh erkannte er das gewaltige Potential von BC mit seinen Bodenschätzen, reichen Fischbeständen und riesigen Waldflächen. Doch er wusste noch nichts von dem größten Schatz, der sich in Vancouver verbarg. Ähnlich wie heute waren es Grund und Boden, die zu Reichtum führten und nicht, wie er ursprünglich gedacht hatte, die Suche nach Gold.

Nachdem sich Alvo einige Monate mit wenig standesgemäßen Jobs durchgeschlagen hatte, wuchs sein Interesse an der Entwicklung von Immobilien. Schnell wurde ihm klar, dass er, um Erfolg zu haben, diesbezüglich auf seine guten Kontakte nach Deutschland zurückgreifen musste. Durch die kleinen Jobs lernte er die Provinz und die feine Gesellschaft von Vancouver besser kennen. Er jagte Wild im „Fraser Valley“ und verkaufte es an die besten Restaurants der Stadt und an den elitären „Vancouver Club“.

1905 kaufte er sich ein Fischerboot und nutze die BC Lachswanderung, um frischen Lachs an seine Kunden zu liefern. Mit dem Erlös gründete Alvo die Firma „Alvensleben Finance and General Investment Co”. Schon bald flossen die ersten deutschen Gelder nach BC und innerhalb von 18 Monaten kaufte er sich einen Sitz an der damals noch verschlafenen Börse in Vancouver. Seine Investoren waren unter anderem Dr. Theobald von Bethmann-Hollweg, der Kanzler des Kaisers, der preußische Generalfeldmarschall von Mackensen, Emma von Mumm, Bertha Krupp und schließlich Kaiser Wilhelm höchstpersönlich. Als Pionier auf verschiedenen Gebieten finanzierte Alvo ein Ölförderunternehmen und widmete sich außerdem der Holzwirtschaft, Kohleförderung und Fischerei.

Alvo war eine flamboyante Persönlichkeit und ein Paradiesvogel, der durch seinen Charme auch Investoren zu begeistern vermochte. Schon bald hieß es, Alvo sei „Kaiser Wilhelms Mann in Nordamerika” und könne sogar zum Premier von BC aufsteigen. Mit der Verbindung nach Deutschland kam auch das Geld. Mit deutschen Mitteln finanzierte er das Dominion Gebäude an der Ecke Cambie und Hastings Street. Es wurde 1910 zum höchsten Bau im British Empire gekürt. Für seine Familie baute er ein herrschaftliches Heim im noblen Viertel „Kerrisdale“, das jetzt „Croften House“ heißt und eine Mädchenschule beherbergt.
 
Heute ist der Erbauer der beiden Gebäuden fast in Vergessenheit geraten. Im „Croften House“ findet man auf einer Tafel nur noch einen kleinen Hinweis auf Alvo von Alvensleben.

Regelmäßig kamen Besuche aus dem Kaiserreich. Für sie baute Alvo das exklusive „Wigwam Inn“ nahe dem „Indian Arm Provincial Park“ und bot dort Spaziergänge im Wald, Tanz im Mondschein und feine Speisen und Getränke an. Auch die Milliardäre John D. Rockefeller und John Jacob Astor waren Gäste im „Wigwam Inn“. Man sprach von Alvos „Luftkurort”. Heute gehört das „Wigwam Inn“ einem Segelklub, der nur für Mitglieder zugänglich ist und in dem nichts mehr auf den deutschen Ursprung hinweist.

Alvo pflegte in Vancouver seine deutschen Wurzeln weiter. In der „Granville Street“ gründete er den „Deutschclub”, um seine Investoren mit einer eleganten Einrichtung sowie reichlich Bier und Wein bei Laune zu halten. Der Klub existiert heute nicht mehr. Auch für die deutsche Arbeiter- und Mittelschicht in Vancouver gab es viele Möglichkeiten, gesellige Abende zu verbringen. Hierzu gehörte der „Ratskeller“ im Untergeschoss des „Thomas Flack Block“ oder auch das „Cobb Building“ gegenüber dem Dominion Gebäude. Dort verkehrten deutsche Holzfäller und Bauern, Mechaniker und Minenarbeiter. Aber der wohl prominenteste Besucher war der damals noch unbekannte Buchhalter Joachim Ribbentrop, der später den adeligen Titelzusatz „von“ bekam und die Gunst Adolf Hitlers gewann.

Alvos deutsche Beziehungen wurden ihm schließlich zum Verhängnis. Erst kam es 1913 in der alten Heimat selbst zu einer anhaltenden Rezession, bei der Alvo den größten Teil seines 25 Millionen Dollar Vermögens (was einem heutigen Wert von 500 Millionen Dollar entspricht) verlor, dann musste er zu Kriegsbeginn nach Seattle flüchten, um nicht in einem Internierungslager zu enden. 1917 beteiligte sich auch die USA am Krieg und Alvo wurde interniert. Sein restliches Vermögen in Kanada wurde als „Canadian Custodian of Enemy Property” beschlagnahmt. Von diesem Schlag erholte sich Alvo von Alvensleben nie wieder und starb verarmt 1965 in Seattle. Aber sein Vermächtnis bleibt und ist Teil der Geschichte Vancouvers.