Tanz
„Wenn du schreien möchtest, dann tu es“

Jenny Mezile
Jenny Mezile | © Kinsie Serre

Für eine gelungene Vorstellung tanzt sie schon mal mit einem Huhn. Jenny Mezile ist künstlerische Leiterin der Tanzveranstaltung „DanseRaum“ und Leiterin und Initiatorin des Tanzfestivals „Afrik'Urban‘Arts“. Im Interview spricht sie über die Schwierigkeiten von Tänzern in der Côte d’Ivoire und erklärt, wie sie junge Talente fördern will.

Anne Douosson: Sie sind die künstlerische Leiterin von „DanseRaum“, einer monatlichen Veranstaltungsreihe zum zeitgenössischen Tanz in der Côte d’Ivoire in Partnerschaft mit dem Goethe-Institut. Wie ist diese Veranstaltungsreihe entstanden?
 
Jenny Mezile: Das ist eine schöne und interessante Geschichte. Ich spreche gerne darüber, da es einer meiner größten und erfolgreichsten Kämpfe war – erfolgreich in der Hinsicht, dass diese Arbeit neue Tanzkompagnien und neue Choreographen in der ivorischen Szene hervorgebracht hat.

Ich habe mir zusammen mit Massidi Adiatou dieses Projekt überlegt. Wir haben uns gedacht, dass so etwas in der Côte d’Ivoire wirklich fehlt, vor allem da nach dem Krieg fast alle großen Tanzkompagnien verschwunden waren. Die Situation war wirklich dramatisch und so sagte ich mir, hier kann ich etwas ausrichten. 2006 habe ich mich entschlossen Paris zu verlassen und mich hier in Abidjan niederzulassen.
 
AD: Was bedeutet das Wort „DanseRaum“?
 
JM: Der Palais de la Culture [Kulturpalast] in Abidjan war zum Teil geschlossen und der geöffnete Teil hat ca. 2.000 Sitzplätze. Aber beim zeitgenössischen Tanz hat man kein Publikum von 2.000 Personen, die kommen um sich eine Tanzvorführung anzusehen. Ich wollte also einen Namen, der unseren kleinen, informellen und verspielten Schauplätzen gerecht wird – ein bisschen wie das, was man im Jazz „unplugged“ nennen würde – mit einem kleinen Publikum, das der Sache nahe steht und das gerne Neues entdeckt.

Und da das Goethe-Institut uns schon eine Unterstützung für den Raum und die Poster zugesagt hat, habe ich den damaligen Institutsleiter, Friso Maecker, gefragt: „Wie nennt man einen kleinen Ort oder ein Zimmer?“ Und er sagte mir „Raum“. Ich wollte dieses Zusammenspiel zwischen dem deutschen und dem französischem Wort. Ein bisschen Anerkennung ist da auch dabei, denn ich hatte dieses Projekt schon seit langem im Kopf und fand keine Partner, die bereit waren uns bei diesem Schritt und diesem Risiko zu begleiten.
 

  • DanseRaum © Goethe-Institut Côte d‘Ivoire
    DanseRaum
  • DanseRaum © Goethe-Institut Côte d‘Ivoire
    DanseRaum
  • DanseRaum © Goethe-Institut Côte d‘Ivoire
    DanseRaum
  • DanseRaum © Goethe-Institut Côte d‘Ivoire
    DanseRaum
AD: Sie sind außerdem eine der Gründerinnen und Koordinatoren des zeitgenössischen Tanzfestivals „Afrik’Urban’Arts“. Was ist das Ziel dieser Plattform und wie sind „DanseRaum“ und „Afrik’Urban’Arts“ verbunden?
 
JM: Das Festival „Afrik’Urban’Arts“ gab es schon vor „DanseRaum“ und in der Gesamtbilanz des Tanzfestivals haben wir bemerkt, dass die Tanzkompanien das ganze Jahr auf das nächste Festival warten und dann erst wieder anfangen zu arbeiten und ein neues Stück zu schreiben. Sie haben einfach keine finanziellen Träger. Wenn sie ein neues Stück geschaffen haben, wo sollen sie es dann vorführen und wie verdienen sie etwas daran? Also habe ich Friso Maecker eine monatliche Tanzveranstaltung vorgeschlagen. Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf gehen direkt an die Künstler. Das ist vielleicht nicht besonders viel, denn es gibt nur ca. 200 Plätze, aber es ist immerhin etwas. Das Ziel war zunächst die künstlerische Produktion zu fördern. Vorführungen, die gut ankommen, können dann auch beim Festival „Afrik’Urban’Arts“, das ein größeres Publikum anzieht, ins Programm aufgenommen werden.
 
AD: Es gibt bei weitem mehr Männer als Frauen in der zeitgenössischen Tanzszene in Abidjan. Was sind Ihre besonderen Erfahrungen als Frau im zeitgenössischen Tanz?
 
JM: Man muss anmerken, dass es in der ivorische Tanzszene schon immer mehr Männer als Frauen gab. Meiner Meinung nach ist die Inbesitznahme der Frau oft das Problem. Ich habe zum Teil sehr gute Tänzerinnen mit einer erfolgversprechenden Zukunft kennen gelernt, deren Ehemänner nicht wollten, dass sie nach der Geburt eines Kindes weiter tanzen. Mir wurden ergreifende Geschichten zugetragen und es empört mich, dass wir immer noch nicht weiter gekommen sind. Frauen sind sehr gute, eventuell sogar bessere Tänzer als die Männer, besonders in der Konzeption und Reflexion des Tanzes, nicht unbedingt in der Darbietung und der körperlichen Leistung, aber ivorische Frauen tanzen mit einer großen Sensibilität.

Es gibt Beispiele von Tänzerinnen die sehr gut sind, aber die in Beziehungsgeschichten oder ihren religiösen Vorschriften, oder den Vorschriften ihrer Familie gefangen sind und die sich dadurch als Künstlerinnen nicht frei ausleben können. Wenn Familienmitglieder eine junge Tänzerin zum Proben gehen sehen, fragt man sie „was bringt Dir das? Komm doch mit zum Markt und hilf mir beim Verkauf.“ Ich arbeite dafür, dass sich solche Einstellungen ändern. Als Frau muss man die Traditionen immer etwas mehr hinnehmen, als als Mann.

Die Kreationen der Frauen leiden auch darunter dass sich Tänzerinnen nicht trauen, Risikos mit ihrem Körper einzugehen, mit ihren Vorzügen und ihrer Weiblichkeit zu spielen und dem Ganzen so Leichtigkeit zu verleihen. Es muss sich wirklich etwas ändern aber wir sind auf dem richtigen Weg.
 
AD: Wie kann man die weiblichen Tanztalente des zeitgenössischen Tanzes in der Côte d’Ivoire fördern?
 
JM: Ich denke, die beste Förderung ist erst einmal selber ein gutes Beispiel zu sein. Ich bin kein Vorbild, aber viele mögen die Art wie ich arbeite und die Art wie ich auf die Bühne trete mit dieser soziologischen und spielerischen Betrachtung. Viele mögen auch den Spott, mit dem ich Dinge präsentiere. Jedes Mal, wenn ich in einer Vorführung etwas Neues wage, sagen mir die Tänzerinnen: „Ach Jenny, das hat mich auf ganz viele neue Ideen gebracht!“

Ich ermutige sie dann immer und sage ihnen: „Macht es doch, wenn du dich nackt ausziehen möchtest, weil deine Arbeit es verlangt. Dann tu es, wenn du schreien möchtest. Dann tu es, wenn du dir ein Huhn oder eine Kuh auf den Kopf setzen möchtest. Dann tu es!“ Und ich versuche ihnen Videos und Links, zu denen ich Zugang habe, vorzuschlagen und ihnen die Namen von Choreographinnen zu geben, die zu Themen arbeiten, an die wir uns wegen unserer Traditionen nicht herantrauen.

Es ist also sehr wichtig den Geist zu öffnen und neues Material auszuprobieren, da die Choreographen hier nicht viel reisen und sich nicht von anderen Vorführungen nähren. „DanseRaum“ und das Festival „Afrik’Urban’Arts“ fördern diesen Austausch, dass internationale Choreographen in die Côte d’Ivoire kommen, und dass nationale Choreographen zu ihnen reisen können. Mit diesem Programm sind letztlich drei Tanzkompanien ins Ausland gereist, um ihre Arbeit zu präsentieren. Ich kämpfe weiterhin dafür.
 
AD: Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Tanzes in der Côte d'Ivoire?
 
JM: Ich habe viele Wünsche für die Zukunft des Tanzes in der Côte d'Ivoire. Vor allem, dass dieser Generation eine Chance gegeben wird, damit wir auch morgen noch die Spuren ihrer Geschichte vorfinden können.
 
Jenny Mezile, Choreografin, Bühnenbildnerin und Tänzerin, geboren in Haiti.
Jenny Mezile hat eine Ausbildung in traditionellem Tanz, Jazztanz und Theater. Sie hat von 1992 bis 2006 in Frankreich gelebt und gearbeitet.
Im Jahre 2000 gewann sie den Autorenpreis für das Stück „Nous“ (Wir) bei den Rencontres Chorégraphiques Internationales in Bagnolet, Frankreich. Im Jahre 2007 war Mezile Preisträgerin des Visa pour la création mit ihrem Solostück „1 For 300“.
Im August 2011 war sie in Deutschland und der Schweiz auf dem Tanzfestival Tanz Im August und im Günster Theater mit dem Stück „Rue Princesse“ auf Tournee. Ein Auszug aus Mezile’s Stück „Ma Vie En Rose“ über das Erdbeben in Haiti wurde 2011 im Musée des Arts Premiers (Quai Branly, Paris) anlässlich der Langen Nacht der Museen präsentiert.
Sie übernimmt außerdem die künstlerische Leitung von „DanseRaum“, eine monatliche Veranstaltungsreihe im Bereich des zeitgenössischen Tanzes im Goethe-Institut Côte d’Ivoire und ist Leiterin und Initiatorin des Tanzfestivals „Afrik’UrbanArts“.