Eva Bruchhaus
Geschichten aus der Kindheit

Eva Bruchhaus im Collège St. Augustin in Yopougon-Koweit
© Espérance Kouamé

Ursprünglich sollten wir – Madame Kouamé Espérance von der Bibliothek des Goethe-Instituts und ich – eine öffentliche Schule in Yopougon besuchen, wo allerdings an diesem Tag der Unterricht wegen Streiks ausfiel. Madame Kouamé gelang es, kurzfristig einen Ersatztermin mit dem Collège St. Augustin in Yopougon-Koweit zu vereinbaren. 

Nach Auskunft des Schulleiters Bosson Joseph, der uns zur Begrüßung in seinem Büro empfing, hat eine Gruppe Lehrer das Haus vor zehn Jahren gekauft, um es zu einer Schule umzubauen, die man als halb-privat bezeichnen könnte: es wird nach dem offiziellen Lehrplan von ausgebildeten Lehrern unterrichtet, aber die Eltern der Schüler und Schülerinnen zahlen zwischen 24.000 und 42.000 FCFA  (ca. 35-  65€) Anmeldegebühren und zwischen 65.000 und 85.000 FCFA (ca. 100 – 130€)  Schulgeld pro Jahr.  Derzeit unterrichten 20 Lehrer und fünf Lehrerinnen 373 Schüler und 372 Schülerinnen von der 6. Klasse bis zur „terminale“ A und D. Die Umbauarbeiten sind noch nicht abgeschlossen - der Fortgang hängt von den Schulgeldeinnahmen ab. So gehen wir mit dem Deutschlehrer, Monsieur Koné Loja, durch ein halbfertiges Treppenhaus zu einem rudimentär eingerichteten Klassenraum mit sehr einfachen Schulbänken aus rohem Holz, von dem gleich eine zusammenbricht, als sich Herr Koné daraufsetzen will.

Wir werden von 13 Schülern  - zehn Mädchen und drei Jungen - sehr herzlich auf Deutsch begrüßt, und ich werde erst einmal gebeten aus meiner Kindheit zu berichten. Dabei interessieren sie sich vor allem für die Zeit im Zweiten Weltkrieg, die ich als Fünf- bis Elfjährige erlebt habe. Sie zeigen Mitgefühl aber auch großes Erstaunen, als ich vom Luftangriff auf meine Heimatstadt Dresden und der schwierigen Versorgungslage während des Krieges und in der Nachkriegszeit berichte und damit ein ganz anderes Deutschland präsentiere als sie es kennen. Ich spüre ihre Erleichterung, als ich meine spätere Schul- und Studienzeit in normalen Friedenszeiten schildere, und bald wird ihre Ungeduld deutlich, mir endlich Fragen stellen zu können. Da sich einige nicht zutrauen ihre Fragen auf Deutsch zu formulieren, einigen wir uns darauf, dass wir uns auch auf Französisch unterhalten können, und ich schreibe die wichtigsten Begriffe auf Deutsch an die Tafel.

Da die Festtage gerade hinter uns liegen, möchten sie erst einmal wissen, wie wir in Deutschland Weihnachten feiern. Es folgen wie zu erwarten Fragen zu Klima und Geografie, wobei uns eine Deutschlandkarte nützlich gewesen wäre. Dann kommen Themen zur Sprache, die ich nicht erwartet hätte: das Altern der deutschen Bevölkerung, und wie wir in Deutschland darauf reagieren. Die Mitteilung, dass es viele Ehepaare ohne Kinder, oder nur mit einem Kind gibt, erscheint ihnen sehr seltsam, genau wie meine Mitteilung, dass ich weder verheiratet bin noch Kinder habe. Ein Schüler will wissen, wie Afrikaner in Deutschland leben, weitere Fragen betreffen Migration und deutsche Migrationspolitik, und nicht zuletzt geht es um Vorurteile und Rassismus. Ich habe dabei den Eindruck, dass die Schüler und Schülerinnen sich darüber Gedanken machen, auf die man viel ausführlicher eingehen müsste, als es in so einer Fragestunde möglich ist.

Sie wollen aber nicht nur über Deutschland reden, sondern auch über meine Eindrücke von ihrem Land, wobei sie meine Mitteilung, dass ich  ihr Land schon öfters besucht habe und 1961 zum ersten Mal in Abidjan war, über die Maßen erstaunt und mich als lebendes Fossil erscheinen lässt. Ich habe aber auch eine Frage an sie: Wie kommt es, dass bei einer je zur Hälfte aus Mädchen und Jungen bestehenden Schülerschaft hier nur drei Jungen, aber zehn Mädchen sitzen? Einer der Jungen hat dafür eine ernüchternde Erklärung: die Jungen würden sich eher für Spanisch entscheiden als für Deutsch. Warum? Weil es leichter zu erlernen sei und sie die Anstrengung scheuen. Die Schülerinnen und Schüler stimmen dieser Aussage lachend zu.

Alle Beteiligten hatten offensichtlich Spaß an dem Treffen, und haben dabei viel gelernt. Mich hat vor allem das Interesse und die Ernsthaftigkeit der Schülerinnen und Schüler beeindruckt, und ich wünsche mir von Herzen, dass sie die Gelegenheit bekommen, Deutschland nicht nur über gelegentliche deutsche Gäste sondern in der Realität kennenzulernen, so wie deutsche Schülerinnen und Schüler problemlos zu Gastfamilien nach Frankreich, England und USA reisen können, um ihre Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern. 
 


Eva Bruchhaus
1961 kam Eva Bruchhaus zum ersten Mal nach Abidjan. Seitdem hat sie, nicht nur im Rahmen ihrer Arbeit, viele Länder Afrikas besucht. 2016 ist sie nach sehr langer Zeit zurück nach Abidjan gekommen.

Top