Pia Wagner
Das Leben ist Austausch und man wird nie aufhören, Neues zu lernen.

Pia Wagner
Fotos: Espérance Kouamé

Ich erinnere mich daran als ich klein war und meine Mutter mit mir in die Bibliothek gegangen ist um Bücher auszuleihen. All die Bücher, die ich mir ausgesucht habe, haben mir Geschichten und Abenteuer aus einer anderen Welt erzählt, die ich durch Lesen und Vorstellungskraft kennenlernen durfte.

Das Projekt „Louer une Allemande“ war ein wenig ähnlich: Nur dieses Mal wurde ich selbst ausgeliehen um Geschichten zu erzählen. Für mich sind das keine Abenteuer, es ist mein Alltag – aber für die Schülerinnen und Schüler, die Deutschland nicht kennen, war es eine ähnliche Erfahrung wie für mich mit den ausgeliehenen Büchern der Bibliothek.

Für mich war die schönste Erfahrung der Austausch mit den Schülerinnen und Schülern: Für sie war es spannend zu erfahren, was in Deutschland so vor sich geht – ich interessierte mich dafür, was hier passiert. Und als sie mich fragten, wie ich die Côte d’Ivoire finde, konnte ich aus vollem Herzen sagen: Ich liebe die Côte d’Ivoire.
Ich habe vom Studium und dem Leben der Studierenden in Deutschland erzählt und während ich das tat, haben die Schüler und Schülerinnen Fragen gestellt, die das Gespräch auf verschiedenste Themenbereiche gelenkt haben: Das Schul- und Ausbildungssystem in Deutschland, die finanzielle Unterstützung des Staates (beispielsweise BAföG), die Bürokratie der Deutschen, die Situation geflüchteter Menschen in Deutschland, Rassismus, das Engagement deutscher Studierender in Vereinen (z.B. zu den Themen Umweltschutz und Menschenrecht) ,die Freizeit der Studierenden und wie sie diese verbringen… Ich war beeindruckt von den Schülerinnen und Schülern, die allen Themen sehr offen und interessiert gegenüber standen. Wir haben die ganze Zeit eine Mischung aus Deutsch und Französisch gesprochen: Freutsch – meine Lieblingssprache ;).
In Bezug auf das Projekt „Louer un/une allemand/e“ lässt sich sagen, dass dies normalerweise ein einmaliges „Ausleihen“ eines/einer Deutschen beinhaltet. In meinem Fall war dies anders, ich wurde gleich zweimal nach Anyama ausgeliehen.

Als ich das erste Mal mit meiner Kollegin Espérance nach Anyama gefahren bin,  habe ich die Schüler und Schülerinnen des Collège Atlas d’Anyama besucht. Nach dem Austausch mit den Schülerinnen und Schülern, lud uns der Direktor der Schule ein, eine kleine Tour durch das Dorf zu machen. Während dieser Tour besuchten wir auch das Lycée Moderne d’Anyama. Dort lernte ich die Deutschlehrer kennen, die mich auch ihren Schülerinnen und Schülern vorstellen wollten um kurz einmal „Hallo“ zu sagen. Nach diesem Besuch entschieden wir gemeinsam „Louer une allemande“ auch dort noch einmal zu realisieren. Also kam ich wieder nach Anyama, dieses Mal um das Lycée Moderne zu besuchen und im Anschluss auch nochmals zum Collège Atlas zu fahren, da die Schülerinnen und Schüler von dort Geschenke als Dankeschön für meinen letzten Besuch für mich hatten. Ich habe überhaupt nicht mit so einer Geste gerechnet und war wirklich sehr gerührt.

Mit diesem Bericht möchte ich DANKE sagen: An alle Schülerinnen und Schüler, die Verantwortlichen der Schulen und die Lehrerinnen und Lehrer, dass sie diesen Austausch ermöglicht haben und für ihr herzliches Willkommen heißen. Für mich war dieses Projekt eine gute Möglichkeit, das Leben der Schülerinnen und Schüler der Côte d’Ivoire kennenzulernen, da ich mich ja nur mit dem Leben der Studierenden in Deutschland auskenne. Ich habe mir fest vorgenommen eines Tages zurück nach Anyama zu kommen, zu Besuch oder vielleicht um den Schülerinnen und Schülern Theaterunterricht zu geben.

Ich habe letzten Endes gelernt, dass ein Buch mir zwar eine Geschichte erzählt, ich selbst als Leserin mit meiner eigenen Phantasie aber immer eine große Rolle darin spielen werde. Genauso haben auch die Schülerinnen und Schüler in meinen Geschichten eine große Rolle gespielt, da sie mir durch ihre Fragen und ihre Reaktionen eine neue Perspektive auf die Dinge eröffnet haben. Während wir vom Studieren in Deutschland gesprochen haben, haben sie mir Fragen über die Möglichkeit gestellt, selbst nach Deutschland zu gehen. Und ja, es gibt Möglichkeiten, Stipendien – aber diese sind selten. Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Man sollte wirklich mehr Programme für einen Austausch zwischen Deutschland/Europa im Allgemeinen und afrikanischen Ländern initiieren. Wir, die deutschen/europäischen Studierenden, können selbstverständlich Studienaufenthalte im Ausland machen über Austauschprogramme wie ERASMUS – aber die Studierenden hier, was haben sie für Möglichkeiten? Diesen Gedanken möchte ich zum Abschluss mit Ihnen teilen.

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