Lisa Gröger
Das „deutsche Paar“

Lisa Gröger
Foto: Goethe-Institut/ Espérance Kouamé

​Wir wurden zu zweit ausgeliehen. Als wir morgens im Lycée municipal de Marcory ankamen, wurde das „deutsche Paar“ schon erwartet. Dass Sylvain allerdings aus Frankreich kommt und nur sehr mäßig deutsch spricht, auch wenn meine Nachhilfestunden immer mehr fruchten, war nur zweitrangig, er war ja meine Begleitung. 

Es war angenehm, so herzlich empfangen zu werden und die Aufmerksamkeit der Schüler, die nur sehr selten weiße Haut so nah zu Gesicht bekommen, zu zweit teilen zu können. Nach einer kurzen Begrüßung bei der Direktion und Administration der Schule, wurden wir durch alle Klassen geführt, in denen Deutsch unterrichtet wird. Die SchülerInnen waren überrascht, das erste Mal einer deutschen Muttersprachlerin zuzuhören, Gekicher war zu hören. Auch als der Klassenbeste sich mit mir fotografieren lassen durfte, erregte dies große Aufregung. Schon komisch, so etwas Besonderes zu sein und die volle Aufmerksamkeit von so vielen SchülerInnen pro Klasse zu bekommen. Obwohl ich von Abidjans Märkten schon so manchen Andrang gewohnt war.
 
Ich war gespannt auf "meine" Klasse. Ich wurde bereits im Vorfeld informiert, dass es sich um fast 60 Schüler im Alter von 14 bis 20 Jahren handele. Würden mir alle zuhören und würden sie mich verstehen? War das, was ich vorbereitet hatte zu schwer oder zu einfach? Ich war gespannt. Das Thema, das vom Lehrer Herrn Koffi angekündigt wurde, war „Brieffreunde finden“. Mir fiel dazu sofort meine eigene Brieffreundin aus meiner Kindheit ein, die ich damals im Urlaub mit meinen Eltern kennengelernt hatte. Wir haben uns noch Jahre danach immer weiter Briefe geschrieben und sogar das ein oder andere Mal getroffen. Aber diese Erfahrung ist wohl kaum mit denen der ivorischen SchülerInnen vergleichbar. Erst einmal gibt es hier kaum Adressen. Zudem können die wenigstens Familien sich einen Urlaub leisten. Ich beschloss, die Geschichte zu erzählen, um das Thema einzuführen.

Ich musste langsam sprechen und war froh, dass meine Kollegin Espérance Kouamé ein bisschen auf Französisch nachhalf. Nachdem ich anschließend mit einem kleinen Tafelbild die Unterschiede zwischen Brief- und Emailfreundschaften erarbeiten wollte, kamen die Schüler auch langsam aus sich heraus.
 
Am Ende der Stunde blieb dann noch Zeit für ein paar Fragen an mich, die die Schüler fleißig in Kleingruppen und diesmal auf Deutsch vorbereitet hatten: Wie alt ich sei und ob ich Kinder hätte (großes Erstaunen war zu hören, als ich die Frage verneinte, denn ich war doch immerhin mit meinem „Mann“ gekommen!!). Eine Gruppe wollte wissen, was der Unterschied zwischen einer deutschen und einer ivorischen Schule sei – die Blicke der Schüler wurden neugierig als ich erzählte, dass eine deutsche Schule keine offenen Klassenräume hätte, da es im Winter kalt sei und man die Heizung andrehen müsse. Schwieriger zu beantworten war für mich eine Frage zu den Essgewohnheiten der Deutschen – typische Gerichte, wie Currywurst und Kartoffelsalat essen doch die wenigsten von uns regelmäßig. Eine Tatsache, die von den Ivorern sicherlich schwer nachvollziehbar ist, die doch so sehr an ihren Nationalgerichten wie Attieké und gegrilltem Fisch mit Alloco hängen. Als sie dann fragten, was denn mein Lieblingsgericht hier wäre und ich „Garba“ antwortete, war der Applaus wieder groß.
 
Als sich der Vormittag dem Ende zuneigte, durfte ich noch ein paar motivierende Worte loswerden, dass eine Emailfreundschaft doch eine tolle Möglichkeit wäre, neue Freunde in Deutschland kennenzulernen und seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Dafür hatte ich eine Internetseite des deutsch-französischen Jugendwerkes parat, auf der man Kleinanzeigen zu diesem Thema findet und aufgeben kann.

Die Schüler waren so dankbar wie ich über diesen Vormittag und dass dieser Kontakt stattfinden konnte und zeigten mir dies mit zahlreichen Geschenken, die mich sprachlos machten. Abschließend wurden diverse Fotos gemacht, auch wenn wir mit Sicherheit auch mit den Bildern in unseren Erinnerungen noch lange an diesen Vormittag zurückdenken werden.
 
Das zweite Mal wurde ich in einer Klasse der Schule „Groupe scolaire Abraham Ayeby“ in Abobo ausgeliehen. Dieses Mal stand ich vor 70 Schülerinnen und Schülern und auch dieses Mal variierte das Alter zwischen 13 und Anfang 20. Die Präsenz von etwa gleich vielen Mädchen wie Jungen in dieser Klasse bot ein erfreuliches Bild. Selbst im schwierigen Viertel von Abobo haben Mädchen also die Möglichkeit bis zum Abitur Schulbildung zu genießen.
Die Klasse zeigte sich mir, trotz anfänglicher Zurückhaltung, sehr dynamisch und motiviert. Das Thema „Mode“ trug mit Sicherheit seinen Beitrag dazu bei, denn die Jugendlichen konnten über eigene Interessen und Vorlieben sprechen. Ich teilte ihnen meine Neugierde an ihrer Meinung zu dem Thema mit und erzählte aus meiner Kultur. Konnte man wirklich generalisieren, dass in Deutschland schlank sein schön ist und die Männer in Westafrika auf rundliche Frauen stehen? Wir stellten schnell fest, dass es zumindest in der Klasse schon unterschiedliche Meinungen dazu gab, die mit Sicherheit repräsentativ waren.
Es fand, wie bei meiner vorherigen Erfahrung ein regelrechter Austausch statt und wir haben in dieser Stunde, die wie im Fluge verging, voneinander lernen und uns der jeweils anderen Kultur, die manchmal so fremd wirkt, ein Stückchen näher fühlen können.
 
Ich bin glücklich über diese bereichernden Erfahrungen, die mir die Möglichkeit gaben, mich Menschen zu nähern, die bisher noch nicht die Möglichkeit hatten, mit der deutschen Kultur in direkten Kontakt zu treten.