Oralität
Zouglou und Oralität

Magic System
Magic System | © Magic System

Zouglou ist ein relativ neuer Musikstil in der Côte d’Ivoire. Als urbane Musik wird Zouglou nicht mit einer bestimmten Region oder ethnischen Gruppe in Verbindung gebracht, sondern ist eine ethnienübergreifende, nationale Musikform. Trotz der vielfältigen Einflüsse bleibt Zouglou fest in oralen Traditionen verhaftet.

Das von Worten dominierte Genre mit scharfsinnigen, satirischen und sozialkritischen Texten wird von führenden ivorischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als moderne, urbane, mündliche Lyrikform verstanden. Zu ihnen gehören der inzwischen verstorbene und frühere Kultusminister Prof. Zadi Zaourou, der Zouglou-Liedgut als „verbale/orale Kunst“ (une art de la parole) verortete, sowie Prof. Marie-Clémence Adom, die ihre Habilitationsschrift diesem Sujet widmete.

Zouglou nahm seinen Anfang als Perkussionsmusik, bei der Gesang von Tamtams (Djemben), Glasflaschen und Rasseln begleitet wurde. In Studioaufnahmen kommen jedoch hauptsächlich Keyboards und Synthesizer zum Einsatz. Der Begriff Zouglou wurde zwischen 1990 und 1991 in den Studentenwohnheimen der Universität Abidjan im Stadtteil Yopougon geprägt. Er entstand zu einer Zeit sozialer Unruhen, die das Land Anfang der 1990er-Jahre erschütterten und bei denen Studierende und Lehrkräfte an der Spitze einer Bewegung für politischen Pluralismus standen. Als die Auswirkungen der Wirtschaftskrise in der Côte d’Ivoire untragbar wurden, protestierten die Studierenden mit Zouglou-Gesang und dem zugehörigen Tanz gegen ihre sich verschlechternden Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Das zeigt sich am deutlichsten im Tanz. Bei der ursprünglichen Zouglou-Choreografie strecken die Tänzerinnen und Tänzer den Arm gen Himmel als symbolische Bitte an Gott, den Studierenden in ihrer Not beizustehen. Dann richten sie den Arm nach unten als Zeichen ihrer Perspektivlosigkeit, weil sie nach Jahren des Studiums keine Arbeit finden. Mit dieser Symbolik ist Zouglou unverkennbar und bekannt geworden. Seitdem ist sie die für das Land repräsentativste und international erfolgreichste Musikrichtung der Côte d'Ivoire.

Zouglou war anfangs als Tanz gedacht. Im Lied „Gboglo Koffi“ (1991) von Didier Bilé und den Parents du Campus Ambiance, einem der ersten aufgezeichneten und populärsten Zouglou-Stücke, wird er als „danse philosophique“, also philosophischer Tanz bezeichnet. Doch heute gilt Zouglou aufgrund der narrativen Form der meisten Liedtexte vorrangig als Musik zum Hören. Obwohl das Publikum natürlich zu den Liedern tanzen kann und dies auch tut, verdankt Zouglou seine Beliebtheit nicht mehr primär dem Tanz, und der ursprünglichen Choreografie sind keine neuen Tänze gefolgt. Demgegenüber macht in Coupé Décalé und DJ-Musik der Tanz einen, wenn nicht den zentralen Reiz der Musik aus, und in Videos zu aktuellen Songs werden neue Tänze präsentiert, die häufig den gleichen Titel wie das Lied tragen.

Als Zouglou sich im Land verbreitete, griffen Jugendliche aus den armen Gegenden von Abidjan den neuen Musikstil auf; viele Sängerinnen und Sänger aus diesen Vierteln brachten damit ihre Sorgen und Ängste angesichts einer unsicheren Zukunft und der wachsenden Armut der ivorischen Bevölkerung zum Ausdruck. Heute sind Zouglou-Gruppen kleine, vorwiegend männlich besetzte Formationen aus Leadsänger und ein bis drei Backgroundsängern. Als junge, urbane Musikform ist Zouglou von Nouchi (dem französischen, auf den Straßen Abidjans gesprochenen Slang) und unverblümten Texten anstelle subtiler, verschlüsselter Botschaften gekennzeichnet. Zouglou gilt zudem als Lebenshilfe und thematisiert soziale Probleme, häufig in Form kurzer Moralgeschichten.

Durch Texte wie die Anfangszeilen des Songs „Regarde“ von Les Salopardes – „Ivoiriennes, Ivoiriens, écoutez ce message, car c’est très important“ (Ivorerinnen, Ivorer, hört diese Botschaft, denn sie ist sehr wichtig) – definieren die Künstlerinnen und Künstler selbst Zouglou als Musik zum Hören.

Zouglou-Songs haben eine unverkennbare Struktur und folgen bestimmten ästhetischen Prinzipien: „Heute gleichen Zouglou-Stücke wissenschaftlichen Abhandlungen: Es gibt eine Einleitung, eine Ausarbeitung und eine Schlussfolgerung. “ (Jean Hilaire Bléhidet, „Vieux Gazeur“. Interview, Abidjan, 16.01.2008). Im Folgenden soll kurz auf die von dem Zouglou-Musiker Vieux Gazeur beschriebenen Bestandteile eingegangen werden.

Den Anfang eines Stückes bilden bisweilen ein Sprichwort oder eine Aussage, die das Thema einführen. Sie nehmen die Aufmerksamkeit des Publikums unmittelbar gefangen und stellen das Liedsujet vor. In „François“ von Petit Sacko ist die Einleitung allgemeinerer, philosophischer Natur (Zitat), in „Guéré“ von Yodé & Siro hingegen folgt die Einleitung erzählerischen Konventionen: „Wisst ihr, wie Guéré nach Abidjan kam?“

Der Hauptteil, gewöhnlich in narrativer Form, wird häufig durch den Refrain unterbrochen. Manchmal wird die Geschichte in der dritten Person vorgetragen und kann von fiktiven oder realen, namentlich erwähnten Personen handeln. Andere Lieder werden in der ersten Person erzählt, oft vom Standpunkt der Sängerin oder des Sängers aus, die das dadurch deutlich machen, dass sie sich selbst namentlich nennen. Ein Beispiel hierfür ist das von Leadsänger Asalfo von Magic System gesungene Stück „Premier Gaou“. Zuweilen nimmt das Lied dann selbstironische Züge an, wenn die Sängerinnen und Sänger von ihren Missgeschicken berichten und dem Stück damit eine humorvolle Note verleihen.

Der letzte Teil eines Zouglou-Songs besteht zumeist aus imaginären Wörtern und Klängen, die den Abschluss der Geschichte bilden. In diesen Schlusstakten eines Liedes werden die Wurzeln von Zouglou in früheren Musikformen wie Ambiance Facile am deutlichsten offenbar.

Videos sind unverzichtbarer Bestandteil der vom Fernsehen verbreiteten Zouglou-Musik und haben besonders in den letzten Jahren in Abidjan das Radio als primäre Quelle der Rezeption neuer Musik abgelöst. Indem die Geschichten der Lieder nacherzählt werden, anstatt sich wie etwa bei Coupé Décalé auf neue Tänze oder den Kleidungs- und Lebensstil der Künstlerinnen und Künstler zu konzentrieren, betonen Zouglou-Videos die narrative Natur der Musikform.

Die Zouglou-Musikerinnen und -Musiker haben mit ihren Liedern einen öffentlichen Diskurs im Land angestoßen, obwohl viele von ihnen ohne Schulabschluss sind. In einer der ersten Zouglou-Aufnahmen wurde der zugehörige Tanz als „danse philosophique“, als philosophischer Tanz beschrieben. Und aufgrund der reflektierten Liedtexte bleibt Zouglou – ungeachtet seiner Beliebtheit und vermittelnden Natur – dieser Beschreibung treu.