Kinzonzi, das Konzil der Künstler*Innen, offen für die Kinois
Laboratoire Kontempo 3 

Debatte während dem Laboratoire Kontempo 2021
©Laboratoire Kontempo

Das Laboratoire Kontempo entstand in der Kunstszene von Kinshasa und hat sich zum Ziel gesetzt, die zeitgenössische Kunst so zu präsentieren, wie sie in Kinshasa gelebt und ausgedrückt wird. Sein Ansatz besteht darin, die informellen Diskussionen und Gespräche der Künstler*Innen, die meist bei einem Glas Wein geführt werden, in einen formelleren Rahmen zu bringen. Die dafür gewählte Formel ist das Kinzonzi, eine Wiederaneignung des Wortes in Kikongo, das sich auf das afrikanische Palaver bezieht. Innerhalb des Kontempo-Labors geht es darum, einen offenen Raum der Reflexion für die Kreation und die gemeinsame Suche nach neuen Perspektiven zu schaffen, als Basis für eine freiere Kunst und einen authentischeren Ausdruck.

Zur Freude der Organisator*innen fand die von dem kongolesisch-deutschen Duo Mukenge/Schellhammer initiierte Veranstaltung 2021 als Präsenzveranstaltung statt. Im Jahr 2020 konnte die Ausstellung aufgrund der Gesundheitsvorschriften während der Covid-19 Pandemie fast nur im digitalen Raum gezeigt werden. Dieses Mal begleitete das virtuelle Format eine Ausstellung im Nationalmuseum Kinshasa.
Ausgehend von der Feststellung, der Großteil der Inhalte im digitalen Raum über die zeitgenössische, kongolesische Kunstszene keine lokalen Produktionen sind, legt das Laboratoire Kontempo weiterhin Wert auf die Produktion von digitalen Inhalten. Meistens stammen die Angebote, auf die man im Netz stößt, von Ausländern*innen, meist aus dem Westen, deren Blick nicht immer dem entspricht, den die kongolesischen Künstler*innen in und auf sich selbst richten. Dies ist eine der Hauptmotivationen des Laboratoire Kontempo, das aus den üblichen Klischees ausbrechen möchte, in denen Elend, Exotismus und Selbstgeißelung nach wie vor en vogue sind.

Die Ausstellung, die vom 15. Oktober bis zum 15. November im neuen Museum in Kinshasa zu sehen war, bestand größtenteils aus analogen oder digitalen Installationen. Leider musste die Ausstellung vor ihrem offiziellen Ende aufgrund unvorhergesehener Programmänderungen des Nationalmuseums im Format reduziert werden. Zum Glück waren schon bei der Eröffnung sehr viele Menschen da, so bekamen die spontanen Interaktionen der Künstler*innen aus Kinshasa und Berlin an diesem Abend eine angemessene Wertschätzung.

Nza - Kunstvideo von Koko Kabamba, Videostandbild

Der „Schwebende Kompass“ von Raul Walch, ein großer Pavillon, den man für eine Art Fallschirm halten konnte, der im zentralen Hof des Museums aufgespannt wurde, ist das Erste, was die Blicke bei der Vernissage auf sich zog. Dann gab es eine Reihe von Videos auf dem Rundgang durch die Ausstellung zu entdecken. Die Bewegungen von Koko Kabamba in „Nza“ erinnern an einen Regenwurm. Er ist von Kopf bis Fuß mit einem einzigartigen Kleidungsstück bedeckt. Inspiriert von der traditionellen Tapisserie-Technik, entsteht durch die Zusammenstellung verschiedener Stoffstücke eine bewundernswerte Ästhetik.
In dem überdachten Bereich, der für Videos reserviert ist, ist auch der Revoluzzer Billy Ngalamulume mit seiner Performance „Bilobela TV lokuta FM“ zu sehen, der sich gegen die audiovisuellen Medien auflehnt. Der Künstler will sich vom Diktat der Regisseure befreien, die ihn zwingen, sich ihrem Willen und ihrer Vorstellungswelt anzupassen. Auf der Suche nach einem eigenen Weg löscht er die Vergangenheit, mit der er sich nicht identifizieren kann, aus. Die Wut des Performers und seine Gewalt machten viele Zuschauer*Innen fassungslos und regen zum Nachdenken an, während man dem Performer zuschaut, wie er die Zerstörung der Bildschirme genießt.

Während Musik die Sinne anregt, hat der Tanz oft die Wirkung, zu entspannen. Ob Trauer- oder Freudentanz, spielt keine Rolle. Auch die Körpersprache des Tanzpaares Guelord Vulu und Dedhel Bulamatadi in „Matanga“ (anlässlich einer Beerdigung) ist bezaubernd. Auch wenn man die Not, die von der Szenerie ausgeht, die ihre Choreographie inspiriert, und die Trauer, die vor ihren Augen vorüberzieht, versteht, kann man nicht umhin, die Schönheit ihrer Bewegungen zu sehen, so dass man den traurigen Hintergrund vergisst.

Die Hommage an Dorine Mokha, ist das andere Tanz-Projekt, das sich den Betrachter*innen nicht ohne Verwirrung bietet. Diejenigen unter den Besucher*innen, denen er unbekannt war, entdeckten den Choreografen in einer 40-minütigen Video-Performance, die ursprünglich auf der Biennale inBerlin gezeigt wurde. Ein Auszug aus seiner autobiografischen Reise-Trilogie „Entre deux“, ein Solo, das von 2013 bis 2020 nach und nach entwickelt wurde, bevor Dorine Anfang 2021 verstorben ist. Laboratoire Kontempo hat sich dafür entschieden, eine Arbeitsphase dieses Stücks zu beleuchten, an der er in Lubumbashi feilte. Sie wurde durch seinen unerwarteten Tod abrupt beendet. Viele Besucher*innen waren beeindruckt von seiner Haltung, als er in einem langen blauen Kleid auf Damenabsätzen Tanzschritte vollführte. Die Hommage an den zeitgenössischen Tänzer hält seine Kunst in unseren Köpfen lebendig und verankert Dorine im Gedächtnis seiner Künstlerkolleg*innen. Das Video spiegelt die Suche des Künstlers, mit der Gesellschaft in einen Dialog treten zu wollen. Die Arbeit „Voyage - Entre deux“ unterstreicht die Entscheidung des Choreografen, seine sexuelle Orientierung offen zu zeigen.

Rachel Nyangombes Gif „Fight the power“ nutzt die digitalen Medien, um die Kunst so populär und zugänglich wie möglich zu machen. Die digitale Welt hat ihren Platz in Kinshasa, aber sie ist noch nicht für jeden erschwinglich. Daher bietet sich das Gif als Produkt an, das auch mit kleinem Budget erschwinglich ist. Der unvermeidliche Kampf um das tägliche Brot ist eine soziale Tatsache, der man sich nicht entziehen kann. Diese Tatsache wird in „La Cohue des petites utopies“, vier Videos von Sinzo Aanza in Zusammenarbeit mit Isaac Sahani, zum Ausdruck gebracht. Die harten Realitäten des Kontextes, der die Arbeit der wirtschaftlichen Akteure in der Stadt Kinshasa kennzeichnet, Frustrationen, Mühen des Berufs usw., versäumen es nicht, daran zu erinnern, wie sehr man sich manchmal anstrengen muss, um einfach nur zu leben.

Pool Malebo - Multimedia Installation von Mukenge/Schellhammer

„Pool Malebo“, eine Multimedia-Installation mit digitalen und analogen Gemälden des kongolesisch-deutschen Duos Mukenge/Schellhammer, ist in einen Korridor eingebettet, der in die zentrale, vorwiegend in Grün und Fuchsia gehaltene Halle mündet. Das Werk, das die fiktive Szenerie von Pool Malebo (Flusslandschaft in Kinshasa) nachbilden soll, übt eine gewisse Anziehungskraft aus und lässt die Besucher*Innen direkt teilhaben. Sie werden quasi in die Welt der Installation hineingezogen und geben sich ihrer Fantasie hin, die im Gegensatz zur Realität des echten Pool Malebo steht, den die Künstler*Innen durch ihre imaginäre Darstellung sublimieren.

Der Haupteingang des Museums, auf den einige sofort zugehen, führt direkt zu Sammy Balojis Werk. Die Kopien des langen „Briefes von Alfonso I., König von Kongo, an Manuel I., König von Portugal, über den Brand des "großen Hauses der Götzen", Königreich Kongo, 5. Oktober 1514“, die auf den vier Seiten eines roten Würfels angebracht sind, sind der Hauptteil des Werks. Daneben informieren zwei Übersetzungen des Schreibens, eine französische und eine englische Version, über seine Quintessenz. Das Dokument verweist auf den Geschichtlichen Hintergrund des Kongo-Königreichs, das durch die Herrschaft von Alfonso I. (1456-1543), seinem zweiten christlichen Monarchen, geprägt wurde. Die Tatsache, dass man diesem jahrhundertealten Archiv gegenüberstand, verlieh den in der Schule gelehrten und in den Büchern geschriebenen historischen Fakten mehr Bedeutung, sodass er vom Mythos zur Realität wurde. Es war für mich ein Glücksfall, den derzeitigen portugiesischen Botschafter während der Vernissage zu treffen, der das Dokument, von dem er sagte, das Original in Lissabon gesehen zu haben, aufgeregt betrachtete. Und ihn sagen zu hören, dass die alten Beziehungen wiederbelebt werden sollten, war für mich persönlich einer der einzigartigen und markanten Momente der Ausstellungseröffnung.

Das Narrenschiff - Installation von Jérôme Chazeix

Ebenfalls in der Eingangshalle war es unmöglich, die imposante Stoffinstallation „Das Narrenschiff“ mit der Musik und Performance von Jérôme Chazeix zu übersehen. Der Überraschungseffekt, den sie hervorruft, zwingt einen dazu, die Augen zu heben, um sie richtig zu sehen. Sie ist, zusammen mit der Arbeit des Duos Prisca Tankwey und Paulvi Ngimbi, ziemlich beeindruckend. Wie das vorangegangene Werk des Fotografen Sammy Baloji handelt es sich auch hier um eine entstaubte Geschichte aus der Vergangenheit. In Ermangelung eines Schiffes verwandelt der Künstler einen Teil des Geländers der Treppe, die in das Obergeschoss des Museums führt, in das berühmte Narrenschiff, das seine Inspirationsquelle ist. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass der Text von Sebastian Brant (1494), Ausgangspunkt seiner Arbeit, der als satirische Allegorie auf die menschliche Situation und als Metapher für die Flucht vor einer immanenten Krise vorgeschlagen wird, in der Zeit der Covid-19-Pandemie ein Echo findet.

Mayangani - Multimedia Installation von Paulvi Ngimbi und Priska Tankwey

Die Besucher*innen werden vom „Narrenschiff“ überrascht und fühlen sich von der Dialektik der titellosen Installation von Prisca Tankwey und Paulvi Ngimbi angesprochen. In einer faszinierenden Atmosphäre steht ein hell erleuchtetes Zelt, im Hintergrund ist Vanitas zu hören. Das Bild wird durch die Skulpturen, Gemälde und Fotos ergänzt, die den Boden bedecken. In dieser farbenfrohen Welt treffen die aufklärenden Worte zweier weiblicher Stimmen auf die Illustrationen, die Fragen der Hautpigmentierung aufwerfen und dazu einladen, sich selbst zu akzeptieren und sich zu enthemmen.

Das Projekt Kinzonzi wurde in Zusammenarbeit mit Acud Macht Neu aus Berlin realisiert und hat sich zum Ziel gesetzt, die Perspektiven der künstlerischen Praxis zwischen Kinshasa und der deutschen Hauptstadt neu zu erkunden. So hat das Laboratoire Kontempo es als einen neuen kreativen Raum gedacht, der sich über zwei Jahre, 2021 und 2022, erstreckt. Die in der Hauptstadt der DR Kongo organisierte Erstausstellung gab den Ton an. Kunstliebhaber*innen in Kinshasa wurde die Gelegenheit geboten, sich ein neues Bild von zeitgenössischer Kunst zu machen, insbesondere von Performance-Kunst, deren Codes sie oft nicht kennen und die manchmal mit Exhibitionismus gleichgesetzt wird.

Nioni Masela
 

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