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25. September 2019
Karte an Victoria

Liebe Victoria,
 
danke für deinen letzten Brief. Ich war zunächst sehr beeindruckt von dem Gedicht und dessen (auch visueller) Übersetzungen und möchte zuerst einiges dazu sagen. Das Gedicht an sich hat eine starke Verflechtung von feurigen Ereignissen und Gefühlen. Die Form liest sich relativ organisch und frei, jede Strophe drückt eine Idee aus, eine Szene. Hast du absichtlich so viel mit Endsilben gearbeitet (viel –l in der ersten Strophe, viele –o und –a Endungen in der zweiten usw.)? Oft macht man Klangbilder doch unterbewusst, wenn man dichtet. Ist das auch bei dir so? Dann zur Struktur und dem Strukturieren: Bei deinem Gedicht kommt es mir vor  als wurden zwei verschiedene zusammengefügt... Eins über auf Magnolien Schauen, und ein anderes über die Opfer in einer Brandnotaufnahme. War das ursprünglich so gedacht? Gefühlt verbinden starke Gedichte sehr oft unerwartete Elemente. Auf Englisch nennt man dies the violent yoking of opposites. Anscheinend ist das ursprünglich eine Beschreibung der englischen metaphysischen Dichter (Metaphysical Poets) aus dem 17. Jahrhundert, von einem damaligen Poeten namens Samuel Johnson, aber ich glaube, dass es zutreffend für fast jegliche Form der Dichtung ist. Auf jeden Fall für dein Gedicht. Anbei ist also eins von mir — auch ein Politisches, wieder über Magnolien — das ich vor ein paar Jahren geschrieben habe. Das Gedicht bringt evtl. auch verschiedene Elemente zusammen: Polizeiliche Gewalt, zarte Stunden, bewegliche Feiertage.
 
Nun zum Visuellen: Estalactitas en la espina dorsal scheint eine perfekte Beschreibung der Gedichtvisualisierungen von Ignacio zu sein. Außerdem gibt es sowohl eine starke formliche als auch eine farbliche Verbindung zwischen deinem Gedicht und der Illustration. Man sieht da in der Tat eine Art (Magnolia-)Blüte. (Ich frage mich wie diese sehr organische Formen bei einem Gedicht über Gebäude oder Fabriken anders wirken würden.) Was mir im Ganzen am interessantesten erscheint, ist wie die  V e r ä n d e r u n g e n  hier sichtbar gemacht werden. Es ist sehr spannend zu sehen, wie deine Übersetzer*innen arbeiten, wie ihre „Bäume“ verschieden auswachsen. Man könnte auch einen Veränderungsbaum beim Schreiben eines Originaltexts (und nicht nur einer Übersetzung) herstellen. Die Technologie macht hier auch sichtbar, was eine erste, handschriftliche Fassung fast immer zeigt: Verschreibung, Verzögerung, Verbesserung. Die glatte, perfekte und digitale Endfassung radiert das alles komplett weg, aber hier wird das wieder evident. Um deine Frage zu beantworten, verfasse ich die meisten meiner Gedichte zuerst auf Papier, in kleinen Notizblöckchen, die ich versuche immer am Körper zu tragen (schwieriger im Sommer, mit weniger Kleidertaschen). Anbei ein kleines Beispiel als Bild. Wie du siehst, sind diese „Gedichte“ Geschriebenes in sehr roher Form. Das sind praktisch Lumpen. Wie viele andere, schreibe ich nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch, Spanisch, Französisch oder welche Sprache auch immer durch die Umgebung fliegt oder gerade im Kopf herum hüpft. Hier kommt zum Beispiel das Wort „Parkir“ vor. Das heißt Parkhelfer auf Indonesisch. (Ich habe mal javanische Hofmusik in Indonesien studiert und dabei den totalen Fashion Icon, einen alten schattenwirtschaftlichen Parkhelfer mit adligem Blut getroffen, aber das ist eine lange Geschichte). Später plündere ich die Blöckchen durch und oft kombiniere ich verschiedene Szenen oder Ideen, die ursprünglich nicht zusammengehört haben, in einer ersten digitalen Fassung. Für mich sind die verschiedenen Fassungen und die verschiedenen Sprachen sehr wichtige Elemente des „kreativen Prozesses.“ Deswegen habe ich meinen letzten Band auf Deutsch „Entfassung“ genannt (buena suerte con ese titulito, Patricio). Wie sieht der kreative Prozess denn bei dir aus?
 
Kurz zurück zur Übersetzung. Ich glaube, sie könnte ein Gegengift sein für die gefährliche, beinah unerreichbare Endfassung. Die Übersetzung belebt einen Originaltext, in dem dieser neu verfasst wird. Ständig. Während ein Originaltext gewissermaßen tot, glatt, vollendet ist, können Übersetzungen  i m m e r  aktualisiert werden, weil Zielsprachen s/aich ständig verändern, weil jede*r Übersetzer*in einen anderen Stil, einen anderen Idiolekt hat. Die Übersetzungen von deinem Gedicht ins Englische und Deutsche zeigen dies auch ganz wunderbar. In deinem Originaltext zum Beispiel, lässt du einige Subjektpronomen komplett weg (yo, tu, usw.) die aber im Spanischen sowieso morphologisch eingebaut sind. Im Deutschen (und Englischen) aber haben die Übersetzer*innen wieder Subjektpronomen eingebaut. Natürlich ist das dieses Vorhaben logisch, um einen Fließtext mit ähnlichem Sprachniveau zu schaffen. Aber in 20 Jahren könnte Deutsch zunehmend mehr wie Spanisch aussehen — fängt schon an, bin schon dabei — und viel weniger Subjektpronomen aufweisen. Dann würde eine Übersetzung plötzlich sprachlich „näher“ an deinem Originaltext stehen, wenn auch zeitlich distanzierter. Vielleicht ist das hier ein guter Gedanke zum Ende. Wie findest du, wirkt die Zeit auf Geschriebenes? Etwas spezifischer, gerade wenn es um Politisches geht. Wie sollen wir Texte, die zu ihren Zeiten als fortschrittlich, ja sogar progressiv galten, doch heute problematische Elemente aufweisen, eigentlich lesen?
 
Gespannt auf deine Antwort und ohne Subjektpronomen in diesem Satz verbleibend,
 
Schnee
 

Beitrag Jordan Foto: Jordan Lee Schnee

 

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