Vorintegration
Brückenbauer auf dem Weg nach Deutschland

Besser ankommen
Besser ankommen | © adobe.stock

Ob es um Erwartungsmanagement geht, das „Lernen lernen“ oder den Abbau von Unsicherheiten: Bei der Kompetenzvermittlung in Sachen Vorintegration wächst auch Lehrkräften und Fortbildner*innen im Rahmen des DaF-Unterrichts eine tragende Rolle zu.

Wie kann man Menschen in der Vorbereitung auf ein fremdes Arbeits- und Alltagsleben, dessen Codes und Regeln sie nicht kennen, bestmöglich unterstützen? Fragen wie diese stehen im Mittelpunkt der im März veröffentlichten Analyse mit dem Titel „Annäherung, die im Heimatland beginnt“. Ein zentrales Ergebnis lautet: Maßgeblich für den Erfolg ausländischer Arbeitskräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt und für ihre gesellschaftliche Integration sind neben dem Spracherwerb interkulturelle Kenntnisse, die sie idealerweise vor ihrer Migration erworben haben. Anlass der Untersuchung ist die „Fachkräftestrategie“ der Bundesregierung, der zufolge Deutschland bis 2030 auf die Zuwanderung von jährlich 700.000 Erwerbsmigrant*innen angewiesen ist. Die Analyse rund um Vorintegration enthält zahlreiche Empfehlungen für den Vermittlungs- und Lernprozess am Rande des DaF-Unterrichts, die ein großes Netzwerk adressieren: Dazu zählen neben Bildungsinstitutionen auch private Agenturen in den Heimatländern, deutsche Ministerien und Akteure im Bereich der Vorintegrationsarbeit. Gemeinsamer Nenner der genannten Instrumente ist, dass die unterschiedlichen Profile der Erwerbsmigrant*innen in Hinblick auf Beruf, Sprachniveau, Bildungsgrad, Lernkompetenzen, Herkunft und Migrationserfahrung berücksichtigen werden sollen. Bei der Frage, welche konkreten Folgerungen sich für den Ausbau der  Vorintegrationsangebote ableiten lassen und nicht zuletzt, welche Anregungen Akteure – sowie Lehrkräfte und Fortbildner*innen – daraus ziehen können, lässt sich zwischen drei Handlungsfeldern und deren praktischen Dimensionen unterscheiden.
Austausch mit Expertinnen und Experten bereits vor der Ausreise Austausch mit Expertinnen und Experten bereits vor der Ausreise | © adobe.stock

1. Informationsvermittlung und Erwartungsmanagement:

Ob es um den Arbeitsplatz, die Gehaltsvorstellungen oder um Nachbarschaft geht: Wer Land und Leute nicht kennt, kann rasch enttäuscht werden. Deshalb sollten Fehlinformationen etwa in Bezug auf das Berufsbild, das sich von Land zu Land vielfach stark unterscheidet, so früh wie möglich korrigiert werden. Denn für eine gelingende Integration ist die kritische Reflexion der eigenen Erwartungen erfahrungsgemäß so wichtig wie die Sprachvermittlung. Dreh- und Angelpunkt ist eine Art Realitäts-Check, der Migrant*innen in spe bereits in ihrer Heimat eine konkrete Vorstellung vom Alltag in der Fremde vermittelt: vom Einkaufen im Supermarkt ebenso wie vom Bahn- und Radfahren in einer Großstadt bis zu den ungeschriebenen Regeln auf einer Betriebsfeier oder einem Elternabend.

Zur praktischen Dimension:

Erwartungsmanagement ist ein wichtiger Bestandteil aller Vorintegrationsprogramme. Dazu gehört neben der Landeskunde unter anderem eine Einführung in die deutsche Arbeitswelt und Arbeitsorganisation, was etwa Berufsnormen, Sozialsysteme sowie Rechte und Pflichten am Arbeitsplatz betrifft, sowie Bewerbungsverfahren und die Anerkennung der beruflichen Qualifikation. Zum Realitäts-Check gehört aber auch, zum Beispiel in interkulturellen Trainings persönliche Hoffnungen mit einem Blick auf die Realität abzugleichen und Fragen zu klären, wie: Stimmt es, dass Deutsche sich Fremden gegenüber eher distanziert verhalten? Und: Wie fühlt es sich an, wenn man dauerhaft Tausende Kilometer von engen Verwandten entfernt lebt? Auch Fragen zur Wohnungssuche oder Freizeitgestaltung spielen eine Rolle. Was die Wahl der Formate betrifft, finden sowohl Online- als auch Präsenzformate Resonanz. Als kultureller Türöffner wirkt etwa die Nutzung von Online-Formaten wie Blogs, Vlogs, Facebookseiten, Apps und Online-Seminare. Gefragt sind zudem interkulturelle Kommunikations- und Bewerbungstrainings sowie eine digitale Prüf- und Lernberatung. Zum besseren Wissensaustausch wünschen sich viele einen Online-Zugriff auf deutsche Filme, Musik oder Podcasts; sowie die Möglichkeit einer Online-Patenschaft mit anderen Erwerbsmigrant*innen in Deutschland. Bei der Vermittlung komplexer Informationen haben sich dagegen Präsenzkurse mit der Aussicht auf einen direkten Austausch bewährt. Besonders beliebt sind audiovisuelle Elemente, dank derer man deutsche Kultur gemeinsam mit Leuten außerhalb des Unterrichtsraums erkunden kann. Konversationstreffs und -kurse mit muttersprachlichen Lehrkräften vermitteln nicht nur einen sicheren Umgang mit der Sprache, sondern bieten auch die Möglichkeit, sich per Videokonferenz mit Expert*innen aus unterschiedlichen Berufen auszutauschen, die bereits in Deutschland leben und arbeiten.
Sprachvermittlung bleibt der wichtigste Türöffner Sprachvermittlung bleibt der wichtigste Türöffner | Goethe-Institut Bosnien und Herzegowina

2. Vermittlung von Sprach- und Handlungskompetenz:

Sprachvermittlung bleibt der wichtigste Türöffner für ausländische Fachkräfte. Das betrifft sowohl das Erlernen der Fachsprachlichkeit, um am Arbeitsplatz kompetent kommunizieren zu können; als auch die Ebene der Alltagssprache, um am sozialen Leben teilhaben zu können. Eine weitere in der Analyse genannte Schlüsselkompetenz besteht darin, sich eigenständig Informationen zu beschaffen, das sogenannte „Lernen lernen“. Damit verbunden ist die Befähigung, sich auch in der Fremde weitgehend selbstständig um persönliche Belange kümmern zu können. Ziel ist, dass Erwerbsmigrant*innen bereits bei ihrer Ankunft in Deutschland die richtigen Ansprechpersonen für ihre Anliegen aufsuchen können, was die Integrationssysteme nachhaltig entlasten kann.

Zur praktischen Dimension:

Um Erwerbsmigrant*innen zu größerer Autonomie zu verhelfen, bietet sich eine umfassende Erstorientierung rund um Integrations- und Beratungsstrukturen in Deutschland an; und darüber hinaus die Kontaktanbahnung mit deutschen Unternehmen vor Ort. Ein Beispiel dafür sind die „Career Days“, zu denen Arbeitgeber und beratende Anlaufstellen einladen, um in Eins-zu-Eins-Gesprächen über Perspektiven im deutschen Arbeitsmarkt aufzuklären. Der direkte Austausch mit potenziellen Arbeitgebern steht hoch im Kurs, weil man hier jenseits anonymer Bewerbungsverfahren erste persönliche Kontakte und Netzwerke knüpfen und selbst aktiv werden kann. Ähnliches gilt für die Kommunikation mit den Behörden im Zielland: Je umfassender Erwerbsmigrant*innen darüber informiert sind, an welche Anlaufstellen sie sich etwa bei arbeitsrechtlichen Themen oder Fragen rund um den Familienzuzug wenden können, und wie sie dabei am besten vorgehen, desto souveräner ihr Umgang mit der für Deutschland typischen Flut an Regularien.
Abbau von Unsicherheiten im Alltag Abbau von Unsicherheiten im Alltag | © adobe.stock

3. Abbau von Unsicherheiten:

Eine Erkenntnis der Analyse lautet: Je größer der kulturelle Kontrast zwischen dem Herkunftsland und Deutschland ausfällt, desto größer ist auch der Bedarf von Vorintegration und desto höher deren Mehrwert. Ob es um Unterschiede in der Ausbildung, im Berufsalltag oder im politischen System geht: Bei der Entscheidung für oder gegen eine Migration wiegen Unsicherheiten in Hinblick auf das zukünftige Leben in Deutschland umso schwerer, je mehr die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abweichen. Zu den in der Analyse beispielhaft genannten Fragen, vor denen Erwerbsmigrant*innen stehen, zählen: „Wie trenne ich Müll richtig? Was sind deutsche Essgewohnheiten? Woher weiß ich, was ein guter Preis für eine Wohnung ist? Wie finde ich meine Steuerklasse heraus? Habe ich einen Anspruch auf Weiterbildung? Kann ich mir meinen […] Urlaub auszahlen lassen?“

Zur praktischen Dimension:

Um einem möglichen Kulturschock vorzubeugen, lautet in diesem Kontext eine zentrale Empfehlung der Analyse, den direkten Austausch mit Landsleuten zu fördern, die bereits eine Migration durchlebt haben. Denn dank ihrer Erfahrung können sie als Mentoren und Buddys Erwerbsmigrant*innen glaubwürdig vermitteln, welche Herausforderungen sie in der Fremde erwarten, ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen – und sie nicht zuletzt überzeugen, dass eine intensive Vorbereitung unverzichtbar ist. Als effektives Instrument, um Unsicherheiten zu reduzieren, gelten auch Hospitationen sowie die Einladung deutscher Unternehmer*innen in den DaF-Unterricht. Auf diesem Weg lassen sich persönliche Einblicke in Firmenprofile und potenzielle Arbeitsplätze vermitteln – und nicht zuletzt Schwellenängste abbauen.

In Anbetracht des umfassenden Engagements, das Vorintegration für alle bedeutet, lautet ein tröstliches Resümee der Analyse: Selbst die beste Vorbereitung kann nicht mehr sein als ein Ausblick auf die vielfältigen Herausforderungen, mit denen Erwerbsmigrant*innen in Deutschland konfrontiert sind. Zu vermitteln, dass nie alle Fragen und Eventualitäten in Hinblick auf das Leben in der Fremde geklärt werden können, ist das A und O einer gelungenen Vorintegration. Und nicht zuletzt bildet deren Funktion als Brücke zwischen Herkunfts- und Zielland einen wichtigen Pfeiler der deutschen Willkommenskultur.

 

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