Kunstausstellung documenta 14 Die griechische Zivilisation in der Diskussion

Parthenon der Bücher, Documenta 14
Parthenon der Bücher, Documenta 14 | Olaf Kosinsky (Ausschnit); CC BY-SA 3.0 DE

Kunstkritiker Jean Kamba hat auf Einladung des Goethe-Instituts die documenta 14 in Kassel und Athen besucht, zusammen mit einer Gruppe KünstlerInnen und KuratorInnen aus anderen afrikanischen Ländern. Was denkt er von der größten Kunstausstellung der Welt, die nur alle fünf Jahre stattfindet?

Die zeitgenössische Kunst ist ein Nebel aus Weltanschauungen mit ihren je eigenen Herangehensweisen. Kunstschaffende beziehen alte und neue Theorieansätze – in der bildenden Kunst oder anderen Feldern – auf die aktuelle Lage und die ausgeprägten Identitätskrisen unserer Gegenwart, verflechten diese miteinander und stiften Verwirrung inmitten unserer Gewohnheiten.

Aus dieser Situation ist die documenta 14 hervorgegangen, eine Bühne, auf der Anthropologen, Historiker, Psychologen, Ethnologen und auch alldiejenigen, die man derzeit als „Künstler“ bezeichnet, gemeinsam auftreten, um eine Sprache auszuhecken, die einer Pawlow’schem Logik folgt.

Ein bekanntes Gemälde von Paul Gauguin trägt den Titel: D’où venons-nous ? Que sommes-nous ? Où allons-nous ? (Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?) Diese Kunstausstellung ist als Auseinandersetzung mit dem Selbstgespräch der griechischen Zivilisation angelegt. Kassel und Athen – Orte, an denen gezeigt wird, wie es dazu kam, dass die Kunst, jene zerstückelte, sich an ihrem eigenen Blut weidende Sphäre, dem in sich verschachtelten Konzept der „Zeitgenossenschaft“ einen ganz besonderen Stellenwert eingeräumt hat. Und doch ist dieser Begriff hinterrücks zum Werkzeug einer Propaganda geworden, die herablassend auf andere Zivilisationen blickt.
 
Eine Vision, die anderen ihre Sicht der Dinge auferlegen will und sich erneut historischen Unwahrheiten zuwendet, die lange Zeit geradezu als Heilsbotschaften galten. Eine abfällige Propaganda, die voller Heuchelei das Verhalten des Nordens gegenüber den Völkern der Dritten Weilt preist.

Existenzielle Frage- und Problemstellungen stehen im Zentrum dieser Begegnung, wie bereits das Motto dieser documenta-Ausgabe bezeugt: Learning from Athens. Athen, die Wiege des Wissens, wie es schön heißt. Marta Minujíns Arbeit El Partenón de libros (Der Parthenon der Freien) macht deutlich, dass diese Haltung sich durch die gesamte Ausstellung zieht.

Unter den zaghaften künstlerischen Gesten, die sich auf den ersten Blick wie eine Rückgabe verstehen, stechen einige Werke heraus. So erzählt der Australier Gordon Hooke in seinem Arbeit Murriland! vom Treiben der Engländer im Australien des 18. Jahrhunderts. Leider bietet Murray nicht mehr als einen White Cube, der der „mission civilisatrice“ Anerkennung zollt und in dem sich „Zivilisierte“ und „Wilde“ unversöhnlich gegenüberstehen. Hier wird die Eroberung der kulturlosen Welt durch das Cogito heraufbeschworen, das seinem Aufstieg Athen verdankt. Und das ist bei Weitem nicht der einzige derartige Fall auf der documenta … Zugleich kommt hier der Niedergang der westlichen Gesellschaft zum Vorschein, die angesichts einer neuen politisch-wirtschaftlichen globalen Konstellation, die mit dem Aufstieg Chinas und anderer Länder der sogenannten „Dritten Welt“ verbunden ist, zunehmend ins Hintertreffen gerät.

Im Wirklichen herumwühlen

„Im Wirklichen herumwühlen“: Dieser Ausdruck findet sich Felwine Serrs Essay Afrotopia. Er passt zu der Aufgabe, die sich der Delegation aus fünfzehn afrikanischen Künstlern, Kuratoren und Kunstkritikern angesichts der erwähnten Ärgernisse auf der documenta stellt. Es gilt, die bestehenden Möglichkeiten zu durchdringen und zu nutzen, um jene Begriffe neu zu denken, auf den Prüfstand zu stellen, zu dekonstruieren und anders zusammenzusetzen, die man zwar schluckte, die man aber nie wirklich verdaut hat, weil sie aus ganz anderem Zusammenhängen stammten. Dazu nur ein Beispiel: Lassen sich Bezeichnungen wie „Kurator“ oder „Ausstellungsmacher“ in einem afrikanischen Kontext verorten oder neu deuten? Würde es sich in Anbetracht der miserablen Finanzierungsmöglichkeiten nicht anbieten, sie zu verwässern und an die lokalen Umstände anzupassen? Übernimmt man diese Vorstellungen vorschnell, bleibt man der Logik der aufgehaltenen, nach Zuwendungen bettelnden Hand verhaftet. Sie hingegen neu zu denken, würde auch heißen, sich die nötigen Mittel selbst zu beschaffen, um sich frei äußern und ausdrücken zu können. Aus dieser Logik ergeben sich darüber hinaus weitere Problemfelder: die Rolle des Kunstmarktes und der Kunstwelt sowie der Zweck von Kunst in unseren heutigen Gesellschaften.

Es ist kein Geheimnis, dass die zeitgenössische Kunst, diese atemlose Abfolge von Begriffen, Praktiken, Orten und Namen, zu den Propagandainstrumenten des hegemonialen Nordens gehört. Der Kunstsektor in Afrika darf sich von dieser Phraseologie nicht in Beschlag nehmen lassen. Er sollte sie vielmehr in Frage stellen, der Welt seinen eigenen Vorschläge und Überlegungen unterbreiten und sich jeder Form geistiger Fremdherrschaft widersetzen.

Es genügt also nicht, sich mit authentischer Folklore zu begnügen, wie bereits Valentin-Yves Mudimbe feststellte. Es geht stattdessen darum, die eigene Identität zu hinterfragen. Aber wie kann man diesen Kampf führen, wenn sich die finanziellen Probleme überall bemerkbar machen? Um sich die documenta überhaupt ansehen zu können, ist man auf die helfende Hand Dritter angewiesen, die die Reisekosten übernehmen. In diesem Fall die Hand des Veranstalters. Da muss man aufpassen, dass einem nicht selbst irgendwann die Hände gebunden sind.