Ausstellung Intercouture: Objekte der Macht

Still: "Shabazz X"
Foto: Goethe-Institut Kinshasa

Videos, Fotos, Installationen: Die Ausstellung präsentiert eine Sammlung von Beobachtungen, die sich mit den sichtbaren und unsichtbaren Funktionen von Macht in der städtischen Gesellschaft von Kinshasa auseinandersetzen. 

Die Ausstellung „INTERCOUTURE - OBJETS DU POUVOIR“ präsentiert eine Sammlung von Beobachtungen, die sich mit den sichtbaren und unsichtbaren Funktionen von Macht in der städtischen Gesellschaft von Kinshasa auseinandersetzen. Videos, Objekte und Fotos sind entlang der Sichtachsen x-förmig angeordnet. So verbinden sich in der monumentalen Architektur des Échangeur de Limite historische mit aktuellen Bezügen zu einer persönlichen Perspektive, die einen Blick auf alltägliche Strukturen und Formen von Macht ermöglicht. Macht wird im Zusammenhang der Ausstellung weniger als repressiver, denn vielmehr als produktiver Faktor von Gesellschaftsverhältnissen verstanden. Zudem dient die Ausstellung als Ausgangspunkt für eine kritische Reflexion über Macht, die durch institutionelle Zugehörigkeit und soziale Privilegierung verliehen wird.
 
Henrike Naumann
Geboren 1984 in Zwickau (Ex-DDR), lebt in Berlin. Von 2004 bis 2014 Bühnenbild- und Szenografiestudium in Dresden und Berlin. Seit 2014 freie Video- und Installationskünstlerin mit Ausstellungen unter anderem in der Galerie SAVVY Contemporary in Berlin, auf der Ghetto Biennale in Port-au-Prince (Haiti) und im Kunsthuis SYB in Besterzwaag (Pay-Bas).
 
Henrike Naumann ist die erste Künstlerin in Residenz, die von der Académie des Beaux-Arts de Kinshasa und dem Goethe-Institut in Kinshasa eingeladen wurde. Beide Institutionen haben ein dreijähriges Residenzprogramm namens "Résidences urbaines" vereinbart, welches das erste derartige Programm des Goethe-Instituts auf dem afrikanischen Kontinent ist. Mehr Infos unter goethe.de/residenzen.
 

Turm des Echangeur von Limete, Kinshasa Intercouture: Objekte der Macht Turm des Echangeur von Limete, Kinshasa | Foto: Goethe-Institut Kinshasa


Meubles de pouvoir
Die Reihe Meubles de pouvoir zeigt Fotos, mit denen die Schreiner aus Binza (Kinshasa) ihre Arbeiten dokumentieren. Komposition und Situation der Bilder personalisieren nicht nur den Produktionsvorgang der Möbelstücke, sondern verweisen auch auf einen Moment der Transformation. 

Nach dem Verlassen der Werkstatt dienen die Möbel in ihren jeweiligen Verwendungskontexten als Statussymbole, mit denen Macht und Status demonstriert werden. In den Bildern manifestiert sich die Teilhabe der Handwerker an der Aufladung von Möbelstücken mit Bedeutung und Macht. Zudem zeigen die Aufnahmen die Unterschiede zur entpersonalisierten, computergestützten Massenproduktion auf, die den Arbeiter/-innen keinerlei Macht mehr über die Produkte ihrer Tätigkeit zugestehen.
 
Fotos zur Verfügung gestellt von Matiaba Djeskin und Papa Gerard.
 
POWER R.D.C.
In der Installation POWER R.D.C. verbinden sich Beobachtungen, die auf unterschiedliche Formen von Macht im Stadtbild verweisen. Die von Noha Matanga mit einer Handykamera aufgenommen Fotos städtischer Architektur von Kinshasa erzeugen durch die Blickwinkel und mit ihrer Qualität eine Ästhetik, die an fotorealistischer Malerei anschließt. Daran knüpft sich die Frage nach der Anerkennung von unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen. Die Festlegung, was als Kunst zu verstehen ist und welche Formen als akzeptabel definiert werden, kommen in institutioneller Macht zum Ausdruck.
 
Die Wasserbeutel binden die Aufnahmen direkt in den Stadtraum von Kinshasa zurück, in dem sich fast überall Abfälle leerer Säcke finden lassen. Die Aufschrift „Power“ suggeriert einen nationalen Bezug und zielt auf das patriotische Gefühl der Kongoles/-innen ab, mit dessen Ausbeutung finanzielle Gewinne erzielt werden sollen. Die ökologischen Kosten hingegen trägt die kongolesische Gesellschaft.
 
Lumumba-Shakur
„My Mother never let me forget my history
Hoping I was set free chains never put on me
Wanted to be more than just free
Had to know the true facts about my history
I couldn't settle for being a statistic
Couldn't survive in this capitalistic“
            Tupac Shakur - Panther Power
 
Ma mère ne me laissait jamais oublier l’histoire
Espérant que je sois libre, sans quelqu’un me met en chaines
Je voulais d’être plus que simplement libre
Je devais savoir les faits vrais sur mon histoire
Je ne pouvais pas me tranquilliser d’être un figurant
Je ne pouvais pas survivre dans ce capitalisme
            Tupac Shakur - Panther Power
 
Die Fotografie Lumumba-Shakur von Chris Shongo zeigt eine Interpretation des 1996 in Las Vegas erschossenen Gangster-Rappers Tupac Amaru Shakur, der von Stor Hyns dargestellt wird. Zitate, Architektur und Bild verbinden die koloniale Kritik Lumumbas und die Texte des Rappers zu einem Dialog über die Macht der Vergangenheit und Zukunft. Die Ermordungen / Tode von Lumumba und Shakur zeugen von den Reaktionen, welche die Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen hervorrufen kann.
 
Der im Bild implizierte Zusammenhang von der Erinnerung an Lumumba mit dem weitverbreiteten Mythos, der den Tod von Tupac anzweifelt, findet in der Architektur des Échangeur de Limite ihren zeitgenössischen Ausdruck.
 
Shabazz X
In dem 1993 in New York aufgenommenen Video rappt Gamilah Lumumba Shabazz, Tochter des politischen Aktivisten Malcolm X, gemeinsam mit einem Mitglied der Gruppe „2 Black 2 Strong“ über die politische Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in den USA. Die Entstehung der Rap-Kultur ist eng verwurzelt mit der Geschichte der Sklaverei und der Selbstermächtigung schwarzer Menschen im Zuge der Bürgerrechtsbewegung. In den 1990er Jahren nutzten viele Musiker Rap als Medium, um auf soziale und gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen.
 
Medusa
Die fünf Performerinnen Oracle Ngoy, Hugette Tolinga, Nyangombe, Eliya Liyenge Nelly und Bmb Voix d’Ange thematisieren in ihrem A-capella-Auftritt die unterschiedlichen Facetten weiblicher Machtübernahme im urbanen Kinshasa. In der griechischen Mythologie ist die Medusa eine Frau mit Schlangenhaaren, bei deren Anblick jeder Mann zu Stein erstarrt. Als Logo der italienischen Luxusmarke Versace ist die Medusa im öffentlichen Raum Kinshasas an jeder Ecke zu entdecken. Die Performance überschreibt die Bedeutung der Medusa und macht sie als Symbol für weibliche Macht sichtbar.
 
By any means necessary
Die Installation „By any means necessary“ setzt sich aus Air Freshenern der Duftmarken „Tropical“, „New Car“, „Candy“ und „Forest“ zusammen, die sich in zahlreichen Taxis in Kinshasa finden. Der 1965 ermordete Malcolm X nahm dieses „X“ als Nachname an. Er war davon überzeugt, dass der ursprüngliche Name der seiner Familie (Little) einst von Sklavenhaltern verliehen wurde. Als politischer Aktivist und spiritueller Mensch prangerte El Haji Malik el-Shabazz, wie er sich zuletzt nannte, die global herrschenden Regeln des Kapitalismus an, die er als die strukturelle Ursache von Rassismus betrachtete. Sein Ziel war die Vermittlung von Macht durch Wissen. Die politischen Botschaften von Malcolm X sind nun nicht mehr nur untrennbar mit dem X verbunden, sondern ebenso mit dem Geruch der Taxis in Kinshasa. 
 
Croisette X
Die von Junior Mvunzi aus Kupfer hergestellte Plastik zeigt ein der sogenannten „Katanga-Croisette“ nachempfundenes, gerahmtes Kreuz. Material und Form verweisen auf Momente der kongolesischen Geschichte, in denen um politische und gesellschaftliche Macht gerungen wurde. In seiner ursprünglichen Form diente die Croisette als Zahlungsmittel, das seinen Besitzern finanzielle Macht verlieh. Der sogenannte „État du Katanga“, der 1961 seine Unabhängigkeit vom Rest des Kongo erklärte, nutzte die Croisette auf ihrer Flagge, um die regionale Identität der Republik zu symbolisieren. Gleichzeitig kann die Croisette in ihrem Rahmen als eine Fläche gedeutet werden, wie sie auf Wahlzetteln zu finden sind. Wahlen sind der zentrale Zeitpunkt des Wechsels von Macht in demokratischen Systemen.
 
Comme des Kinois
Die Installation Comme des Kinois versammelt Fotografien aus dem Archiv von Willfried Lova Lova, der sich 2005 als zwölfjähriger Junge der Sapeur-Kultur anschloss. Als einer der jüngsten der dritten Generation von Sapeurs in Bandal gründet er 2007 die Gruppe Le Monde est à Nous. Mit ihrem extravaganten Auftreten und ihren ausgefallenen Outfits drücken die Sapeurs ihren Anspruch auf einen Teil des öffentlichen Lebens aus. Zudem konkurrieren Gruppen von Sapeurs um die größte Aufmerksamkeit und die besten Outfits. Lova Lova bevorzugt japanische Designer wie Yohji Yamamoto, Rei Kawakubo (Comme des Garçons) und Issey Miyake. Die Kleidung wird von Musikern aus Europa mitgebracht und über lokale Netzwerke getauscht oder verkauft. Die getragenen Marken verleihen Machtpositionen innerhalb der Sapeur-Szene. Die Fotoserie erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden in Kinshasa und von der Selbstermächtigung durch Style.
 
SACE
Anders als bei der Performance „Medusa“, die von fünf Frauen aufgeführt wird, sind in den von Chris Shongo gesammelten Video-Aufnahmen des Medusa-Bildes im Stadtbild von Kinshasa nur Männer zu sehen. Auf diese Weise wird die Sichtbarmachung weiblicher Macht auf männliche Körper übertragen. Die männlichen Körper werden zu Trägern der neuen Interpretation der Medusa umgedeutet.
 
Mit freundlicher Unterstützung von Tickson Mbuyi, LMJ, Djabir, Benito Baras, Lebrain.