Underground Musik MUS für „Munich Underground Scene"

Photo: Emilie Gendron
Foto: Emilie Gendron

„In München gibt es eine Underground-Szene?! Ich wusste nicht einmal, dass es da überhaupt eine Szene gibt!“, antwortet jeder, überall, immer, wenn ich den Leuten von meiner Passion für die „Munich Underground Scene“ erzähle. Ja, die gibt es tatsächlich! Sie brodelt, verändert sich ständig und sprengt die Grenzen der musikalischen Genres, wie zum Beispiel Experimental Electro, Noise oder Krautrock.

Vor zwei Jahren in Montreal habe ich „Die Schule von Kamerakino“ entdeckt, ein Netzwerk aus Münchner Musikern um Nick McCarthy, dem in England geborenen, jedoch in Bayern aufgewachsenen Gitarristen der erfolgreichen Band Franz Ferdinand. Diese Liebe auf den ersten Ton hat eine unersättliche Neugier geweckt in Bezug auf das komplexe Netzwerk aus Künstlern, die München im Rhythmus ihrer Klänge erschüttert lässt, die in keine Schublade passen – die manchmal schlicht unerklärlich sind – und unter den Labels Schamoni Musik, Raketenbasis Haberlandstrasse oder Alien Transistor aufgenommen werden. Einzigartige Töne, fernab vom Tech House, der in den Clubs gespielt wird, fernab vom Britpop der Nachwuchsbands und fernab vom Schlager, der in den Biergärten zu hören ist. Anders gesagt: Underground-Klänge.

Jenseits der „Munich Disco“

Obwohl sich die Veteranen des Krautrock, wie Amon Düül und Embryo, Anfang der 70er Jahre dort niedergelassen habe, übte die bayerische Hauptstadt nur wenig Einfluss auf die deutsche Popmusik aus, bevor der italienische Musikproduzent, Giorgio Moroder, auf der Bühne erschien. Dieser brachte der Stadt mit den Mitte der 70er Jahre für Donna Summer produzierten Riesenhits (I Feel Love, Love To Love) ihr hedonistisches Image ein. Plötzlich wurde München zur Stadt der „Munich Disco“.

Nach der Techno-Welle der 90er Jahre konnte München dank DJ Hell (Gigolo Records) mit seinem Faible für den Stil Electroclash (Fischerspooner, Zombie Nation, Miss Kittin) auf dem Schirm der Popmusik bleiben. Seit der Jahrtausendwende sind einige der vielversprechendsten Künstler, wie Chicks on Speed, Darak & Grinser oder der DJ und Produzent Tobi Neuman nach Berlin gegangen. Die Labels Compost, Gomma und Permanent Vacation Records sind hingegen an den Ufern der Isar geblieben und erfüllen die Clubs der ganzen Welt weiterhin mit ihren elektronischen Sounds. 
  • LeRoY Foto: Ann-Sophie Wanninger
  • Das Weiße Pferd @Milla Club, München Foto: Florian Stielow
  • Nina Walser von Friends of Gas Foto: Andre Habermann
  • Friends of Gas Foto: Susanne Beck
  • Friends of Gas: Thomas Westner, Nina Walser, Veronica Burnuthian Foto: Andre Habermann

Es darf auch nicht vergessen werden, dass München zudem über eine bemerkenswerte Brass-/Volksmusikszene verfügt. Beispiel: die Gruppe LaBrassBanda aus der Alpenregion, die weltweit für Festivals angefragt wird, auf denen sie nicht auf Deutsch oder Englisch singen, sondern auf Bayrisch! In Bayern sind die meisten Menschen stolz auf ihre traditionsreiche (musikalische) Kultur, weshalb es für die Popmusikszene schwer ist, ihren Platz zu finden; ganz zu schweigen von der Underground-Szene!


Das Underground-Netzwerk


Die „Munich Underground Scene“ (MUS) besteht aus einem fragmentierten Netzwerk aus Musikern, Performern, Dichtern und sogar bildenden Künstlern. Von diesen 30- bis 60-Jährigen widmen sich einige leidenschaftlich der Musik, ohne dabei den kommerziellen Erfolg um jeden Preis im Auge zu haben. Ihr oberstes Ziel: Musik machen und dem Alltag trotzen, den exorbitanten Lebenshaltungskosten, der Allgegenwärtigkeit der traditionellen Kultur und der Abwanderung der Bands nach Berlin. Tatsächlich kann fast keiner von ihnen von seiner Kunst leben. Wenn sie nicht auf der Bühne oder am DJ-Pult stehen, findet man sie häufig hinter den Bars oder den Theken in Cafés.

Von Zeit zu Zeit dringen einige Namen des Underground bis ans Ohr der großen deutschen Gemeinschaft. Man denke an Das Weiße Pferd, eine produktive Band mit politisch provozierenden Texten, die sich aus sieben der talentiertesten Musiker Münchens zusammensetzt. Mit ihren Wurzeln im Krautrock machen sie nun, was sie selbst als „Combat Rock“ bezeichnen. Friends of Gas, ein innovatives Post-Punk-Projekt mit mitreißenden Songs, das die Menge zu gefälligen Melodien, die das Zeug zum Ohrwurm haben, zum Tanzen bringt, nicht zuletzt dank der atemberaubenden Präsenz auf der Bühne; LeRoy, Mitglied der Bands Das Hobos und Rhytm Police, dessen erstes Album Skläsh die europäische Elektro-Szene im Sturm erobert hat.

Ob es einigen gefällt oder nicht, die MUS ist so lebendig, dass man München (auch) die „Stadt der Qual der Wahl“ nennen könnte. Nur allzu oft sind die Nachteulen zwischen mindestens zwei Konzerten und drei DJ-Sets hin- und hergerissen. So kann es vorkommen, dass man dieselben Gesichter an drei oder vier verschiedenen Orten an einem Abend trifft: von den Künstlern der Veranstaltung um 20:00 Uhr bis zum DJ-Set um 4:00 Uhr morgens drei Straßenecken weiter ... Eine lächelnde Gesellschaft, die man wiedererkennt, die sich Nacht für Nacht in diesen Bars, die sie in- und auswendig kennt, einfindet, um schließlich in denselben Cafés des energiegeladenen Glockenbachviertels zu frühstücken. Also ja, es gibt sehr wohl eine Szene in München… und sie ist auch underground.