Tanzfestival
„Mit der Kunst kann man die Welt verändern“

Festival « Un pas vers l’avant » 2014
Festival « Un pas vers l’avant » 2014 | © Ange Aoussou-Dettmann

Im September 2014 hat das internationale Tanzfestival „Un pas vers l’avant“ zum dritten Mal in der Côte d’Ivoire stattgefunden. Das von der Tänzerin und Choregraphin Ange Aoussou-Dettmann organisierte Festival hat Künstler aus Europa, Afrika und den Amerika zusammen gebracht. Im Interview spricht Ange Aoussou-Dettmann von „Un pas vers l’avant“ und erklärt, wie man die Welt mit der Kunst verändern kann.

Tanja Schreiner: Sie sind Ivorerin, leben und arbeiten aber in Deutschland. Welche Rolle hat Deutschland für Ihre Karriere gespielt?
 

Ange Aoussou-Dettmann: Ich habe sehr viel in Deutschland gelernt. Ich habe vor allem gelernt die Zeit und meinen Beruf zu respektieren. Das, was ich in Deutschland gelernt habe hilft mir viel dabei hierher zurück zu kommen und meinen jungen Kollegen zu helfen.
 
TS: Welche Rolle spielt der zeitgenössische Tanz in Deutschland im Vergleich zur Côte d’Ivoire?
 

AAD: Was den zeitgenössischen Tanz betrifft, hat Deutschland einen großen Vorsprung. Das kommt daher, weil sie die Arbeit ihres Nächsten respektieren und sich alle Werke von anderen ansehen. Selbst wenn man dem schlechtesten Tänzer der Welt zusieht, kann man etwas lernen. Meine Chefin in Deutschland hat mich immer dazu motiviert, mir Tanzaufführungen anzusehen. Heute verpasse ich keine davon mehr. Die Tänzer in Deutschland sind wissbegierig und das müssen wir auch versuchen zu sein. Wenn in Deutschland eine Fortbildung organisiert wird, warten sie nicht, dass man sie anruft. Sie kommen einfach! Hier ist das nicht so und deshalb sind wir noch weiter hinten.
 
TS: Sie haben eine Tanzausbildung an der „Ecole des Sables“, dem internationalen Tanzzentrum für traditionellen und zeitgenössischen afrikanischen Tanz im Senegal gemacht. Wie hat diese Zeit Ihre künstlerische Laufbahn beeinflusst?
 

AAD: Germaine Acogny, die Gründerung der „Ecole des Sables“, hat mein Leben verändert. Dass ich die Ausbildung dort durchlaufen habe, hat mich darin bestärkt, dass ich Tänzerin bin. Vorher war ich irgendwie künstlich, ich habe mich nicht wirklich als Tänzerin gefühlt. Aber sie hat mir geholfen Vertrauen zu haben. Sie hat mir die Hoffnung gegeben, dass der Tanz eine Kunst ist und dass er ein Beruf ist, von dem man leben kann. Man muss sich nur organisieren können.
 
TS: Wie ist die Idee zu „Un pas vers l'avant“ entstanden?
 

AAD: Germaine Acogny hat uns immer gesagt: „Meine Kinder, wenn ihr zu euch nach Hause zurückgeht, müsst ihr eigene Projekte gründen, um euren jungen Nachfolgern zu helfen. Ihr müsst ihnen weitergeben, was ich euch gebe“. Ich konnte diese Nachricht, die ich von Germaine Acogny erhalten hatte, nicht einfach für mich behalten. Ich wollte sie mit allen Tänzern in meinem Heimatland teilen.

Festival « Un pas vers l’avant » 2014 Festival « Un pas vers l’avant » 2014 | © Ange Aoussou-Dettmann TS: Was ist das Besondere an Ihrem Tanzfestival?
 

AAD: Es ist ein Festival, das seinen Schwerpunkt auf die Schulung legt. Für mich ist das hier besonders wichtig. Bevor ich professionelle Tänzerin geworden bin, habe ich in Mali, Burkina-Faso und dem Senegal mit internationalen Tanzlehrern gearbeitet. Das hat mich als Künstlerin sehr weiter gebracht und das müssen wir versuchen in Afrika einzuführen, um den Tänzern wirklich helfen zu können. Denn meiner Meinung nach kann man mit der Kunst die Welt verändern.
 
TS: Wie kam es zu dem Namen „Un pas vers l’avant“?
 

AAD: Ich habe das Festival so genannt, weil ich damit ausdrücken wollte, dass man immer einen Schritt nach vorne tun muss. Dass ich zu Germaine Acogny gekommen bin, das war mein Schritt nach vorne. Ich habe gehört, dass man das Abitur haben muss, um an der INSAAC aufgenommen zu werden. Hier gibt es Talente, die nicht unbedingt ein Abitur haben. Man muss allen eine Chance geben und das versuche ich mit „Un pas vers l’avant“ zu tun. Es ist eine Pflicht, man muss solche Initiativen ergreifen. Wir müssen die Generation nach uns ermutigen. Das macht mir Freude jungen Menschen zu helfen und solche Schulungen anzubieten.
 
TS: Die dritte Edition des Festivals hat dieses Jahr in Abidjan und in Jacqueville stattgefunden. Warum fiel die Wahl auf genau diese beiden Städte?
 

AAD: Abidjan, wie man bei uns sagt: „Das ist die Freude, das ist alles. Das ist die bekannteste Stadt der Welt“. Und Jacqueville ist Teil der Schulung. Im Rahmen meiner Ausbildung haben wir viel mit Gefühlen gearbeitet. Um Tänzer zu sein, muss man auch wissen, wie man etwas fühlt. In uns gibt es eine Seite, die wir oft vernachlässigen: die Sanftmut. Diese Sanftmut habe ich in Jacqueville bei den traditionellen Tänzerinnen gesehen. Als ich dort zum aller ersten Mal war, haben sie für uns mit einer überwältigenden Emotion und Sanftmut gesungen und getanzt. Deshalb habe ich mich dieses Jahr für Jacqueville entschieden. Es ging darum sich zu konzentrieren, den Eindrücken des Meeres, des Sands und der Natur zu lauschen. Das fand ich wirklich toll.
 
TS: Während des Festivals haben Sie Tänzer aus zehn verschiedenen Ländern zusammengebracht. Was denken Sie haben die Tänzer aus diesem Austausch gelernt?
 

AAD: Was mir hier in der Côte d’Ivoire aufgefallen ist, ist dass die Tänzer sich nicht die Arbeit von anderen ansehen. Nach dem Festival hat mir einer der Teilnehmer gesagt: „Es ist gut zu tanzen, aber es ist genauso gut, den anderen beim Tanzen zuzusehen“. Das hat mich wirklich bewegt, denn das war genau das, was ich wollte, dass sie spüren. Man lernt nicht nur beim Tanzen. Man lernt auch, wenn man zusieht, wenn man darüber spricht und wenn man zugehört. Das gibt einem verschiedene Betrachtungsweisen und eine Offenheit, um etwas zu kreieren. Ich denke, dass die Tatsache, diese Tänzer von überall zusammen zu bringen ihnen geholfen hat sehr viele Dinge zu verstehen.
 
TS: Welcher Moment war für Sie während des Festivals am beeindruckendsten?
 

AAD: Das war in Jacqueville. Die französische Choreographin Loriane Wagner hatte die Teilnehmer gebeten, eigene Stücke an verschiedenen Orten zu entwerfen. Es war der Moment, als wir die Arbeit jedes einzelnen angesehen haben, der mich sehr berührt hat. Das war wie eine gemeinsame Kraft. Es liefen Kinder herum und Frauen haben in der Küche gekocht. Wir haben sie einfach in unsere Improvisation mit eingebunden. In diesem Moment hatte ich eine Gänsehaut und habe sogar Tränen vergossen. Das war für mich der stärkste Moment während des ganzen Festivals.
 
TS: Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Tanzes in der Côte d'Ivoire?
 

AAD: Es wird heute oft gesagt, dass die Tänzer in der Côte d'Ivoire nicht vereint sind, dass sie zerstreut sind. Aber das wirkliche Problem ist, dass unsere Ministerien die Tänzer auf sich allein gestellt lassen. Man hat uns nach unten gedrängt, aber wir müssen versuchen wieder nach oben zu kommen. Denn der Tanz ist ein richtiger Beruf und es gibt sehr viel Talent in der Côte d’Ivoire. Damit der Tanz wirklich seinen Weg gehen kann, müssen wir die Tänzer dafür sensibilisieren, sich in einer Tanzvereinigung oder einer Tanzbewegung zusammenzuschließen, um unseren Beruf, das Tanzen, zu verteidigen.
 

Ange Aoussou-Dettmann, Choregraphin und Tänzerin, geboren in Divo (Côte d‘Ivoire)

Ange Aoussou-Dettmann © Peter Kubala Ange Aoussou-Dettmann hat eine Ausbildung in traditionellem afrikanischem Tanz, Jazztanz, zeitgenössischem Tanz und Modern Dance in verschiedenen Tanzschulen und Zentren für Choreographie durchlaufen.
Ihre professionelle Laufbahn hat sie in verschiedene Länder und zu renommierten Choreographen und Regisseuren geführt. 2013 hat sie ihr Diplom in Choreographie und Tanzpädagogik an der „Ecole des Sables“ im Senegal erhalten. Seitdem hat sie eine Pädagogik entwickelt, die es ihr erlaubt zu unterrichten und ihre Kunst zu teilen.
Ange Aoussou-Dettmann lebt und arbeitet seit mehreren Jahren in Deutschland und engagiert sich intensiv für die Ausbildung junger Tänzer in der Côte d’Ivoire. Sie ist Leiterin des Festivals „Un pas vers l’avant“.