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Brief an Ronya

Santiago de Chile, Montag, 11. Juni

Liebe Ronya,

in Santiago de Chile gibt es nur sehr selten Gewitter, die meisten fürchten den Regen, Pfützen sind eine Ausnahme in der Landschaft. Wie von Zauberhand habe ich deinen Brief an einem Regentag erhalten, während des ersten Regens des Jahres und so schreibe ich hier im Antwortbrief einige Verse von Jorge Teillier, einem chilenischen Dichter, einem Liebhaber des Regens und der Berghänge: „nun schicke ich dir diesen Regenbrief / den dir ein Regenreiter bringt / auf Wegen, die den Regen kennen“*. Es ist traurig, wenn der Winter beginnt, den Regen zu fürchten und wenn dieser seinerseits nicht um das Gute seiner Handlung weiß. 

Ich finde es schön, was du über das Bild von Pedro Lira schreibst. Als ich es zum ersten Mal sah, hatte ich auch das Gefühl, „in etwas eingeweiht zu sein, etwas zu sehen, was eigentlich nicht für meine Augen bestimmt ist“; mit der Zeit bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es bei der Kunst genau darum geht: das zu sehen, was man auf den ersten Blick nicht sehen kann, das zu sehen, was man eigentlich nicht sehen soll, dem Leben Geheimnisse zu entlocken, wenn es abgelenkt ist. Ich habe auch gedacht, dass Schriftsteller*innen, nämlich ihrer selbst, Maler*innen und Fotograf*innen Spione sind, Sammler*innen von Bildern, die vom bloßen Auge desjenigen aufgedeckt werden, der solche Bilder aufnimmt. Aber nicht nur der Schöpfende – als Interpret eines herrenlosen Geistes – ist ein Spion, sondern auch derjenige, der in der Rolle des Lesers oder Zuschauers an der Enthüllung teilhat. Das enthüllte Bild wird zu einem geteilten Geheimnis.  

Als du Susan Sontag erwähnt hast, habe ich mich an die enge Verbindung zwischen Poesie, Fotografie und Malerei erinnert, auf die sie aufmerksam macht. Hand in Hand mit besagter Verbindung erinnerte ich mich an einen Text von Rocío Durán, in dem sie kommentiert, dass Poesie in der Epoche des Horaz’ als „bildende Kunst“ betrachtet wurde, als bestes „Gemälde“ der Natur in ihren Farben und Landschaften.* Mit der Zeit wurde dieser Begriff durch die „Redekunst“ ersetzt, das Wort glaubte hinsichtlich des Bildes Autonomie erreichen zu können, glaubte, alles bestünde nur aus Worten.   

Jetzt komme ich auf Susan Sontag zurück; in ihrem Buch „Über die Fotografie“ erwähnt sie, dass die Fotografie die Malerei von der realitätsgetreuen Darstellung befreit hat, ihr die Möglichkeit zur Abstraktion bot: „Nach landläufiger Vorstellung hat sich die Fotografie der Aufgabe des Malers bemächtigt [und ihn dadurch davon befreit], Bilder hervorzubringen, die die Wirklichkeit genau kopieren“*. Ich denke, dabei wurde auch das Schreiben, und vor allem die Poesie, von der Exaktheit der Wirklichkeitsdarstellung befreit, die in den ersten Jahren angestrebt wurde. Andererseits denke ich, dass die Beziehung zwischen Fotografie und Poesie sehr eng ist, denn beide sind Gedichte, beide sind Fotografie, beide sind innerlich durchdrungen von Sehnsucht, Liebe und Tod. Wenn ich mich recht erinnere, sagt Barthes so etwas wie: die Fotografie ist eine Mikroerfahrung des Todes, denn sie gibt vor, den Augenblick unvergänglich zu machen und dieser Eifer, das „Jetzt“ zu verewigen macht meiner Ansicht nach auch das Foto zu einer Mikroerfahrung der Liebe, vielleicht nach einem ziemlich schiefen Verständnis von Liebe.
 
Das Verhältnis Poesie-Fotografie beschäftigt mich schon eine Zeit lang, deshalb nutze ich die Gelegenheit und sende dir mit diesem Regenbrief eine Fotografie meiner Mutter, zusammen mit der Abschrift eines Gedichtfragments, das ich schon vor einigen Jahren geschrieben habe (ich füge auch das ganze Gedicht bei). Meine Mutter ist Friseurin und auf dem Foto ist sie (in der Mitte) zusammen mit einigen ihrer Kundinnen an einem Jahrestag des Geschäftes zu sehen. Als ich deinen Brief gelesen habe, habe ich innegehalten bei deinen Bemerkungen zur Intimität des Briefes, dieses Innehalten hat mich auf die Idee gebracht, dieses Fragment mit der Hand abzuschreiben.

La Peolosperanza © María Paz Valdebenito Zweifellos schlägt die Intimität des Briefes eine Brücke für eine tiefe Begegnung mit dem Anderen. Die analoge Kamera wurde durch die digitale vollständig ersetzt, ebenso wie der handschriftliche Brief durch den digitalen. Der digitale Brief ist ein nicht-verinnerlichtes Bild, eine Spur, der die Hand, die sie schafft, beraubt ist.  

Das Maschinenschreiben ist eine Fotografie der inneren Bilder, die so tun, als wäre sie in Worten ausgedrückt. Sontag sagte: „im allgemeinen wird die Fotografie als Mittel zum Kennenlernen von Dingen verstanden“* und ich frage mich, kann die Handschrift als ein Hilfsmittel betrachtet werden, um eine Person kennenzulernen?

Die Tastatur hat eine andere Zeit als der Stift und das Papier und leider hat die Hegemonie der Tastatur das Interesse für die Kalligrafie geschmälert. Die Handschrift ist Veräußerung der Seele, Erscheinungsform der Seele, die (neben anderen Charakteristika) von den Brüchen, der Höhe, der Neigung der Schrift widergespiegelt wird, sie reflektiert das individuelle Wesen, sie verändert sich unaufhörlich, wird unentwegt vom momentanen Gefühlszustand geleitet, ist enthüllend. Die Schrift verrät uns immer.

Wir bauen das Herbarium auf, wie schön! Lass uns in einen Wald gehen, in dem wir so tun, als würden wir alle Bäume und alle Blumen kennen. Lass uns ein Bild auf die Distanz malen, dessen Geheimnis in einem Brief enthüllt wird, der mit einer Kalligrafie so alt wie die Steine geschrieben ist.

Ich danke dir für das Gedicht, ich danke dir für die Fotografien, ich danke dir für deine Karte.

Ich sende dir eine feste Regenumarmung

die dir ein Regenreiter bringt auf den Wegen die den Regen kennen
 
María Paz Valdebenito.

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Fotopoema "La Pelosperanza" © Originalfoto: José Mañodes / Intervention: María Paz Valdebenito G.


Die Familie der Friseurin

(Winter 2009)
 
Ich erinnere jene Abende
an denen ich von der Schule nach Hause kam
und meine Mutter vorfand
wie sie das Haar
aller Frauen des Stadtviertels zurechtmachte.
 
Mein Vater saß vor dem Fernseher,
wartete darauf, dass die Uhr
die genaue Zeit anzeige, zu der der Tee bereitet wird,
um sich dann zu diesem Familientreffen
zu gesellen, das rechtfertigt,
dass man sich ein Leben lang
nach der bitteren Ausübung des fremden Mehrwerts richtet
 
Ich erinnere die Straßen, welche ich so oft
mit meinen Brüdern durchquerte,
um Brot zu kaufen;
die Blicke der Nachbarinnen,  
wie wir frische Broträder verdienten  
und die Freude,
auf den Gehwegen der Zeit
neben unserm Hund Maxi zu laufen,
der uns beim Versuch, die Brotreste mit Butter zu klauen
unter dem Tisch in die Finger biss
während unsere Mutter
die Gesamtsumme
des am Ende ihrer Arbeit erzielten Lohns berechnete.


*) Die aufgeführten Zitate stammen aus:
  • Teillier, Jorge: Carta de lluvia,
    https://www.poemas-del-alma.com/jorge-teillier-carta-de-lluvia.htm, dt. von Veronika Reinertshofer für entreLíneas.
  • Durán-Barba, Rocío: Poesía, ante los abismos del mundo  -Poesía y Política-, París, Allpamanda, 2015, pág. 15., dt. von Veronika Reinertshofer für entreLlíneas.
  • Sontag, Susan: Über Fotografie, Übersetzung von Mark W. Rien, München u.a., Carl Hanser Verlag, 1989. S.89.
  • Sontag, Susan: Über Fotografie, Übersetzung von Mark W. Rien, München u.a., Carl Hanser Verlag, 1989. S.89.

Aus dem Spanischen von Veronika Reinertshofer.

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