Deutschland @ Kanada 2017 "Diven-Gedöns ist schön"

Ute Lemper, Kurt Weill Fest, Dessau
Kurt Weill Fest Dessau GmbH

Wer eine Liste der deutschen Weltstars erstellen will, gerät schnell ins Stocken. Ein Name immerhin ist gesetzt: Ute Lemper. Die heute 53-Jährige begann ihre Karriere in den Achtzigern als Sängerin und Schauspielerin im Musical "Cats", bevor sie sich über Wien, Paris und London in Richtung Broadway aufmachte. Das eher seichte Genre hat die gebürtige Münsteranerin jedoch längst hinter sich gelassen. Stattdessen wird sie auf allen Kontinenten als Interpretin des Werks von Kurt Weill und Bertolt Brecht, als Chanson- und Jazzsängerin gefeiert. Fürs Interview hat Lemper ein Café an New Yorks Upper West Side ausgesucht, dessen Namen für eine Kosmopolitin wie gemacht zu sein scheint. "Nice Matin", schöner Morgen - halb auf Englisch, halb auf Französisch.
 

SZ: Frau Lemper, reden wir über Geld. Spülen Diven eigentlich selbst ab?
Ute Lemper: Na klar.
Wir dachten, für so etwas hätten Sie bezahltes Personal.
Ich spüle, ich putze, ich wasche, und wenn der Hund sich mal vergisst und auf den Boden macht, dann mache ich auch den Teppich sauber. Wir haben eine ganz gemütliche Wohnung, da ist nichts schnieke-fein oder so. Alles ganz bodenständig.
Geht Ihnen dieses Diven-Gedöns eigentlich wahnsinnig auf den Wecker?
Diven-Gedöns ist schön. Nö, ich kümmere mich da einfach nicht weiter drum, weil ich weiß, dass ich in dem Sinne keine Diva bin. Wenn ich auf der Bühne mal so aussehe wie eine, ist das ja nicht schlecht, denn dieses Spiel mit der Erotik und der Verführung macht durchaus Spaß. Aber sobald die Show vorbei ist, laufe ich wieder in Jeans und flachen Schuhen herum.
Verstehe.
Außerdem gehört ja viel mehr zu meinem Job, als auf der Bühne zu stehen. Ich probe, ich komponiere, ich sitze am Computer, buche Tourneen, handle Verträge aus, weise Gagen für meine Musiker an ...
Auch das machen Sie alles selbst?
So ist es. Ich habe natürlich Agenten, die in einzelnen Ländern die Arbeit vor Ort übernehmen, aber ich bin die, die am Ende das Puzzle zusammensetzt. Das ist viel besser, als wenn das andere machen würden.
Weil es niemanden gibt, der Ihren Ansprüchen genügt?
Nein, weil ich selbst am besten weiß, was ich will. Außerdem kennen sich die amerikanischen Manager nicht mit Europa aus und die europäischen nicht mit Amerika. Ich hab's mal kurz mit einem Manager aus den USA versucht, ein wirklich bekannter Mann - es war ein Fiasko. Wenn Sie etwa in Spanien oder Frankreich auftreten, ist es völlig normal, dass man anschließend zwei, drei Monate auf die Gage wartet. Das ist dort einfach so. Der Manager aber hat meinen altgedienten Agenten vor Ort die Hölle heißgemacht. Das ging gar nicht.
Und wer entscheidet darüber, wie die Gage anschließend angelegt wird?
Ich bin seit 20 Jahren bei ein und derselben amerikanischen Bank. Wenn's was anzulegen gibt, gehe ich zu meinem Kundenberater und treffe gemeinsam mit ihm einen Entschluss. Ich bin, was die Geldanlage angeht, sehr vorsichtig.
Mindestens eine äußerst lukrative Investmentidee hatten Sie aber: Sie haben vor vielen Jahren eine Eigentumswohnung hier gleich um die Ecke an New Yorks Upper West Side gekauft. Die dürfte heute das Dreifache dessen wert sein, was sie damals gekostet hat.
Das hat sich in der Tat gelohnt. Vor sieben Jahren haben wir im selben Haus auch noch das Dachgeschoss gekauft, damit ich endlich einen Raum für mich zum Üben habe. Das hat schon eine ganze Stange Geld mehr gekostet, aber unsere Wohnung war für eine Familie mit vier Kindern einfach zu klein. Wenn ich früher daheim proben wollte, musste ich eines der Kinderzimmer nehmen. Aber das war nichts für mich: In dem Chaos aus Spielsachen und Wurschtelzeug konnte ich mich nicht konzentrieren.
Klingt tatsächlich nicht sehr divenhaft.
Nee.
Was gefällt Ihnen an New York?
Das Erste, was mir auffiel, als ich vor 20 Jahren hierher kam, war diese gedankliche Freiheit, der Wegfall der geistigen Enge, die ich in Deutschland so oft verspürt hatte. Und das Zweite war: Wenn ich in den Achtzigern in Frankreich oder in England auftrat, war ich immer "die Deutsche", mit all dem, was den Menschen dabei im Kopf herumspukte. Als ich dann in diese progressiv-liberale Welt von New York kam, fühlte ich mich einfach nur wohl.
Sie sind also glücklich und wollen hier alt werden?
Ich liebe diese Stadt und werde sie immer lieben. Aber wissen Sie was? Wenn meine Kinder, die hier zur Schule gehen und mit der englischen Sprache aufgewachsen sind, schon größer wären, würde ich zurück nach Europa gehen.
Warum das denn?
Ich bin im Herzen Europäerin - und ich werde es wohl immer bleiben. Meine Tochter macht gerade ein Auslandssemester in Paris, da würde ich liebend gerne wieder leben. Oder in Berlin. Oder London.
Was macht denn eine Europäerin im Vergleich zur Amerikanerin aus?
Eine völlig andere Geschichte, eine völlig andere Sozialisierung, ein völlig anderes Verständnis von Kunst. Nehmen Sie die Kunst: Kunst in den USA ist Unterhaltung, Kommerz, sie muss vermarktbar sein. Die dunklen Kapitel des Menschseins, des Lebens, aus denen Kunst ja oft erst entsteht, muss man hier in Amerika komplett ausblenden. Ich habe deshalb schon gar keine Lust mehr, mir ein Broadway-Stück anzuschauen. Insofern: New York ist ein tolles Pflaster, aber Europa ist vielschichtiger und damit letztlich interessanter.
Dabei sind Sie zu Beginn Ihrer Karriere gerade in Deutschland übel heruntergeschrieben worden. Kürzlich haben Sie sich mit einem der Musik- und Theaterkritiker von damals zu einem Doppelinterview getroffen, der nach fast 35 Jahren doch sehr kleinlaut wirkte.
Oh ja, war das peinlich! Der kam noch vor Beginn des Gesprächs zu mir hin und sagte: Ach, Frau Lemper, ich möchte mich entschuldigen. Ich habe ihm geantwortet: Steh wenigstens dazu, was du damals geschrieben hast.
Trifft Sie diese Kritik immer noch?
Nein, und sie hat auch meiner Karriere nicht geschadet. Für mich ist sie aber immer noch ein Beispiel für diese geistige Enge in Deutschland, über die wir eben gesprochen haben. Eigentlich hatte ich auch gar keine Lust gehabt zu diesem Doppelinterview. Aber dann habe ich mir irgendwann gedacht: Vielleicht ist es ganz gut, dieses Kapitel einmal abzuschließen.
New York ist ein tolles Pflaster, haben Sie gesagt. Vor allem aber ist es auch ein teures Pflaster.
Das kann man wohl sagen!
Ein Blumenkohl kostet im Bio-Markt gerne sieben, ein großer Becher Quark acht Dollar. Fällt Ihnen das noch auf?
Selbstverständlich, und zwar am meisten dann, wenn ich in Europa bin. Man geht einkaufen, etwa in Deutschland, kommt an die Kasse - und denkt: Die haben sich verrechnet. So billig kann das doch gar nicht sein. Und durch den schwachen Euro wird der Unterschied noch dramatischer. Zum Glück habe ich wenigstens meine Hypotheken abbezahlt.
Achten Sie beim Einkaufen aufs Geld?
Das Gute ist: Ich mache mir überhaupt nichts aus Marken. Auf meinen Klamotten muss nicht Valentino oder Versace stehen. Die Sachen müssen gut aussehen und Stil haben - that's it!
Müssen Sie denn überhaupt noch arbeiten, oder tun Sie es nur noch aus Spaß an der Freud'?
Klar muss ich noch arbeiten. Mein Mann ist Musiker, da verdient man nicht das meiste. Ich bin bei uns die Brötchenverdienerin. Und überlegen Sie mal, was allein die Studiengebühren kosten.
Vier Kinder gleich viermal Schul- und College-Gebühren: Da können leicht 170 000 Dollar im Jahr zusammenkommen.
Ganz so viel ist es zum Glück nicht. Mein großer Sohn ist ja schon mit dem Studium fertig, und die beiden Kleinen gehen auf öffentliche Schulen. Aber allein der Studienplatz meiner Tochter an einer Spitzenuniversität kostet 65 000 Dollar im Jahr.
Welches Verhältnis haben Ihre Kinder zu Geld? Haben Sie schon einmal den Satz gehört "Mensch, Mami, wir sind doch reich, da könntest du mir doch ..."?
Ja, das hat es bei den beiden Großen schon mal gegeben. Die wissen natürlich, dass wir nicht die Allerärmsten sind. Aber wenigstens haben sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie nach Geld fragen. Und diesen Sommer hat sich meine Tochter auch erstmals einen Ferienjob gesucht.
Geht man in Amerika anders mit Geld um als in Deutschland?
Deutschland ist materialistischer als die USA es sind, Statussymbole etwa sind viel wichtiger: Haus, Auto, Klamotten, Schuhe. Wenn ich dort bin, muss ich immer darauf achtgeben, was ich anziehe, dass die Haare liegen und das Make-up stimmt, weil man dauernd von anderen beurteilt wird. Hier in New York kann ich rumlaufen, wie ich will. In Deutschland müssen Kinder mittags, abends und sonntags leise sein, hier gibt es etwas so Provinzielles wie gesetzliche Ruhezeiten nicht. In Deutschland ...
... Stopp, stopp, stopp! Jetzt vergleichen Sie ein bisschen das große New York mit ihrer gestreng katholischen Heimatstadt Münster, was vielleicht nicht ganz fair ist.
Gut, das stimmt. Aber Deutschland ist vielerorts einfach provinziell.
Sie haben einmal gesagt: "Provinzialität ist eine sehr schlechte Sache, weil sie das Denken der Menschen einengt und sie glauben macht, dass ihre beschränkte Weltsicht die einzig wahre ist." Fühlen Sie sich durch den Aufstieg der AfD in Deutschland in dieser Haltung bestätigt?
Absolut. Die Leute suchen ihr Heil in einer reaktionären, rückwärtsgewandten nationalen Identität und in Abschirmung gegen andere Kulturen. An die Stelle von Neugier und Weltoffenheit tritt der Tumor der Provinzialität. Der Austritt der Briten aus der EU ist auch so ein Beispiel ...
... und die Begeisterung der Amerikaner für Donald Trump ...
... und die Begeisterung für Donald Trump.
Sie singen in sechs Sprachen, reisen durch die ganze Welt. Wie erleben Sie den neuen Nationalismus, der sich in der Türkei, in Russland, in den USA, in Deutschland und so vielen anderen Ländern breitmacht?
Das Thema Nationalismus beschäftigt mich seit Jahrzehnten. Schon zu Beginn meiner Karriere habe ich Lieder jüdischer Künstler gesungen, die von den Nazis als entartete Kunst gebrandmarkt wurden. Zurzeit bin ich mit einem Projekt beschäftigt, das "Songs for Eternity" heißt. Diese "Lieder für die Ewigkeit" wurden in jüdischen Ghettos und in den Konzentrationslagern der Nazis gesungen, von Menschen, die in einer langen Schlange auf einen Teller Suppe warteten oder auf dem Weg in die Gaskammern waren.
Woher kommt das Interesse an diesem schwierigen Thema?
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der sich viele Deutsche immer noch weigerten, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ich hatte deshalb immer den Drang, Dinge auszusprechen, die andere nicht aussprechen wollten. Vor allem die Verbesserung des deutsch-jüdischen Verhältnisses ist dabei für mich zu einer Art Lebensaufgabe geworden.
Ihre Konzerte sind also heute mehr als jenes pure Musical-Entertainment, mit dem Sie einmal angefangen haben?
Viel mehr. Wenn ich heute ein Solokonzert gebe, dann suche ich mir aus all den Etappen, die ich absolviert habe, die Perlen heraus. Die Menschen können gewissermaßen meinen künstlerischen Weg in Liedern nachempfinden.
Und auch die Deutschen und ihre einzige Diva haben Frieden geschlossen.
Na, klar.
Hat es nicht auch Vorteile, eine Diva zu sein? Alternde Rockstars sind schnell peinlich, Diven aber werden mit jedem weiteren Lebensjahr immer divenhafter.
Absolut. Ich kann mir sehr gut vorstellen, noch in 30 Jahren auf der Bühne die Diva zu geben!