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Das Unsichtbare sichtbar machen
Wie Comics zum Prozess der Versöhnung beitragen können

Comics als Beitrag zur Versöhnung
© Photo by Zakaria Ahada on Unsplash

Der Begriff Versöhnung steht für ein vielschichtiges Konzept des konstruktiven Umgangs mit Konflikten und traumatischen Erfahrungen. Comic-Erzählungen können einen Beitrag zu dieser Art der Aufarbeitung von Vergangenheit leisten, wie zahlreiche Autorinnen und Autoren in der Geschichte der Kunstform gezeigt haben.

Von Lars von Törne

Ein erster Schritt zur Versöhnung besteht nach allgemeinem Verständnis darin, sich über Geschehnisse in der Vergangenheit klar zu werden, um Trauerarbeit zu leisten oder die Wahrheit zu ermitteln. Dazu haben in der Geschichte des Comics zahlreiche Werke beigetragen. Ein herausragendes Beispiel ist Keiji Nakazawas Manga-Erzählung „Barfuß durch Hiroshima“ (1976/1980) über den Zweiten Weltkrieg und die Atombombenabwürfe aus Sicht der japanischen Bevölkerung. Ein moderner Klassiker ist Art Spiegelmans „Maus“ (1986/1991), in dem der Autor die Holocaust-Erfahrungen seines Vaters und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart verarbeitet hat. Ein Thema, dessen sich nach Spiegelman auch viele andere Autorinnen und Autoren angenommen haben, so wie der israelische Zeichner Michel Kichka in seiner Graphic Novel „Zweite Generation – was ich meinem Vater nie gesagt habe“ (2012). Auch Sarah Gliddens autobiografisch-analytischer Reisebericht „Israel verstehen in 60 Tagen“ (2011), in dem die US-Zeichnerin ihre eigene jüdische Identität mit der Geschichte des Staates Israel in Beziehung setzt, kann in diesem Zusammenhang gesehen werden.

Das Besondere an Comics wie den Genannten: Sie finden aktuelle Bilderfolgen für oft lange Zeit zurückliegende Vorgänge, die durch klassische visuelle Medien wie Fotografie und Film nicht oder nur wenig dokumentiert sind. Auf diese Weise machen Comics das Unsichtbare sichtbar. Hierin liegt eine der besonderen Stärken der Kunstform, die gerade bei der Aufarbeitung der Vergangenheit von großer Bedeutung sein kann.

Als nächster Schritt im Prozess der Versöhnung wird oft der Austausch zwischen Opfern und Tätern gesehen. Auf Täterseite geht es unter anderem um die Übernahme von Verantwortung sowie um Fragen wie Schuld und Reue. Bezüglich der Opferseite steht oft im Vordergrund, gehört zu werden, eine Stimme beim Austausch über die Vergangenheit zu haben und so im Idealfall die Genugtuung zu erfahren, die zuvor von den Tätern geschriebene Darstellung der Geschichte korrigieren oder in ihrem Sinne ergänzen zu können.
Auch hierzu haben Comics immer wieder ihren Beitrag geleistet. So hat die Zeichnerin Barbara Yelin in ihrer von der eigenen Familiengeschichte inspirierten Graphic Novel „Irmina“ (2014) die Frage von persönlicher Verantwortung im Nationalsozialismus thematisiert. Jochen Voit und Hamed Eshrat haben in ihrem biografischen Comic „Nieder mit Hitler!“ (2018) ähnliche Fragen bezüglich der NS-Zeit und auch der DDR behandelt. Als ein Beispiel für die Korrektur der lange von einer Gruppe dominierten Geschichtsschreibung lässt sich Gord Hills  Episodensammlung „The 500 Years of Resistance Comic Book” (2010) sehen. Darin hat der Autor und Zeichner, der dem in West-Kanada lebenden Volk der Kwakwaka’wakw angehört, die Geschichte der Unterdrückung indigener Völker durch europäische Kolonisatoren sowie den Widerstand dagegen in Bilder gefasst, die als Korrektiv zu einer einseitigen und oft falschen Darstellung der Geschichte gedacht sind.

Ähnlich ist die Intention des Sammelbandes „This Place – 150 Years Retold“ (2019) gelagert. Darin beleuchten zehn kanadische Autoren-Zeichner-Teams die Geschichte ihres Landes aus indigener Sicht.
Als letzter Schritt einer Versöhnung werden oft das Aufeinanderzugehen von Konfliktparteien sowie eine Wiedergutmachung für die Opfer oder ihre Vertreter und Nachfahren gesehen. Um in diesem Sinne zu einer Versöhnung beizutragen, brauchen Comics einen entsprechenden Resonanzrahmen, damit sie jenseits der individuellen Leseerfahrung eine größere Wirkung entfalten können. Ein erfolgreiches Beispiel hierfür ist das Multimediaprojekt „Secret Path“ (2016) des Musikers Gord Downie und des Zeichners Jeff Lemire. In Form eines mit Musik unterlegten Comics, der auch als animierter Film veröffentlicht wurde, haben die beiden Kanadier die Geschichte von Chanie Wenjack erzählt, einem 1966 bei einem Fluchtversuch aus einer „Residential School“ ums Leben gekommenen Jungen vom Volk der Anishinaabe. Dieses Buch wird inzwischen in vielen kanadischen Schulen als Lehrmittel eingesetzt, die Erlöse dafür gehen an eine aus dem Projekt entstandene Stiftung, die indigene und nichtindigene Kanadier mit dem Ziel der Aussöhnung zusammenbringt.

Eine derartige Wirkung ist zwar nur wenigen Comics beschert. Aber jede Versöhnung beginnt mit einem ersten Schritt – und oftmals mit dem Erzählen von persönlichen Geschichten. So wie jenen, die 20 Zeichnerinnen und Zeichner aus Kanada und Deutschland für diese Veröffentlichung geschaffen haben.

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