Künstlerresidenz Matti Schulz: Yango Forever

Matti Schulz mit Mutu ya Fufu (Fufuman)
Foto: Godelive Kasangati

Matti Schulz ist der dritte Künstler, der am einmonatigen Residenzprogramm von Académie des Beaux-Arts und Goethe-Institut teilnahm. In Zusammenarbeit mit lokalen KünstlerInnen und Studenten der Académie des Beaux-Arts realisierte er die Ausstellung „Yango Forever“. 

 

  • Matti Schulz: Yango Forever Foto: Godelive Kasangati
    Matti Schulz: Kinsasa, 2017
  • Matti Schulz: Yango Forever Foto: Mira Kavira Vahighene
    Matti Schulz, Mundele, 2017
  • Matti Schulz: Yango Forever Foto: Godelive Kasangati
  • Matti Schulz: Yango Forever Foto: Godelive Kasangati
  • Matti Schulz: Yango Forever Foto: Godelive Kasangati
  • Matti Schulz: Yango Forever Foto: Godelive Kasangati
  • Matti Schulz: Yango Forever Foto: Godelive Kasangati
  • Matti Schulz: Yango Forever Foto: Godelive Kasangati
  • Matti Schulz: Yango Forever Foto: Godelive Kasangati
  • Matti Schulz: Yango Forever Foto: Godelive Kasangati
  • Matti Schulz: Yango Forever Foto: Mira Kavira Vahighene
  • Matti Schulz: Yango Forever Foto: Mira Kavira Vahighene
  • Matti Schulz: Yango Forever Foto: Mira Kavira Vahighene
Die Arbeiten der Ausstellung zeigen Assoziationen und spontane Reaktionen auf eine neue Kultur, in die Matti Schulz während seines Aufenthalts eintauchte. Mit interdisziplinären Ansätzen stellt der Künstler seine persönlichen Erfahrungen dar, spielt aber auch auf populäre Phänomene des alltäglichen Lebens an und verbindet sie gleichzeitig mit zeitgenössischen Themen. Der Titel „Yango forever“ verdeutlicht als lautliches Wortspiel (übersetzt: „forever young“) den spielerischen und humorvollen Charakter der Ausstellung.

In der Arbeit Mundele wird einerseits das Fremdsein thematisiert, andererseits aber auch auf die brutale Kolonialgeschichte angespielt. Auf Lingala, einer der Nationalsprachen des Kongo, bedeutet Mundele „Weißer“, ein Wort, das in Kinshasa teilweise als Anrede für BesucherInnen des Landes verwendet wird, sich aber auch auf den Kolonialismus bezieht und auf die lange Geschichte weißer Vorherrschaft und Unterdrückung im Kongo. Das aus Holz gesägte, der Figur eines Menschen nachempfundene Objekt ist mit lokalem Kleingeld beklebt – eine Anspielung darauf, dass ein Mundele prinzipiell als besonders wohlhabend gesehen wird. Der kongolesische Performer Toni Sosa, der sich öffentlich als Gelegenheitsdieb ausgibt, interagierte in einer Performance mit Mundele und entfernte während der Ausstellung die Geldscheine von dem Objekt. 
 
Des Weiteren dokumentierte Matti Schulz seine Annäherung an die für ihn fremde Kultur. Aus einem der kongolesischen Hauptnahrungsmitteln Fufu, einer aus Maniok- und Maismehl hergestellten Paste, baute er einen Schneemann – angelehnt an seine frühere Arbeit Cold War 2. Dafür ließ er sich die traditionelle Herstellungsweise von Fufu beibringen. Diesen Prozess dokumentierte er per Video und zeigte ihn in der Ausstellung. Den akustische Background der Ausstellung bildete ein Klanggemisch aus Tönen dieses Videos und eines während des Aufenthaltes entstandenen Rapsongs, gemeinsam aufgenommen mit den kongolesischen Musikern Orakle und Lova Lova.
 
Mit verschiedenen Keramikskulpturen stellte Matti Schulz außerdem einen Bezug zwischen traditionellen kongolesischen Masken und seinen eigenen, an Schandmasken aus dem an das Mittelalter erinnernden Objekten her.
 
Viel Wert legte der Künstler während seines Aufenthalts darauf, Gemeinschaft mit lokalen Künstlerinnen und Künstlern herzustellen. Dazu lud er zu einem Spiel ein, das ursprünglich dem Kindergarten-Kontext entstammt: Das sogenannte Knickspiel wird normalerweise auf Papier gespielt. Jeder Teilnehmende zeichnet den Beginn einer Figur oder eines Objekts auf den oberen Teil des Papiers, faltet diesen Teil ab und gibt das Blatt weiter. Der nächste Spieler führt die Zeichnung weiter, ohne zu wissen, was sein Vorgänger gezeichnet hat. Die Teilnehmenden um Matti Schulz einigten sich auf ein Motiv, das sie gemeinsam zeichnen wollten – hier nicht auf Papier, sondern eine große Wellblechwand aus Aluminium. Neben dem Spaß an der Sache spielte dabei auch die Materialität eine große Rolle, denn dieses Wellblech ist im Straßenbild Kinshasas überall anzutreffen. So entsteht aus verschiedenen Stilen und Vorstellung ein kollektives Gemälde, das verschiedene künstlerische Positionen in einem Bild vereint – in diesem Fall ein großformatiges Fantasiewesen, das an einen Mythos erinnert, der sich um die Entstehung von Kinshasa rankt. Demnach gab es vor langer Zeit ein großes Monster Namens ‚Kinsasa‘. Dieses Monster lebte zwischen den Hügeln, auf denen heute Kinshasa liegt. Laut dem Mythos tauchte das Monster auf, um Menschen zu bestrafen, die gegen die gängigen moralischen Regeln verstoßen haben. 
 
„Yango forever“ ist die intuitive Dokumentation eines kulturellen Austauschs, der auch durch komplexe Verschiebungen von Erwartungen und Rollenverständnissen geprägt war. Durch Materialexperimente und spielerische Methoden in Malerei und Skulptur, Video, Rap und Performance entstand ein schwereloser, humorvoller Diskurs mit lokalen Künstlerinnen und Künstlern über schwierige und konfliktreiche Themen. Vielleicht ist das Einlassen auf genau diese Themen eine gute Basis für weitere Kollaborationen in der Zukunft. 


Text: Lydia Schellhammer