Techno in Deutschland
Wer hat’s erfunden?

Ein Musikstil, um dessen Entstehungsort diskutiert wird: Techno
Ein Musikstil, um dessen Entstehungsort diskutiert wird: Techno | Foto: © Dare Pixel/stock.adobe.com

Frankfurt am Main und Berlin streiten sich darüber, wo der Techno erfunden wurde. Dabei hat das Genre, wie jede Kunstform, nicht nur einen Ursprung – sondern viele Quellen.

Berlin oder Frankfurt am Main? Die Frage nach der Geburtsstätte des Technos kommt in Deutschland immer wieder auf, wenn es um Traditionen und das Wesen des Musikstils geht. Dabei wäre in diesem Fall eine Reminiszenz an den Ausspruch der deutschen Fußball-Legende Andy Möller – „Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien“ – viel treffender: „Frankfurt oder Berlin? Hauptsache Detroit!“, müsste es dann heißen. Wie kaum eine andere Stadt steht die einstige Autometropole in den Vereinigten Staaten für einen Sound Of The City. Für einen? Nein, gleich für mehrere.

 

In den 1960er-Jahren entsteht hier „The Sound Of Young America“, so der Slogan des Plattenlabels Motown. Der ehemalige Fließbandarbeiter Berry Gordy organisiert seine Firma nach dem Vorbild der Motorenfabriken. Mit Stars wie Diana Ross and The Supremes und Marvin Gaye wird Motown zur Erfolgsgeschichte des sogenannten Black Capitalism.

Aufstieg einer neuen Musik

Der Niedergang der Autoindustrie in Detroit geht in den 1980er-Jahren einher mit dem Aufstieg einer neuen Musik. „An Ford und General Motors interessieren mich nur die Roboter“, behauptet Techno-Pionier Juan Atkins. Künstler wie Atkins, Underground Resistance oder Derrick May prägen bald den neuen Sound of the City von Detroit. Detroit-Techno ist zunächst einmal eine afro-amerikanische Musik, ein Stil, der sich selbst in einem Kontinuum sieht – von Funk, Soul und Rhythm and Blues zurück zum Blues des frühen 20. Jahrhunderts.

Mit Aussagen zu den sogenannten Wurzeln ihrer Musik und der Hautfarbe ihrer Protagonisten hielten sich die überwiegend männlichen, fast ausschließlich afroamerikanischen Protagonisten des frühen Detroit-Techno allerdings zurück, aus guten Gründen. Schließlich hatten sie – und auch Hip-Hop-Pioniere wie der New Yorker DJ Afrika Bambaataa –  ihre Lektion wiederum von der Düsseldorfer Band Kraftwerk gelernt. Kraftwerk setzte dem Personen- und Starkult das Konzept der Entpersonalisierungentgegen. Ohne das Kraftwerk-Album Trans Europa Express hätte es den Titel Planet Rock von Afrika Bambaataa and the Soulsonic Force wohl nie gegeben. Ohne die Single Die Roboter hätte sich das Electro-Duo Cybotron, bestehend aus Juan Atkins und Richard Davis aka 3070, vielleicht nie gegründet.

Zitiert, kopiert, adaptiert

Aber auch Kraftwerk lässt keine Gelegenheit aus, die Bedeutung afroamerikanischer Künstler wie George Clinton oder James Brown für ihre Musik herauszustellen. Und: ohne Fun Fun Fun von den Beach Boys kein „Fahr’n Fahr’n Fahr’n auf der Autobahn“.

Wie jede Kunst hat auch die Popmusik nicht den einen Ursprung, die eine Quelle. Wie jede Kunst ist auch die Popmusik ein ständiger Prozess wechselseitiger Einflüsse: Es wird zitiert, kopiert, adaptiert, transformiert, gemischt, geliehen, gestohlen. Mit Copy and Paste, Filesharing und (Re-)Mix-Technologien sowie der Digitalisierung wird der Versuch, einen Musikstil an einem bestimmten Geburtsort zu fixieren – und ihn buchstäblich zu „verorten“ – geradezu absurd. So wirkt die Behauptung, Techno sei in Berlin oder in Frankfurt „geboren“, wie ein Versuch, die Zeit zurückzudrehen und ein Urheberrecht auf eine fluide, hochdynamische Mischung aus Musik, Kultur und Sozialem geltend zu machen.

Techno als Standortmarketing

Dass Techno seine Glanzzeit hinter sich hat, macht den aktuellen Zwist um das Copyright zwischen Berlin und Frankfurt nicht besser. Auch nicht, dass einige Akteure nach der Deutungshoheit über die Technogeschichte streben, um die eigene Marktposition zu verbessern. So konstruieren die Initiatoren des in Frankfurt geplanten Museum Of Modern Electronic Music (MOMEM) mit Schwerpunkt auf der Frankfurter Club- und DJ-Szene eine vermeintlich historische Kontinuität: von der guten alten Diskothek Dorian Gray am Flughafen in den späten 1970er-Jahren über das Omen, nur einen Steinwurf vom MOMEM-Standort entfernt, Anfang der 1990er-Jahre bis in die Gegenwart zum Club Robert Johnson im nahen Offenbach.

Dabei verbindet diese drei Orte recht wenig. Das Robert Johnson ist bis heute das kreative Zentrum einer lebendigen Szene aus DJs und Produzenten, immer am Puls der Zeit. Das von Sven Väth begründete Omen war zu Hochzeiten  der Technomusik die größte Diskothek der Stadt, beliebt bei Bankern wie Ravern – was manchmal dasselbe war. In der Großraumdiskothek Dorian Gray feierte die sogenannte Schickeria bei Miss-Wahlen und Formel-1-Partys. Was Techno anging, waren die Macher eher weniger auf dem neuesten Stand.

Auch in Berlin ist die Club-Szene längst ein wichtiger Faktor in Sachen Stadtmarketing und Tourismus – schließlich war hier bis 2016 mit Tim Renner ein ehemaliger Label-Manager Berliner Staatssekretär für Kultur. Die Frage, ob Techno nun in Frankfurt oder Berlin entstand, dreht sich also vor allem ums Geld – und ist letztlich überflüssig.

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