Deutsche Welle | Farbe | 28 min. | 2018
Die Avocado - Superfood und Umweltkiller

El Aguacate
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Die Avocado gilt in Europa als "Superfood". Doch in Chile, wo ein großer Teil der Weltproduktion wächst, sorgt die Avocado für massiven Wassermangel, der einher geht mit Wasserraub und Menschenrechtsvergehen.

In der chilenischen Provinz Petorca werden Avocados seit vielen Jahren von Kleinbauern angepflanzt. Doch erst seit dem Avocado-Boom in Europa und den USA in den 90ern stieg die Produktion schlagartig an. Seitdem beherrschen Großgrundbesitzer den Avocado-Markt in Petorca und benötigen dafür jede Menge Wasser. Für ein Kilo, also drei Avocados, werden 1.000 Liter Wasser verbraucht – ein Zigfaches mehr als für Tomaten oder Orangen. Dadurch wird das Wasser knapp. Petorca leidet unter akuter Dürre und extremer Trockenheit, weshalb die Region seit Jahren als Dürre-Katastrophengebiet deklariert wird. Die Flussbetten der Flüsse La Ligua und Petorca – früher Badeorte für die lokale Bevölkerung – sind seit Jahren staubtrocken und verkommen zu Müllhalden. Gleichzeitig versiegen in der Provinz Petorca die Brunnen der Kleinbauern. Tanklastwagen bringen Trinkwasser – oft genug verunreinigt – zu notleidenden Familien, die als Kleinbauern ohne Wasser ihre Lebensgrundlage verloren haben.

Gleichzeitig sind die zehntausende Hektar großen Avocado-Plantagen, die bis zum Horizont reichen, sattgrün. Matías Schmidt aus der Provinz Aconcagua ist einer der größten Avocado-Bauern Chiles. Seine Anbaufläche hat er in den letzten sechs Jahren verdreifacht, weil die Nachfrage aus Europa gestiegen ist. Seine Plantagen, die bis hoch auf die Hügelkuppen reichen, werden mit Einatz von Chemikalien, modernster Pump- und Bewässerungstechnik sowie künstlichen Wasserbecken unterhalten. Nebenan bearbeiten drei Bagger Felder, auf denen demnächst 600.000 neue Avocado-Bäume wachsen sollen. „Jedes Jahr steigt die Nachfrage um 30%“, sagt der Mittdreißiger Matías, den die Avocado reich gemacht hat. Mit der steigenden Nachfrage in China sieht er für sich goldene Zeiten anbrechen: „Wir Avocado-Bauern haben Wasserrechte gekauft, damit wir unser Geschäftsmodell vorantreiben können.“

Der Wassermangel beim Großteil der Bevölkerung und der Wasserreichtum der wenigen Großgrundbesitzer verstoßen für Rodrigo Mundaca gegen das von den Vereinten Nationen garantierte Recht auf Wasser. Auch Chile hat sich diesem Menschenrecht auf Wasser verpflichtet. Vor wenigen Jahren hat Rodrigo mit aufgedeckt, wie die Avocado-Bosse mit besten Verbindungen in die Politik mit Hilfe von 65 Pipelines illegal Wasser stahlen, um ihre Avocado-Felder zu bewässern. Die Strafen dafür fielen gering aus, denn offiziell gilt Wasserdiebstahl in Chile nur als ein Verwaltungsdelikt. Unter den Avocado-Baronen sind Ex-Innenminister, Parlamentsabgeordnete und deren Angehörige. Sie haben während der Diktatur in den 80ern und 90ern wichtige Wasserrechte gekauft und pumpen seither kostenlos und unbefristet Wasser aus dem ohnehin schon trockenen Boden Petorcas. Möglich macht das das Wassergesetz, dass von der Pinochet-Diktatur 1981 geschrieben wurde. Wasser ist laut Verfassung Privatbesitz. Wer am meisten bietet, erhält Wasserrechte auf Lebenszeit. Und diese nutzen die reichen Avocado-Barone schamlos aus. „Selbst in Zeiten extremer Trockenheit sind sie nicht bereit, den Menschen einen Teil ihres Wassers abzugeben“, sagt Gustavo Valdenegro, der Bürgermeister von Petorca und einer der wenigen lokalen Politiker, die sich offen mit den Agrarbossen anlegen. Im Gegenteil: Rodrigo Mundaca und seine Mitstreiter erhalten seit Kurzem Morddrohungen.

Denn sie kritisieren den schädlichen Avocado-Anbau und zudem die miserable Ökobilanz des „Superfoods“. Denn die so genannte Butterfrucht muss auf Frachtschiffen klimatisiert und gepolstert transportiert werden. In der Nähe von Rotterdam hat sich die Firma Nature’s Pride darauf spezialisiert, die stets unreif angelieferten Avocados mit Hilfe eines temperaturgesteuerten Reifungsverfahrens essfertig auch für deutsche  Supermärkte zu verarbeiten. Auch Nature’s Pride wächst und erwartet bei die Messe „FruitLogistica“ in Berlin dank der Avocados volle Auftragsbücher. „Wenn ich Europäer wäre und wüsste, mit welchen Konsequenzen die Avocados, die ich esse, produziert werden, glaubt mir, ich würde keine Avocados mehr essen“, sagt Rodrigo Mundaca.
 
 


 
• Der Film kann auf Anfrage bestellt werden und ist im mp4-Format (USB-Stick) oder unter dem folgenden Link zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=lWqUSGJg1eU.

• Wir bedanken uns herzlich bei Ingrid Wehr und Wiebke Arnold von der Heinrich-Böll Stiftung und für die Unterstützung.