Elektronische Musik in Kinshasa Techno und Trommeln

Nachwuchsprogramm des Festivals Pop-Kultur
Foto: Pop-Kultur / Roland Owsnitzki votos.de

Elektro, das ist doch keine Musik. Und DJs, das sind doch keine Künstler_innen. Glaubten zwei Musiker aus Kinshasa. Bis sie das Pop-Kultur-Festival in Berlin besuchten. Im November verganenen Jahres stieg in der drittgrößten Stadt Afrikas die erste Technoparty.

Lautstark versucht Deogracias Kihalu sich Gehör zu verschaffen. Er schnappt sich das Mikrofon und will sein Programm ankündigen. Der 33-Jährige steht hinter einem kleinen DJ-Pult am Rand des winzigen Clubs, dem „Whatsapp“, gegenüber der Kunstakademie in Lingwala, Kinshasa. Seine Augen scannen die Gäste. Gar nicht so leicht, die Aufmerksamkeit der feiernden Partygänger auf sich zu ziehen. Er wirkt angespannt. Ist auch klar warum: Es ist schließlich das erste Mal, dass er in Kinshasa einen Elektroabend veranstaltet. Zusammen mit der Percussionistin Huguette Tolinga macht er heute eine Live-Performance mit Elektro und Video, zusammengestellt aus eigenen Aufnahmen aus der Stadt und live Sampling. Dazu die Congas von Huguette. Techno und Trommeln in Kinshasa. Geht das?
 

DJ-Workshop beim Festival „Pop-Kultur“

 
Angefixt vom Techno wurden beide Künstler beim ziemlich hippen, neuen „Pop-Kultur-Festival“ in Berlin. Dort nahmen sie am Nachwuchsprogramm teil. Musiker_innen, Produzent_innen, Musikjournalist_innen und andere im Musiksektor aktive Menschen aus der ganzen Welt konnten sich bewerben. 150 Teilnehmende erhielten so in drei Tagen Einblicke in die Musikbranche. Das Goethe-Institut ermöglichte mit Stipendien 10 Bewerber_innen aus sogenannten Entwicklungsländern die Teilnahme. Gleich zwei Künstler aus Kinshasa wurden eingeladen. Für Huguette Tolinga, 27, war es die erste Reise außerhalb ihrer Heimat. „Ich habe mich sehr, sehr gut gefühlt,“ erinnert sie sich. „Ich bin Künstlerin und ich arbeite hart. Aber ich hätte nicht gedacht, dass sie mich einladen, denn wir waren wirklich viele Kandidaten.“
 
Neben neuen Kontakten und heftigen Konzerten im „Berghain“, einem Berliner-Kultklub, der in einem ehemaligen Heizkraftwerk untergebracht ist, bot das Nachwuchsprogramm auch maßgeschneiderte Fortbildungen: Für Huguette ging es zum Radio; Deo, der in Kinshasa mit dem Kollektiv „Sadi“ regelmäßig Konzerte organisiert, hospitierte bei einer Kultureinrichtung. Am meisten profitierten beide allerdings vom DJ-Workshop. Zum ersten Mal experimentierten die beiden hier mit Turntables, Sampling-Software und anderen Techniken der elektronischen Musikproduktion, nur einen Tag lang. Das reichte, um nun in der ersten Elektroparty der Stadt zu münden.

Deo und Huguette beim Festival Pop-Kultur
 

Und das kongolesische Publikum?

 
Oft kommt es nicht vor, dass aus den kongolesischen Clubs vom minimalistischen Berliner Techno inspirierte Töne zu hören sind. Es dominieren sonst eher Hip-Hop und Rap. Aber auch diese Musikstile sind im Klangregister der Stadt, die sich seit den 1940er Jahren dem Soukous, dem kongolesischen Rumba, verschrieben hat, eher seltener zu hören. Auch bei Huguette war die Skepsis anfangs groß: „Früher dachte ich immer, DJs sind keine Musiker. Sie legen einfach eine CD nach der anderen ein, spielen bei irgendwelchen Festen. Ein Instrument können sie auch nicht.“ Nach dem Workshop hat sie ihre Meinung geändert: „Was ein DJ ist, ist gar nicht festgelegt. Im Prinzip kreiert man genauso, wie man das als Musikerin tut.“ Knöpfe drücken, im Takt bleiben, über aufgenommen Beats improvisieren: Im Grunde macht sie als Percussionistin an den Congas nichts anderes, als wenn sie mit Software Musik produziert.
 
Jetzt allerdings die Feuertaufe im „Whatsapp“. Deo schaltet den kleinen Bildschirm ein, der an der Wand hängt. Ein Video beginnt und gleichzeitig wummern die Bässe aus den Boxen in der Bar. „Für das Video bin ich in die ärmeren Stadtteile gegangen“, sagt Deo. „Mein Ziel war es, Kinshasa als großes Durcheinander, wie einen Marktplatz, zu präsentieren.“ Menschen laufen durch Straßen, Busse verdecken die Sicht, es ist laut und wuselig. Das omnipräsente Hupen der Mopeds und Autos läuft in der Dauerschleife.
 
So ganz weiß das Publikum nicht recht, was es mit dieser Video- und Sound-Performance anfangen soll. „Viele haben nicht verstanden, was das Video mit der Musik zu tun hat“, glaubt er. „Vielleicht lag es am Video. Das nächste wird besser, nicht so lang“. Dann setzt sich Huguette an ihre Congas, ein Freund übernimmt den Computer. So entsteht eine durchaus tanzbare Mischung aus akustischen Tönen der Trommeln und elektronisch produzierten Clips. Langsam fängt die Menge an, sich im Takt zu bewegen. Es ist noch früh in der Nacht von Kinshasa.