Zwischen Deutschland und der Côte d'Ivoire
"Die Elektromusik kann jungen Leuten Türen öffnen"

Mr Raoul K
© Jean-Jules Porquet

Er ist DJ, er kommt aus Agboville und er ist sehr gefragt in…nein, nicht in der Côte d’Ivoire, aber in Deutschland! Wir haben Mr Raoul K anlässlich einer Veranstaltungsreihe zu Elektromusik, die er im April in der Côte d’Ivoire, in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und der Musikplattform Electropique, durchgeführt hat, getroffen.
 

Goethe-Institut : Im Jahr 1992 sind Sie als politischer Flüchtling nach Deutschland gekommen. Heute bringt Sie ein besonderes Projekt zurück in die Côte d’Ivoire.
Raoul K :
Für die Elektromusik zurück in mein Land zu kommen, ist etwas wirklich Enormes für mich. Etwas, das ich niemals geglaubt hätte.
 

GI : Diesen Monat haben Sie im Goethe-Institut eine Gesprächsrunde über Elektromusik geleitet und auf dem Elektroabend „Electropique #5“ und einem Elektropicknick in Abatta aufgelegt.
RK :
Ich bin aus Europa gekommen, um den jungen Leuten in meiner Heimat zu helfen. Ich weiß, dass es hier Schwierigkeiten gibt, aber diese Art von Musik kann den talentierten jungen Leuten von hier wirklich Türen öffnen. Wenn sie das ernst nehmen, können wir tolle Sachen zusammen machen. Und ich bin auch gekommen, um hier eine wirkliche Elektroszene aufzubauen.
 

GI : Wie steht es um die Elektromusik in der Côte d'Ivoire?
RK :
Hier gibt es noch keine Elektroszene. Es gibt Leute, die hier Elektropartys organisieren, aber das ist trotzdem anders, es ist nicht „underground“. Also haben Paola Bagana, die eine der Initiatoren der Musikplattform „electropique“ in Abidjan ist, und die ich aus Berlin kenne, entschieden, hier eine Szene aufzubauen. Ich habe seit langem davon geträumt, die Elektromusik in meine Heimat zu bringen. In anderen Ländern, wie in Südafrika, hat das schon seit langem angefangen. In Angola gibt es Künstler, die ernsthaft Elektromusik machen, und schon ein Undergroundmilieu. Jetzt fängt es auch in Äthiopien und im Senegal an. Und ich habe mich gefragt: „Warum nicht bei mir?“
 

GI : Sie sind gelernter Tischler. Wie kommt es, dass Sie heute als DJ arbeiten?
RK :
Ich habe als Tischler gearbeitet und anfangs beides gemacht. Unter der Woche habe ich gearbeitet und dann an den Wochenenden in meiner Stadt, Hamburg, und der Umgebung aufgelegt. Ich habe sofort gemerkt, dass das nicht möglich ist, abends nach der Arbeit und an den Wochenenden Musik zu machen. Ich musste eine Wahl treffen. Gebe ich die Tischlerei auf und mache Musik? Oder schlage ich mir die Musik aus dem Kopf? Also habe ich meine Wahl getroffen und die Musik gewählt. Glücklicherweise läuft es heute, ich kann mich nicht beklagen.
 

GI : Sie leben in der Hansestadt Lübeck im Norden Deutschlands. Weshalb nicht in einer Künstlermetropole wie beispielsweise Berlin?
RK :
Früher habe ich in Hamburg gelebt und ich habe in einem Fußballclub in Lübeck gespielt. Deshalb bin ich zwischen den beiden Städten gependelt. Und ich habe die Mutter meines einzigen Sohnes kennengelernt, die in Lübeck wohnte. Also bin ich von Hamburg nach Lübeck gezogen. Es war übrigens die, die mich zur Elektromusik gebracht hat.
 

GI : Sie haben lange in Deutschland gelebt, und leben auch noch heute dort. Welchen Einfluss hatte Deutschland auf Ihre Arbeit als DJ?
RK :
Einen sehr starken. 1998 bin ich auf die Loveparade in Berlin gegangen. Dort kam ich das erste Mal mit Elektromusik in Berührung. Danach habe ich angefangen, Elektromusik – die in Deutschland wirklich entwickelt ist – zu hören und so ging es dann los.
 

GI : Das Markenzeichen Ihrer Musik ist Ihre Mischung aus traditionellen afrikanischen Instrumenten mit zeitgenössischen Elektrorhythmen.
RK :
Ich habe nicht gelernt, ein Instrument zu spielen. Als ich angefangen habe, Musik zu produzieren, war das elektronisch, ich habe einen Computer benutzt. Ich habe Elektromusik wie alle anderen gemacht und die Leute haben sie gehört und gut gefunden. Persönlich habe ich mir gesagt, dass meine Musik überhaupt keine Identität hat, das könnte jeder sein. Ich wollte meiner Musik eine Unterschrift geben. Also bin ich nach Afrika gekommen, um authentische Dinge, die ich in das, was ich als Elektromusik verstehe, zu integrieren. Dort habe ich angefangen die „Saba“, eine senegalesisches Schlaginstrument, und den N’goni [ein malisches Streichinstrument, ähnlich der Laute], die Kora und den Torquilven?? Zu verwenden. Das sind die ersten afrikanischen Instrumente, die ich in meiner Elektromusik verwendet habe.
 

GI : In welcher Sprache sind die Texte Ihrer Lieder?
RK :
Da bin ich wirklich afrikanisch. Das Meiste ist in Mandingue. Aber ich habe auch etwas in Bété gemacht, mit einem Ivorer der Atitou Paka heißt, und was sehr gut ankam. Für mich ist die Musik einfach Musik. Ich suche nicht bewusst eine Sprache aus. Wenn ich etwas fühle, dann machen wir es.
 

GI : Also arbeiten Sie auch mit lokalen Musikern zusammen?
RK :
Anfangs war es schwierig, Afrikanern, die afrikanische Rhythmen spielen, zu erklären, so zu spielen, dass es gut in einem Elektromilieu ankommt. Also habe ich sie einfach spielen lassen und ich habe daraus nur einzelne Noten herausgenommen, die ich dann selbst in meinem Studio ersetzt habe. Mit der Zeit habe ich Schlaginstrumente, eine Kora und ein Balafon gekauft. Ich bin nicht wirklich Balafonspieler, aber ich kann ein paar Töne spielen und ich weiß, wie es für das westliche Ohr klingt. Weil das anders ist. Wir Afrikaner konsumieren Musik anders als der Westen. Ich bin genau in der Mitte, ich weiß, wie man afrikanische Töne setzen muss, damit sie bei ihren Ohren gut ankommen. Wenn ich ein Solo brauche, dann lasse ich einen richtigen Musiker spielen, aber die Begleitungen mache ich selbst.


GI : Was möchten Sie mit Ihrer Musik ausdrücken?
RK :
Alle meine Titel sind bewusst gewählt. Es gibt immer eine Message dahinter. Mit meinem Album „Still living in slavery“ möchte  ich beispielsweise sagen, dass wir unsere Entscheidungen heutzutage nicht frei treffen können. Wir sind gezwungen, mit etwas umzugehen. Heute kann ich nicht sagen und machen, was ich will. Ich spreche nicht direkt von der Sklaverei, die wir als Afrikaner erlebt haben, ich spreche von der Versklavung unserer Gedanken. Wir sind immer Sklaven unserer Gedanken. Ich kann nicht sagen und machen, was ich will.
 

GI : Eines Ihrer Lied trägt beispielsweise den Titel « break your chains and go back to Botswana ».
RK :
Wenn ich Musik produziere, bin ich in einer Art Trance und ich produziere von meinem Gefühl abhängig. Da habe ich mich beispielsweise für die Afrikaner, die ihre Wurzeln vergessen, die ihre afrikanischen Brüder –mehr sogar als andere Völker – unterdrücken, interessiert. Wenn ich sage « break your chains and go back to Botswana », möchte ich den Leuten sagen, dass sie ihre Wurzeln nicht vergessen sollen. Ich bin der Einzige, der das weiß, weil es in dem Lied keinen Text gibt. Wenn ich den Ton mache, breche ich die Ketten mit meinen Tönen auf. Das sind Messages, die ich ganz alleine fühle.
 

GI : Kann man von dem Beruf des DJs leben?
RK :
Ja, aber es ist schwierig. Nicht jeder schafft das. Aber wenn du es schaffst, kannst du wirklich davon leben. Es ist möglich, es gibt sogar Leute, die große Stars in diesem Bereich sind.  
 

GI : Was wird Ihr nächstes Projekt?
RK :
Es gibt zwei Projekte, die mir wirklich am Herzen liegen. Bis jetzt spiele ich als DJ, aber ich arbeite daran, Liveauftritte zu machen. Ich habe auch an Alben gearbeitet, aber Liveauftritte liegen mir gerade am meisten am Herzen. Die nächsten aufregenden Daten für mich sind in Südafrika und im Senegal. Ich war schon überall, ich habe auf der ganzen Welt gespielt, in Japan, in Amerika. Aber in Afrika ist das etwas Anderes. Das ist ein anderes Publikum, das ist aufregender. Hier ist die Elektromusik ein neues Ding. Du zeigst den Leuten etwas, das sie nicht kennen. Das ist eine Herausforderung, die ich suche.


 

Mr Raoul K

Mr Raoul K zählt heute zu den beliebtesten Musikern der Hamburger und Berliner Musikszene und ist auch in Paris bekannt. Er ist einer der ersten DJs, der traditionelle afrikanische Instrumente mit Rythmen der zeitgenössischen Elektromusik mischt. Seine Musik zählt zum Afro-Deep House mit Einflüssen aus Westafrika. Seit 2007 besitzt Mr Raoul K sein eigenes Label namens Baobab. Von ihm sind bisher drei Alben und rund 20 EPs erschienen.