Afropolitische Fotografie
Der Fotograf Ananias Léki Dago

Der Fotograf Ananias Léki Dago und der Kunstkritiker und Ausstellungsmacher Franck Hermann Ekra im Gespräch.

Ananias Léki Dago ist in Côte d’Ivoire eine feste Größe in der Kunstfotografie, spätestens seitdem er im Rahmen eines Zyklus von Einzelausstellungen nun auch in Abidjan zu sehen ist. Zuvor hatten ihn die Goethe-Institute in Johannesburg und Nairobi schon 2008 bzw. 2010 vorgestellt. 

Im Kalender des Fotografen überschlagen sich zu Beginn der neuen Austellungssaison die Termine. Da sind zum einen die Ausstellung in der Fondation Donwahi (Afropolitain), eine Projektion seiner Fotos und ein kritischer Dialog (Photographier est un acte poïétique / Fotografieren ist ein poetischer Akt), gefolgt von einer Begegnung mit dem Publikum und Widmung seiner Aufsatzsammlung, und zum anderen der gemeinsame Auftritt Ananias Léki Dagos und weiterer Künstler in der Bewegung des Collectif texte-caché (Kollektiv Verborgener Text). Ziel dieses Kollektivs ist es, von der Côte d’Ivoire aus eine alternative Sicht auf die transafrikanische Kulturdomäne anzubieten und den Status des unbeschäftigten oder unter Hausarrest stehenden Künstlers oder Kulturschaffenden zu verweigern. Soviel zum Kontext der nachfolgenden Unterhaltung. 

FHE:
Anananis, Sie fotografieren seit 20 Jahren, doch ist dies das erste Mal, dass man Ihrem Parcours einen Zyklus von Einzelausstellungen widmet, und zwar in der Fondation Donwahi, die sich der zeitgenössischen Kunst widmet, im Goethe-Institut Abidjan und in der Galerie Jean Brolly. Welche Bedeutung messen Sie diesem Ereignis, dieser Bestandsaufnahme, bei, sei es für Sie persönlich, für die Fotografie der Côte d’Ivoire oder für die transafrikanische Fotografie? 

ALD:
Wissen Sie, hat man 20 Jahre lang fotografiert, so hat man gerade einmal eine gewisse Reife erlangt. Und doch handelt es sich um einen entscheidenden Schritt. Eigentlich sollte man nach dieser Zeit genügend Abstand gewonnen haben, um eine Selbstkritik formulieren zu können. Dieses Einhalten bietet mir also Gelegenheit, meine Wahl aus verschiedenen Blickwinkeln zu analysieren. Zuerst einmal als Individuum, es ist der richtige Zeitpunkt für eine persönliche Ortsbestimmung. Es ist der richtige Zeitpunkt, diesen vergleichsweise kurzen Weg kritisch auszuleuchten. Eine für mich grundsätzliche Frage ist, ob ich nach wie vor meiner ursprünglichen Linie treu bin, dem "A", dem ersten Buchstaben meines Namens, Ananias. 

Die Antwort lautet: Ja! Was nun die Côte d’Ivoire anbelangt, darf ich behaupten, dass ich noch immer von demselben Feuer beseelt bin, welches mich während des ersten Jahrzehnts meines Schaffens dazu trieb, mich für die Zukunft der Fotografie der Côte d’Ivoire in der Côte d’Ivoire einzusetzen. Auch wenn ich mit zunehmender Erfahrung und Reife diese Themen nicht mehr so hitzig angehe. Die Idee einer Gruppierung beschäftigt mich nach wie vor, doch ich gehe die Sache strukturierter an. Die diesbezüglichen Projekte sind ausgereift und werden demnächst vorgestellt werden. Und schließlich geht es hier weniger um meine Person denn um den Platz der Fotografie der Côte d’Ivoire im fotografischen Diskurs, sei es in Afrika oder anderswo. 

FHE:
Für diesen Gründungsakt in Abidjan haben Sie sich entschlossen, drei Fotoserien vorzustellen, die Ihre Sicht auf die urbanen Welten von Bamako (Mali), Johannesburg (Südafrika) und Nairobi (Kenia) illustrieren. Ist das für Sie eine Art und Weise, den Betrachter an Ihrer intimen Geographie Teil haben zu lassen? Was können Sie uns über den Kontext dieser Produktion sagen? Sollte man dabei an das Wort des einsamen und glücklichen reisenden Fotografen Raymond Depardon denken, der sagt, „für eine geliebte Frau gibt es immer einen Platz am Bildrand”? 

ALD:
Meine Fotografie verbindet sich eng mit meiner intimen Sphäre. Sie spricht in der ersten Person des Singulars, ist also gezwungenermaßen subjektiv. Ich will meine Arbeit ganz einfach deswegen zeigen, weil ich besonders in dieser Ausstellung mitteilen will, was mir auf meinen Reisen wichtig ist. Es handelt sich gewissermaßen um mein in Bildern gehaltenes Notizbuch, das ich den Betrachtern bereitwillig öffne. 

Thematisch fasse ich das unter dem Begriff Afropolitain zusammen, einen Hinweis auf meine gegenwärtige Lebensauffassung als Nomade, der eine urbane Welt bewohnt und sich weigert, Afrika die Rolle des Opfers aufdrängen zu lassen. Die Ausstellung stellt drei afrikanische Städte in den Mittelpunkt meiner Überlegungen, die ebenso ähnlich wie unterschiedlich sind. Meine Durchforschung der Städte habe ich oft wie die Eroberung einer Frau unternommen. Natürlich erlebt man dabei Schmerzliches und Erfreuliches. Es ist eine von vielseitigen Überraschungen gezeichnete Liebesgeschichte, während der man nie weiß, was einen erwartet. Man darf nichts als selbstverständlich betrachten. Die Belohnung jedoch besteht darin, dass ich mich in ein Anderswo zu der Begegnung mit einem Anderen-Ich tragen lassen kann. 

FHE:
Ich weiß sehr wohl, dass Sie sich vor Kategorien hüten, doch wenn Sie bereit sind, sich einmal definieren zu lassen … wären Sie damit einverstanden, in die Kategorie der Aussage-Fotografen einreihen zu lassen, im Sinne einer engagierten und interpretierenden fotografischen Handschrift? 

ALD:
Meine Fotografien zeigen doch bereits einen gewählten Ausschnitt, reicht das nicht? (Lachen.) Ich weiß nicht, ob ich mich mit diesem Etikett behaften lassen möchte. Es stimmt jedoch, dass meine fotografische Sprache von meinem Engagement gezeichnet ist. Dieses Engagement ist unter anderem künstlerischer Natur. Ich stoße an. Ich dränge an die Grenzen soweit es geht. Dennoch beschränkt sich mein Engagement nicht auf die fotografische Handschrift, es schließt auch meine Philosophie ein. Da ist zum Beispiel meine Beteiligung an der ivorischen Künstlerbewegung Daro-Daro im Jahre 1996 und die Gestaltung der Rencontres du Sud (Monat der Fotografie) in Abidjan im Jahre 2000, die zweifellos ein Ausdruck meines Engagements sind. Um diese Ereignisse zu schaffen, musste ich Widerstände überwinden und Grenzen versetzen, was zu jenem Zeitpunkt von meinen Mitschaffenden leider nicht verstanden wurde. 

FHE:
Im Laufe der Zeit haben Sie einen "Old School"-Stil entwickelt, der die analoge Fotografie bevorzugt, und mit der Wahl des Schwarz-Weiss eine sehr persönliche Sprache entwickelt, die ein sehr spezifisches Verhältnis zum Bild ermöglicht. Sie haben sich eine Regel auferlegt, ein « Paradigma der fünften Rolle », die Ihnen hilft, über die Dringlichkeit eines Themas zu urteilen. Handelt es sich dabei um einen fotografischen Gestus als Reaktion auf die Schnelllebigkeit, auf die Sturzflut der Farben und den unbedingten Drang, gesehen zu werden? 

ALD:
In Paris trug ich einmal meine Leica, von der ich mich nie trenne, um den Hals. Da näherte sich auf einmal eine sichtlich sehr junge Dame, die voller Neugier meinen Fotoapparat betrachten wollte. Sie gestand mir, dass sie nur die Digitalfotografie kenne. Wir waren Zeitgenossen, doch sie hat mir das Gefühl gegeben, einer fernen Zeit anzugehören. Ich muss ehrlich sagen, ich kam mir vor wie ein junger Dinosaurier. Und doch hat sich die Digitalfotografie erst seit dem Jahr 2000 wirklich durchgesetzt. Daraus erkennt man, wie rasend schnell sich die Welt bewegt und wie radikal die Umwälzung der Fotografie geworden ist. Ich würde meinerseits sagen, dass ich mich zwischen den Generationen bewege. 

Ich habe das Privileg, von beiden Seiten das nehmen zu können, was mit meiner Philosophie im Einklang ist. Ich habe mich nie einem Druck oder einer vermeintlichen Notwendigkeit in eine Richtung drängen lassen. Ich besitze eine fotografische Geduld, die allen kreativen Phasen des fotografischen Prozesses Rechnung trägt. Ich gehöre einer Schule an, in der die Zeit eine Schlüsselrolle spielt. In diesem Prinzip liegt die Magie verborgen. Mit der Digitalfotografie verschwindet diese Ästhetik allmählich. Ich verweigere nicht das Neue, ganz im Gegenteil. Ich passe es meinem Rhythmus an. Ich liebe es, meine Produktion bestimmten Vorgaben zu unterwerfen, und das, was Sie das "Paradigma der fünften Rolle" nennen, gehört dazu. Es handelt sich lediglich darum, sich die Zeit zu nehmen, die man benötigt, um ein Thema zu erfühlen und sich über dessen Pertinenz Rechenschaft abzulegen. Die Symbolik der Ziffer 5 verweist auf den Zustand der Gnade, den der revolutionäre Galerist Julien Levy für seine außergewöhnlichen Entscheidungen verantwortlich machte. Ich taste mich voran und erst nach der fünften Filmrolle sind meine Sinne so wach, dass ich wirklich in mein Thema einsteigen kann. Es geht mir immer um die Sinn-Frage. 

FHE:
Ihre Arbeit is introspektiv, sie stellt unablässig die Frage nach dem kürzesten Weg vom Ich zum Ich. Sie scheinen mit dem Philosophen Paul Ricoeur darin einig zu sein, dass dieser kürzeste Weg über den Anderen führt. Diese Teilnahme und Preisgebung des Sensiblen ist eine Ästhetik des Afrika-Erlebens, in und außerhalb Afrikas, in einer Welt ständiger Bewegung, die in einem Wort zusammengefasst wird, das die Erfahrung der pluralen Identität und der Urbanisierung, die Sie angesprochen haben, bezeichnet: Afropolitain (Afropolitan, das Afropolitische). Dieser Ausstellungszyklus setzt eine Marke, er markiert eine Rückkehr nach Abidjan nach zehn Jahre gefühlter Abwesenheit. Haben Sie je nicht in der Côte d’Ivoire gelebt? Wie steht es eigentlich um Ihr Verhältnis zu dem, was man Territorien nennt? 

ALD:
Es stimmt, das die Reise oder genauer, die Entdeckung des Anderswo, für meine Arbeit grundsätzliche Bedeutung hat. Es handelt sich um eine Methode der Selbstfindung. Das bestätigt der vielreisende Ethnologe Jacques Menier, wenn er sagt, „ich begebe mich auf die Reise als Mensch, der wissen will, wo er herkommt“. Ich musste mich auf die Reise begeben, um die Konturen Afrikas klarer zu erkennen; anders gesagt, um mir wirklich bewusst zu werden, wo ich herkomme. Im ersten Moment ist so an Ideen, von denen ich überzeugt war, gerüttelt worden. Das ist in etwa so wie wenn in einer Psychoanalyse alles, was verborgen war in Form plötzlicher Erkenntnisse ins Bewusstsein tritt. Sie erleben ein Gefühl der Hass-Liebe, mit dem Sie kämpfen müssen, um bei günstigem Verlauf schließlich einen Zustand der Gelassenheit und Ruhe zu erfahren. So hat sich mein inniges Verhältnis zu meinem Heimatkontinent durch die Beobachtung des Anderen genährt. So wichtig es mir auch scheinen mag, aufzubrechen, so notwendig erweist sich die Heimkehr. Es ist die Erfahrung der Energie der Kultur, die mir die Notwendigkeit der Heimkehr zeigt. Meine Mutter sagte oft, das Huhn mag zwar in den Wald ausreißen, doch es kehrt ganz bestimmt immer wieder ins Dorf zurück! Hingegen hat es nie eine Zeit gegeben, in der ich nicht in Côte d’Ivoire gelebt habe, auch wenn sich mein Blick durch die Bereicherung vielfältiger Begegnungen dem Weitwinkel verschrieben hat. Die Frage, wie man Afrika inner- und außerhalb Afrikas erlebt, kann sich der kulturellen Dimension nicht verschließen. Mein Verhältnis zu der Frage des Territoriums wird genau deswegen von kulturellen Werten bestimmt, und ich unterwerfe mich niemals dem Hausarrest.