Die Underground-Literatur in Côte d’Ivoire Sich freischreiben

Les Mo 2016
Foto (Ausschnitt) © Charles Lévy

In der Côte d’Ivoire lösen sich viele Autoren ganz von kommerziellen Zwängen und schließen sich einer unabhängigen, freien Bewegung an – der Underground-Literatur.

Manche tun dies, um die zahlreichen Schwierigkeiten zu umgehen, mit denen Schriftsteller konfrontiert sind, bevor ein Manuskript schließlich von einem Verlag herausgegeben wird, andere aus Überzeugung, weil sie ihre Kunst auf autonome Weise veröffentlichen wollen. Das führte in den letzten dreißig Jahren zum Aufblühen einer ivorischen Literatur, die sich von den klassischen Vertriebswegen befreit hat und kein Blatt vor den Mund nimmt.
 
Die Autoren, die den Ausbruch wagen, indem sie ihrer Kunst treu bleiben, statt sich anzupassen, sind wie Samenkörner, die in der Erde keimen, bevor sie ans Licht dringen. Der Weg mag beschwerlicher sein, aber die Mühe lohnt sich, wenn ein Autor sein Talent dafür ganz ohne moralischen oder materiellen Druck entfalten kann.
 
Die großen ivorischen Verlagshäuser, die sich früher den Markt teilten, werden heute von kleinen lokalen Verlegern abgelöst. Sie sind viel weniger ängstlich als ihre Vorgänger, die im Allgemeinen Verträge auf Kosten der Autoren anboten. Die jungen Unternehmer wie Yahn Aka, Verleger bei Éditions Maïeutique, sind bereit, Risiken einzugehen, und bieten klassische Verlagsverträge oder Modelle mit geteilten Kosten an. Die ivorische Literatur ist durch Selbstverlage und die Möglichkeit der Online-Veröffentlichung vielfältiger geworden und erhält frischen Wind durch die Stimmen immer zahlreicherer talentierter Autoren.
 
Die Underground-Literatur verlässt die ausgetretenen Pfade und wird über informelle Kanäle verbreitet. Weil sie so spontan und unkonventionell ist, nimmt sie einen zunehmend wichtigen Platz ein. Sie ist zwar fern vom Rampenlicht entstanden, erhält aber dank der neuen Kommunikationsmittel immer mehr Aufmerksamkeit. Man könnte sich sogar fragen, ob nicht gerade der Mangel an funktionierenden herkömmlichen Vertriebswegen, die den Autoren eine Plattform bieten, zur Entwicklung der Underground-Literatur geführt hat.

Diese Frage ist nicht von der Hand zu weisen. Zweifellos hat fehlende Unterstützung die lokalen Autoren dazu gezwungen, weniger konventionelle Mittel zu suchen, um ihre Werke zu produzieren und zu verbreiten. Aber man darf auch nicht vergessen, dass sich viele Autoren aus ethischen und ästhetischen Gründen für die Underground-Szene entscheiden.
 
Der Wunsch eines engagierten Autors, seine Kunst zu veröffentlichen, ist oft unabhängig von finanziellen Aspekten. Wenn er sich ohne Angst vor Kritik auf sein künstlerisches Schaffen konzentrieren kann, entstehen ganz neue, einzigartige Werke.

Der N’zassa-Roman (Dieses Wort aus der Sprache Agni bedeutet Zusammenstellung oder Patchwork) ist das schönste Beispiel für literarische Kreativität in der Elfenbeinküste. Bei diesem neuen Genre, das auch der Autor Jean-Marie Adiaffi vertritt, mischt der Schriftsteller, seiner Inspiration folgend, verschiedene literarische Gattungen wie Poesie und mündliche Literatur. Diese individuelle, originelle Art zu schreiben, die der Sensibilität und Identität des jeweiligen Autors entspricht, hat sich am Rande klassischerer Romane entwickelt. Der N’zassa-Roman ist ein literarisches Mosaik, das laut Jean-Marie Adiaffi auf ein Genre ohne Genre hinausläuft. Charles Nokan, ein weiterer für seine Zeit mutiger Autor, verbindet in seinem Roman Le soleil noir sogar Theater, Poesie und Essay. 

Diese Schriftsteller sind Vorreiter, die den Weg geebnet und einer neuen Autorengeneration ermöglicht haben, ihrer Feder freien Lauf zu lassen – ohne Regeln, ohne Beschränkungen auf einen festgelegten Stil. Stattdessen können sie aus allen Gattungen schöpfen, um ihre Werke lebendiger zu gestalten. Auch Ahmadou Kourouma hat einen neuen Stil geschaffen, indem er sich das Französische zu eigen gemacht und es mit Wörtern und Strukturen des Malinké durchsetzt hat. Er nutzt die Literatur als künstlerisches Ventil. Einige jüngere ivorische Autoren setzen sich ebenso über auferlegte Normen hinweg und lassen sich von der Freiheit inspirieren, mit den Genres zu spielen.

Engagierten Autoren geht es jedoch nicht nur um die Schönheit und Vielfalt dieser originellen Stile, sondern sie richten den Blick auch auf ihr Umfeld und üben Gesellschaftskritik.
 
Obwohl die Underground-Literatur außerhalb der klassischen Vertriebswege beworben wird, handelt es sich nicht mehr um eine Randerscheinung der aktuellen Literatur, sondern sie begeistert eine große Leserschaft. Die Underground-Literatur wird hauptsächlich durch Schreibwerkstätten, aber auch über soziale Netzwerke verbreitet. Literaturfestivals wie Livresque, Les Mots d’Ombre oder auch Abidjan lit erleben einen Aufschwung. Solche Veranstaltungen bieten Schriftstellern eine Bühne, um ihre Werke zu präsentieren und mit ihren Fans oder anderen begeisterten Lesern, die neue Talente entdecken wollen, zu diskutieren. So sind Gruppen entstanden, die sich bei Literaturevents in der Hauptstadt treffen. Die Initiatoren dieser kostenlosen Veranstaltungen wollen eine Literatur, die noch wenig Anerkennung findet, bekannt machen und sich darüber austauschen. So kommt es dazu, dass gerade die Literatur, die ein vermeintliches Schattendasein führt, paradoxerweise immer mehr anerkannt wird. Man muss sich nur einmal ansehen, mit welcher Spannung die Kurzgeschichten des Autors Yehni Djidji auf der Website 225nouvelles erwartet werden. Diese Internet-Plattform bietet sowohl angehenden als auch etablierten Schriftstellern die Möglichkeit, ihre Werke online zu veröffentlichen und eine breite Leserschaft zu erreichen.
 
Was Belletristik-Liebhaber sich wünschen, ist eine spontane und engagierte Literatur, die auf ungewöhnliche Weise aktuelle Themen anspricht und die gegenwärtigen Umbrüche in der ivorischen Gesellschaft abbildet. Die Underground-Literatur umfasst verschiedene Genres und erfüllt genau diese Bedürfnisse. Sie wird nicht nur schriftlich, sondern auch verbal kommuniziert, und erinnert so an die Anfänge der ivorischen Literatur, die mündlich war und in den 1960er Jahren durch das Theater bekannt wurde (Bernard Dadié, Coffi Gadeau und François-Joseph Amon D’Aby zählen zu den größten Namen der ivorischen Literatur: Sie gelten als die Gründerväter des einheimischen Volkstheaters). Bei Poetry-Slams in den Städten können Autoren ihre Werke auf der Bühne vortragen. Viele Künstler sind in Kollektiven organisiert, die dazu beitragen, die Literatur in gewisser Weise zugänglicher zu machen.
 
Die Underground-Literatur der Elfenbeinküste wird durch Autorinnen und Autoren geprägt, die sich für literarische Freiheit und eine umfangreiche Verbreitung der Kultur einsetzen, ohne von kapitalistischen Superstrukturen noch irgendetwas zu erwarten. Doch die wachsende Sichtbarkeit der Autoren im Internet hat zur Folge, dass das, was bisher als unabhängige literarische Underground-Szene galt, immer schwerer vom Mainstream zu trennen ist – die Ausnahme wird zur Regel.