Kunst im öffentlichen Raum
A Space Called Public

Verschiedene Kunstprojekte in Münchens Innenstadt sollen Bewohner und Touristen dazu bringen, neu über die Stadt nachzudenken. Die meisten Passanten stolpern zufällig an den Arbeiten vorbei. Sie wundern sich kurz und spazieren weiter.

Kopfschüttelnd steht die kleine alte Frau vor dem Denkmal für Kurfürst Max Emanuel am Münchner Promenadeplatz. Auf ihren Krückstock gestützt tritt sie einen Schritt näher, um die Bilder besser sehen zu können. Mühevoll hat jemand die Papiere in Folie eingeschweißt und dicht gedrängt an den Steinsockel des Denkmals geklebt. Es sind bunte Fotos und Zeichnungen eines Affen. Nicht irgendeines Affen, es sind Bilder von „Bubbles“, dem Schimpansen von Michael Jackson. Am Fuß des Sockels hängen Holzbananen, ein paar Plüschaffen sitzen zwischen Blumengestecken und Kerzen.

„Die jungen Leute brauchen was, was sie bewundern können.“

Der dekorierte Steinsockel ist eine Arbeit des britischen Künstlers David Shrigley. Doch das weiß die alte Dame nicht. Zwanzig Meter weiter vorn steht eine weitere Statue, deren Sockel ebenfalls dekoriert ist. Das „Michael-Jackson-Memorial“ kennt die alte Frau bereits. Fans des Popstars haben damit nach Jacksons Tod 2009 einen Ort der Erinnerung geschaffen. Direkt gegenüber liegt das Hotel Bayerischer Hof, in dem der King of Pop einmal übernachtet hatte. Das Bubbles-Denkmal gibt es erst seit April 2013. „Das haben die jungen Leute gemacht. Die machen so einen Schmarrn. Die brauchen was, was sie bewundern können“, glaubt die 82-Jährige. „Und für Facebook“, sagt eine andere Passantin. 

Shrigleys Arbeit ist Teil des temporären Kunstprojekts A Space Called Public – Hoffentlich öffentlich. Passanten können knapp zwanzig Skulpturen, Installationen und Performances in der Münchner Innenstadt entdecken. Kuratiert hat die Arbeiten das skandinavische Künstlerduo Elmgreen und Dragset. Die Stadt München hat das Projekt initiiert und mit 1,2 Millionen Euro gefördert. Die beiden Kuratoren wollen mit den vorübergehend installierten Arbeiten irritieren. Michael Elmgreen nennt das „Sand ins Getriebe streuen“ und hofft, dass die Menschen ihre Umgebung dadurch neu wahrnehmen.

„Wer bestimmt, für wen wir ein Denkmal bauen?“

Das Affendenkmal von David Shrigley am Promenadeplatz beschäftigt sich – ganz im Sinne von Elmgreen und Dragset – mit der Frage, wie Erinnerungskultur funktioniert. „Wer bestimmt, für wen wir ein Denkmal errichten und wo es stehen soll?“, fragt Shrigley. Ausgerechnet die Münchener Michael-Jackson-Fans, die das „echte“ Denkmal pflegen, haben sich über das Affen-Denkmal beschwert. Denn viele Passanten erkennen das Kunstwerk nicht als solches und befürchten, Jackson-Fans würden einem Affen huldigen.

Auf Protest stieß auch die Arbeit des malaysisch-britischen Künstlers Han Chong. Zwischen den Ständen des Münchener Viktualienmarkts hat Chong einen 500 Kilogramm schweren bronzefarbenen Buddha in den Boden verankern lassen. Wie umgeworfen liegt der Buddha auf seiner linken Schulter. Buddha als überdimensionales Souvenir, als Dekorationsartikel fern des spirituellen Kontexts. „Was ist authentisch?“, fragt Chong mit seiner Arbeit und thematisiert damit die Globalisierung touristischer Sehenswürdigkeiten. „Made in Dresden“ hat er auf die Unterseite der Statue schreiben lassen. Denn viele der in Deutschland verkauften Deko-Buddhas kommen nicht aus Südostasien, sondern aus der Gegend um Dresden.

„Bringen Sie diesen Buddha in seine korrekte Position zurück.“

Die Gegner der Arbeit finden Chongs Installation respektlos. Sie haben dem umgefallenen Buddha Blumen gebracht und ein Schild aufgestellt: „Bringen Sie diesen Buddha bitte in seine korrekte Position zurück“. Mehrmals kam es vor der Statue zu Demonstrationen. Die Stadt beobachtet die Kritik gelassen. Diskussionen seien durchaus gewollt, heißt es im Kulturreferat: „Uns geht es um den Dialog“, meint Referats-Sprecherin Jennifer Becker. Die Standbesitzer am Viktualienmarkt haben den Buddha zärtlich „Locke“ getauft, wegen seines gekräuselten Haars, und würden ihn sogar behalten.

„Vielleicht eine Promo-Aktion für eine neue Tiefgarage?“

Gut einen Kilometer weiter rollt der Feierabendverkehr über den Lenbachplatz. „Pay nothing until April“ – „Zahle nichts bis April“, fordert ein meterhohes Plakat mit gelb-blauem Alpenpanorama. Mitten auf den Platz montiert ist es nicht zu übersehen. Viele der Autofahrer und Fußgänger, die es passieren, nehmen es dennoch nicht wahr. Vielleicht, weil es sich kaum von einem Werbeplakat unterscheidet. Der US-Amerikaner Ed Ruscha hat es erstellt und will damit nach eigenen Angaben keine logische Botschaft vermitteln. „Vielleicht eine Promo-Aktion für eine neue Tiefgarage“, mutmaßt ein Radfahrer. Als die Ampel auf Grün schaltet, wendet er den Blick zurück auf die Straße und braust Richtung Hackerbrücke davon.