Eine andere Literatur Das andere literarische Leben. Die Szene der Lesungen.

Underground_Das andere literarische Leben
© Mathieu Poirier

Um das aktuelle literarische Leben in Québec zu verstehen, muss man die zentrale Stellung kennen, die öffentliche Leseabende in der jüngeren Geschichte einnehmen. Sie finden praktisch ununterbrochen seit über 50 Jahren statt.

Sie begleiteten die nationalistische Bewegung der 1960er-Jahre, die Gegenkultur der 1970er-Jahre, die marginale Szene der 1980er-Jahre und gehörten zu den Programmen der Literaturfestivals in den 1990er- und 2000er-Jahren. Heute sind die öffentlichen Lesungen von der bunten Independent-Szene der E-Zines und der Kleinstauflagen geprägt, die derzeit das kulturelle Leben beherrscht. Die teilnehmenden Autoren können fast alle selbst verlegte Sammlungen vorweisen oder haben ein Buch bei einem Kleinstverlag veröffentlicht. Die von den unabhängigen Veranstaltern eigenfinanzierten Lesungen finden meistens in Kneipen und ohne Eintrittspreis statt. Sie werden von verlegten Autoren, von Debütanten, von Dichtern und von Romanautoren wahrgenommen, die sich als poetische Performer verstehen.

Seit einigen Jahren gewinnt diese Szene an Bedeutung, vor allem angesichts des Debakels, von dem das kommerzielle Verbreitungsnetz für Romane heimgesucht wird. Tatsächlich haben die meisten großen Tageszeitungen des Landes innerhalb nur weniger Jahre das Feuilleton aus ihren Seiten gestrichen. Zur gleichen Zeit räumten die von finanziellen Problemen geplagten Buchhandelsketten den Weltbestsellern Vorrang vor der lokalen Literaturproduktion ein. Begleitet wurde dies von stagnierenden öffentlichen Zuschüssen für die großen Literaturveranstaltungen, die früher als Werbung für diese Kategorie von lokalen Romanschriftstellern fungierten – welche damals von den Medien gelobt und gepriesen wurden. Der Szene der öffentlichen Lesungen kommt diese desolate Situation gewissermaßen zugute, denn sie war nie auf die breite Öffentlichkeit angewiesen und verstand es, die sozialen Netzwerke zu nutzen, um die literarische Community zu strukturieren, die sie um sich schart.

Andere Ästhetiken 

Und so ermöglichte die Szene der öffentlichen Lesungen auch vielfältige ästhetische Angebote. Da die Autoren nun nicht mehr an die insgesamt doch recht konventionellen formalen Ansprüche des breiten Publikums gebunden waren, experimentierten sie in dieser Szene etwas mehr mit Formen und Tonlagen, die der vom Realismus geprägte Kanon der für ein breites Publikum gedachten Romane schon seit langer Zeit zurückgedrängt hatte. Was den kommerziellen Vertrieb angeht, ermöglicht diese Szene die Verbreitung von Texten außerhalb der Netzwerke der Medien und der Institutionen.

Zu guter Letzt bietet sie den Autoren die Möglichkeit, die Texte ihrer Zeitgenossen zu hören, an Einflüssen teilzuhaben – was dazu führt, dass Tendenzen aufkommen können, die in enger Beziehung zu den aktuellsten Aspekten der Empfindsamkeit stehen. Und da diese Szene bereits seit den 1960er-Jahren ununterbrochen existiert, kann sie von ihrer ganz eigenen poetischen Tradition zehren. Die Art, wie zeitaktuelle Themen behandelt werden, gehorcht einem Rhythmus, einem Humor und einer Machart, die sich nur sehr wenig an die französische Lyrik, die amerikanische Literatur und auch sehr wenig an den Film und die Musik anlehnt. Diese Abstammungslinie verleiht ihr eine Eigenständigkeit, die vielleicht mit der des amerikanischen Hip-Hops vergleichbar ist.
Alexandre Dostie wurde zunächst durch das Duo Camaro bekannt, das auf der Bühne Texte und Musik improvisierte. Er erzählt eine raue ländliche Welt, bestehend aus kleinen Dealern, Jägern und Bars mit Tänzerinnen.
  • Alexandre Dostie © Goethe-Institut
    Alexandre Dostie wurde zunächst durch das Duo Camaro bekannt, das auf der Bühne Texte und Musik improvisierte. Er erzählt eine raue ländliche Welt, bestehend aus kleinen Dealern, Jägern und Bars mit Tänzerinnen.
  • Baron Marc-André Lévesque © Goethe-Institut
    Mit seinem Buch „Chasse aux licornes“ (Jagd auf die Einhörner) bewegt sich Baron Marc-André Lévesque auf einem bislang eher unerforschtem Gebiet der Quebecer Poesie: der Fantasie. Er hat diesem weitgehend trashigen Genre der Vorstellungskraft einen absolut verblüffenden Klang im Rokoko-Stil gegeben, der durch eine Vielzahl an Figuren entsteht: Ninjas, Cowboys, Einhörner, Prinzessinnen, Wikinger.
  • Mathieu Arsenault und Catherine Cormier-Larose Foto: Mathieu Arsenault
    Mathieu Arsenault et Catherine Cormier-Larose, Animatoren der Gala de l’Académie de la vie littéraire 2014.
  • Plakat des « L’OFF Festival de poésie de Trois-Rivières » von Benoit Perreault © Goethe-Institut
    Plakat des « L’OFF Festival de poésie de Trois-Rivières » von Benoit Perreault.
  • Sylvie Rancourt © Goethe-Institut
    Dass die Nackttänzerin Sylvie Rancourt ihr Vorhaben verwirklichte, ihr Leben in Form eines Comics zu erzählen, zeugt von purer schöpferischer Intuition. Denn im Jahr 1985 gab es den autobiografischen Comic noch gar nicht. Sie fiel der amerikanischen Underground-Szene auf, wurde von Chris Ware gelobt, der sie mit Art Spiegelman vergleicht, ist aber in Québec immer noch so gut wie unbekannt…
  • Vickie Gendreau © Goethe-Institut
    Vickie Gendreau, eine wahrhafte Sternschnuppe des Québecer Romans, mit 24 Jahren an einem Hirntumor verstorben. Sie hatte noch die Zeit, zwei bemerkenswerte Romane zu veröffentlichen, Testament und Drama Queens.
  • Catherine Cormier-Larose © Goethe-Institut
    Catherine Cormier-Larose, Begründerin des Festival „Dans ta tête“.

Die Off-Festivals und die Académie de la vie littéraire 

Die aktuelle Literaturszene hat sich nach und nach aus mehreren schöpferischen Brennpunkten herausgebildet, die mehr oder weniger Spuren hinterlassen haben. Ein Beispiel ist das Off-festival de poésie de Trois-Rivières. Es wurde 2007 von Erika Soucy und Alexandre Gauthier als „wilde“ Veranstaltung ins Leben gerufen, um etwas dagegen zu tun, dass den Dichtern unter 30 im Rahmen des offiziellen Festivals so wenig Platz eingeräumt wurde. Productions Arreuh, gegründet 2006, veranstaltete zunächst informelle Lesungen in den Parks von Montréal und rief dann „Dans ta tête“ ins Leben, ein nach wie vor aktives und von Catherine Cormier-Larose produziertes Festivalkonzept. Seit Ende der 1990er-Jahre gibt es mehrere lyrische Kabaretts, zum Beispiel die von Éditions Rodrigol veranstalteten oder auch das Cabaret de la Pègre. Nach und nach hat sich unter diesen Communitys ein Netz organisiert, an das sich nun auch kleine bis mittelgroße Verlage wie Le Quartanier, L’Oie du Cravan oder Poètes de brousse gehängt haben.

Mein persönlicher Beitrag zu dieser Szene ist im Wesentlichen die Gründung der Académie de la vie littéraire, einer unabhängigen und nicht subventionierten Vereinigung, die alljährlich Preise an 15 Autoren verleiht, die gemäß unserer Formulierung „woanders kaum Gewinnchancen haben“. Zunächst war sie nur als Scherz auf meinem persönlichen Blog gemeint, doch ich merkte schnell, dass die Académie de la vie littéraire ein spezielles Bedürfnis dieser Szene ansprach: eine Art alljährliche Zusammenschau der Trends und der neu aufkommenden Akteure produzieren. Seit dem zweiten Jahr veranstalte ich zusammen mit Catherine Cormier-Larose eine Gala – offen gesagt eher eine als Gala getarnte Lesung – und später kam die Herstellung von „Autorenkarten“ nach dem Vorbild der Eishockey-Sammelkarten hinzu, die zur kollektiven Vorstellungswelt von Québec gehören. Die Gala wurde von Jahr zu Jahr größer und etabliert sich nach und nach als Pflichttermin der aktuellen Literaturszene.

Gegen die Angst vor dem Nichts

Man könnte die Szene der Lesungen durchaus mit einer Art Underground vergleichen, jedoch würde man damit wohl ihre Bedeutung für die jüngere Kulturgeschichte in Gestalt eines notwendigen Umbruchs herunterspielen. Sie ist ja eigentlich nicht vollständig „gegen“ eine unterdrückerische kulturelle Hegemonie aufgekommen. Vielmehr trat sie aus den Lücken eines Systems der Produktion und Verbreitung von Kultur hervor, das sich im Niedergang befindet. Der Enthusiasmus der Veranstalter und der Dichter, der die Szene der öffentlichen Lesungen am Leben erhält, erwächst vielleicht weniger aus dem Wunsch, sich auszudrücken und als Künstler anerkannt zu werden, als vielmehr aus einer tief sitzenden Angst, wenn nichts organisiert wird, passiere vielleicht nichts.

Diese Geisteshaltung gibt vielleicht ganz gut die Verfassung des heutigen Québecs wieder, wenn auch nur im Kleinen: Jetzt, wo es kein gemeinsames politisches Projekt mehr gibt, und im Angesicht einer globalisierten Kultur, die unweigerlich die Ressourcen plündert, die lange Zeit die Hoffnung am Leben erhalten hatten, diese isolierte französischsprachige Kultur auf einem englischsprachigen Kontinent werde Bestand haben, ist das Gefühl, eine persönliche Verantwortung für diese Kultur ererbt zu haben – immerhin stark genug, dass man trotz aller Widrigkeiten etwas bewahrt, ein kleines Revier, eine kleine Abendveranstaltung, einen kleinen Text ... auch wenn das Ganze finanziell gesehen ein Verlustgeschäft ist.