20 Jahre junges Kino aus Deutschland Kuratorisches Statement
Die Online-Filmreihe Richtungswechsel wurde kuratiert von Aliza Ma und Toby Ashraf und präsentiert zwanzig Positionen junger Filmschaffender aus Deutschland der letzten zwanzig Jahre (2002 - 2022). Lesen Sie hier das einführende Gespräch der beiden über ihre Auswahl.
Aliza Ma:Was ist deiner Meinung nach das größte Missverständnis, wenn es um das junge deutsche Kino geht?
Toby Ashraf: Da gibt es ein paar. Eines ist, dass das deutsche Kino im Allgemeinen einen schlechten Ruf hat und nicht sichtbar genug ist. Die vorliegende Auswahl beweist meiner Meinung nach, dass diese Annahme falsch ist. Insbesondere wenn es um das junge deutsche Kino geht, räumen die Filme von Anna Sofie Hartman, Pia Hellenthal oder Ramon Zürcher mit dem Vorurteil auf, dass es nicht mutig genug sei, dass nichts Neues passiert. Ich denke, unsere Auswahl bietet eine sehr cinephile und manchmal herausfordernde Antwort darauf.
Was fällt dir an den 20 Filmen, die wir diskutiert und ausgewählt haben, besonders auf?
AM: Aus der Perspektive von Außenstehenden ist einer der auffallendsten und verlockendsten Aspekte dieser Filmauswahl, dass mithilfe äußerst erfinderischer und vielfältiger filmischer Mittel neue Mikrokosmen geschaffen werden. In Nackte Tiere wird eine jugendliche, selbst geschaffene soziale Sphäre dargestellt. In Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes wird ein neuer Wahrnehmungskosmos erfunden, und in Das merkwürdige Kätzchen verwandeln sich ein völlig alltäglicher Zeitabschnitt und seine Aktivitäten in die einer neuen Sphäre. Das Kino kann im besten Fall weltbildend sein, und diese Filme bedienen sich ohne jede Zurückhaltung und freizügig dieser Möglichkeit.
Ein weiteres Element, das mir während der Sichtung der Filme auffiel, war der jugendliche Überschwang und die Intensität der Filme, ob sie nun von vor 17 Jahren gemacht wurden, wie „Falscher Bekenner“, oder im letzten Jahr, wie der ausgezeichnete Film „Freizeit oder: das gegenteil von nichtstun“. Worauf ist das deiner Meinung nach zurückzuführen?
TA: Ich stimme mit dem Begriff der Intensität vollkommen überein. Die meisten der Filme hatte ich schon einmal gesehen, was die Gefahr mit sich brachte, dass ich sie nicht gut altern. Das Gegenteil war der Fall. Sie haben mich ein zweites oder drittes Mal erneut umgehauen, und ich beneide dich um die Erfahrungen, sie zum ersten Mal gesehen zu haben. Um deine Frage zu beantworten: Ich kann den kompromisslosen Drang der Kunstschaffenden fast körperlich spüren, das Medium Film nicht nur zum „Erzählen einer Geschichte“ zu nutzen (ein Ausdruck, der mich meist langweilt), sondern als radikale Spielwiese für filmische Ausdrucksformen und als Versuch, die Erwartungen der Kinobesuchenden bis an die wunderbaren Grenzen der Erfahrung und der Konvention zu erweitern.
Ich bin neugierig: Hattest du beim Anschauen der Filme vergleichbare körperliche Erfahrungen?
AM: Ja! Es ist interessant, wie viele normbrechende Filme über das Erwachsenwerden in diesem Programm zu finden sind. Sie sind alle so anregend und unterschiedlich - und wie du sagst, radikal. Selbst eine zurückhaltende, unerwiderte Liebesgeschichte wie Limbo ist so intuitiv und doch präzise aufgebaut, dass ich das Gefühl hatte, mit den wechselnden emotionalen Intimitäten und Subjektivitäten auf eine fast körperliche Weise zu verhandeln. Hartmann zeigt gerade so viel, dass man spürt, wie viel sie nicht zeigt – wie viel von dem Film in seinem negativen Raum liegt. Mir wurde klar, dass ein Film, der subtil und klug genug ist, um zu wissen, wann er sich zurückziehen muss, mich als Zuschauerin dazu bringt, mich hineinzulehnen, um mir bewusst zu machen, wie sehr die Welt des Films außerhalb der Bilder liegt. Dadurch habe ich das Gefühl, dass der Film lebendig ist. Der wirklich einzigartige Samurai hingegen trifft einen so unerwarteten sowohl zerebralen als auch physischen Nerv, dass ich immer noch darüber nachdenke.
Ich bin neugierig: Ich weiß, dass du dir diese Filme größtenteils erneut angesehen und wiederentdeckt hast. Was, glaubst du, war deine größte Entdeckung hierbei? Wurde etwas für dich neu kontextualisiert?
TA: Ich habe mich wieder in die frühen Arbeiten von Valeska Grisebach, Christoph Hochhäusler, Benjamin Heisenberg, Maren Ade und anderen verliebt. Ihre Filme sind so kühn und schön. Die Art und Weise, wie sie Themen der Intimität, des Neoliberalismus, der Fantasie, des Genres oder des Verlorenseins in ihre filmischen Kunstwerke integrieren, wirkt beim erneuten Betrachten zeitlos. Wie Nicolas Wackerbarth über die spezifische Politik der Schauspieler*innen in seinem Film Unten Mitte Kinn sagte: „Es ist ziemlich schockierend, wie wenig sich geändert hat.“
Wenn ich darüber nachdenke, wie lesbar und nachvollziehbar alle Filme immer noch sind, scheint mir, dass die Weitsicht und Aufrichtigkeit der Filmschaffenden einen Zugang zu ihren Werken eröffnet, der dazu führt, dass man sie sich immer wieder ansehen möchte, so wie man ein gutes Buch jedes Jahr neu liest. Ich frage mich, wie die Filme deiner Meinung nach mit einem US-amerikanischen Publikum korrespondieren?
AM: Ich glaube, dass die meisten dieser Filme in Nordamerika kaum oder gar nicht bekannt sind, weil es für formal und erzählerisch anspruchsvolle Werke außerhalb der Filmfestivals, die auch in ihrem eigenen Rahmen begrenzt sind, keine Möglichkeit des Kinoverleihs gibt. Ein Arthouse-Publikum hat zum Beispiel wahrscheinlich Maren Ades bahnbrechenden zweiten Film Alle Anderen (2009) gesehen, aber nicht ihren ersten Spielfilm Der Wald vor lauter Bäumen (2003).
Als ich mit dir sprach, war ich überrascht, wie wenig Beachtung diese Filme auch in Deutschland gefunden haben. Das Heimkino hat neue, nicht-traditionelle Zugänge zu den Werken geschaffen, was einer zunehmend neugierigen und omnivoren Zuschauerschaft entspricht. Filme wie die in unserem Programm, die noch nicht zu den „Repertoirefilmen“ gehören oder die man noch nicht unter den „Neuerscheinungen“ findet, haben die Chance, ihr Publikum zu finden und den Menschen ein vollständigeres–und komplexeres–Bild des jungen deutschen Filmschaffens der letzten 20 Jahre zu vermitteln.
Es wird oft gesagt, dass die persönlichsten Geschichten auch die allgemeingültigsten sind, und für mich ist die zutiefst intime, unentschuldigt radikale Qualität dieser Filme genau das, was sie so unmittelbar sympathisch und nachvollziehbar macht.
Das Kurationsteam
Aliza Ma
Aliza Ma ist Produzentin, Autorin und Programmiererin. Sie lebt in Brooklyn, New York, USA.
Toby Ashraf
Toby Ashraf arbeitet als Kurator, Filmkritiker, Moderator und Übersetzer. Er
schrieb für Publikationen wie taz - die tageszeitung, Sissy und Missy Magazine. Er moderierte Filmgespräche bei Berlinale Panorama, Generation, Forum, Teddy und Talents. Er moderiert Literaturgespräche für das internationale Literaturfestival Berlin für Kinder und Erwachsene. Von 2014 bis 2018 leitete Ashraf sein eigenes Filmfestival, das Berlin Art Film Festival, das Kunstfilme mit einem Fokus auf die Stadt Berlin zeigt. Für CIMA Berlin kuratierte er eine monatliche Filmreihe mit queeren Berliner Filmen und Live-Übersetzungen auf Arabisch für und mit LGTBIQ*-Geflohenen Im Jahr 2015 gewann er den Siegfried-Kracauer-Preis für die beste Filmkritik. Er war an Filmproduktionen u.a. für Jim Jarmusch, Angela Schanelec und Helge Schneider beteiligt. Von 2019-2022 hat er als Grundschullehrer gearbeitet und Englisch und Kunst unterrichtet.