“La Casa Lobo”: die Albträume der Colonia Dignidad

Während das Thema der Colonia Dignidad im Kino, Theater und in den Bildenden Künsten sein großes Comeback feiert, wird der erste animierte Stop-Motion Film aus Chile vorbereitet. Es ist der erste abendfüllender Film von Cristóbal León und Joaquín Cociña und handelt vom Schrecken und Wahnsinn, der diesem Ort beiwohnte.
 

Casa Lobo © Diluvio
Cristóbal León und Joaquín Cociña gewannen Preise und internationale Präsenz mit Lucía (2007) und Luis (2008), beides Kurzfilme, die auf der Stop-Motion-Technik basieren und an deren Produktion sich auch Niles Atallah beteiligte. Sie sind Teil der Reihe Lucía, Luis y el lobo. Ihr Kennzeichen ist unverwechselbar: der Zuschauer sieht infantile Albträume, die Schrecken traditioneller Erzählungen, Zimmer und Objekte, die zu Leben erwachen und dies alles untermalt von einem äußerst sutilen aber gleichzeitig schauererregenden Soundtrack. Um ihre Reihe zu vervollständigen, entschieden sich die Filmemacher dazu, ihren ersten Spielfilm mit derselben Animationstechnik zu produzieren. Er trägt den Titel La Casa Lobo und basiert auf der Geschichte der Colonia Dignidad. Da die beiden wussten, dass der Schaffungsprozess lang sein würde und sie sich in diesem Zeitraum nicht von der Welt abschotten wollten, verlegten sie ihre Werkstatt oder das jeweilige Produktionsset in verschiedene Ausstellungsräume, in denen der Film öffentlich sowohl in Chile als auch im Ausland produziert wurde. Somit konnten sie in den zwei bis drei Produktionsjahren den Film produzieren und weiterhin ausstellen. Nun befindet sich der Film in der Post-Produktionsphase, in der Amalia Kassai die Stimme der Protagonistin María aufnimmt.


- Amalia, wie hast du dich dem Thema der Colonia Dignidad angenähert?

- Amalia Kassai: Diese begann mit dem Theaterstück Comida Alemana von Cristián Plana, zu dem das gesamte Team viel forschte und alle letzten Endes Albträume hatten… Wir sind mit dem Stück nach Europa aber es wurde auf Deutsch aufgeführt. Danach machte ich den Teaser für den nächsten Film von Matías Riojas, A la sombra de los árboles. Ich bin die einzige chilenische Schauspielerin, die beide Sprachen gut spricht und die das entsprechende Alter hat. Das Thema ist sehr interessant und es ist sehr gut, dass darüber gesprochen wird, dass es publik gemacht wird. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich bei diesen Projekten dabei bin aber ich habe etwas Angst davor, dass ich genau deswegen stigmatisiert bzw. als Schauspielerin in eine Schublade gesteckt werde.

- Cristóbal León: Wir haben dich nicht der Stigmatisierung wegen eingeladen. Es ist eine große Freude mit dir zu arbeiten, denn du weißt quasi mehr als wir über die Colonia Dignidad. Du verfügst über sehr viel expertise.

- Joaquín Cociña: Wir haben dich deiner Stimme wegen und deiner Fähigkeit von einer Sprache zur anderen zu wechseln eingeladen.


- Und wie seid ihr, Cristóbal und Joaquín, dazu gekommen einen Film über die Colonia Dignidad zu machen?

- Cristóbal: Es ist ein Thema, das kein Ende hat und der Ort hatte mich schon immer beschäftigt. Als Kind war ich ein paar Mal mit meinen Eltern im Restaurant dort. Aktuell ist das Thema sehr präsent in den Medien. Es inspirieren mich aber auch das Grauen  europäischer Kindererzählungen und die Möglichkeit diese mit der politischen Realität Lateinamerikas zu verbinden. Und im Falle der Colonia Dignidad kreuzen sich die Beiden, das gleicht schon fast einer Karikatur. Wir dachten daran diesen Film zu machen, als ich in Deutschland war.
 
- Joaquín: Was unsere Filme angeht, entwickeln wir diese immer bewusster auf Grundlage des Horrors, der hier in Chile herrschte. Und Colonia Dignidad steht in Verbindung mit Deutschland, also nicht mit dem Deutschland von heute. Das chilenische Militär basiert auf der preußischen Disziplin.  Roberto Bolaño beschreibt reale wie auch fiktive Verbindungen zwischen den intellektuellen Eliten und den Nazis. Dadurch sind wir auf den Diskurs von Miguel Serrano über die Anden gestoßen. Wir sind auf die Idee eines Rollenspiels gekommen, das dem Diskurs Gestalt verleiht und somit seine Ideen aufzugreifen und diesen zu folgen, auch wenn seine Haltung nicht die unsere ist. Also machten wir ein Video basierend auf den Texten von Miguel Serrano über die Enstehungsmythen von Amerika mit Nazi-Symbolen. Am Ende des Textes scheint dieser fast New Age zu sein. Darüber sind wir nun hinausgegangen und wir stellten uns vor, die Filmproduktionfirma von Colonia Dignidad zu sein, die Filme für Kinder machen, die abhauen, so wie eine Art Walt Disney.


- Seid ihr daran interessiert in euren Arbeiten die Realität zu untergraben? Handelt La Casa Lobo davon?

- Joaquín: Mich langweilen die Arbeiten, in denen klar zu erkennen ist, ob jemand für oder gegen etwas ist. Mir gefällt es, uns in Schwierigkeiten zu bringen und diese Rolle momentan zu spielen. Das schließt es mit ein, eine Stimme anzunehmen, die nicht besonders bequem ist.

- Cristóbal: Die Geschichte begann als etwas komplett anderes. Anfangs war sie eine reine Inspiration, danach wurde Colonia Dignidad zum Thema.

- Joaquín: Ohne diese Hintergrundinformation wäre die Entwicklung der Geschichte ganz beliebig. Das verleiht dem ganzen seinen Sinn. Es gibt etwas Größeres und Wichtigeres als Details und die Arbeit an sich.

- Cristóbal: Wir würden den Film sehr gerne in Deutschland zeigen, das wäre etwas sehr natürliches.


- Wie war es für euch eine so komplexe Arbeit vor Publikum zu realisieren?

- Cristóbal: Das hat uns auf der einen Seite etwas abgelenkt, aber auf der anderen gab es dadurch schon ein Publikum, denn wir waren an zehn Orten, sogar in anderen Ländern. Falls also niemand den Film sehen sollte, war die Arbeit von drei Jahren nicht umsonst.

- Joaquín: Wir wollen, dass die Arbeit und jede ihrer Komponenten Kunst und voller Leben ist. Da war es die einfachste Lösung die Produktion dorthin zu verlegen, wo wir sie auch präsentieren.

- Cristóbal: Wir nutzen jeden Abschnitt der Arbeit. Ist dir schon aufgefallen, dass die Werkstätten von Künstlern oftmals besser sind als ihre Arbeiten an sich? Wir versuchen, dass der Film genauso ist, dass der Arbeitsprozess sichtbar ist.


- Was ist eure Arbeitsmethode?

- Cristóbal: Wir sind absolut unfähig Dinge zu planen. Ich war Art Director bei einem Kurzfilm und am Ende waren wir 20 Personen, die eine kleine Szene filmten, da entschied ich, dass ich so nicht arbeiten möchte. Wir ziehen es vor, alles eine Nummer kleiner zu halten. Wir machen keine Probeläufe. Mich nervt das „Professionelle“, im Sinne davon das zu tun, was erwartet wird. Wir haben eine Arbeitsweise gefunden, die mit unserer Persönlichkeit übereinstimmt, wir arbeiten so, wie es sich für uns am besten anfühlt. Zu planen langweilt mich, wir verbringen viel Zeit damit das zu tun, was uns gefällt, nicht das davor und auch nicht das danach.
 
Über La Casa Lobo:
Der Film befindet sich in Produktionsphase und wurde 2011 unterstützt durch “Résidences / Cinéma d’animation” Abbaye De Fontevraud (Frankreich), 2012 durch den CORFO und 2014 durch den FONDO AUDIOVISUAL CNCA.
Die Ausstellungen während der Filmproduktion wurden veranstaltet in:
- Upstream Gallery, Amsterdam, Niederlanden.
- Kampnagel / Hamburg Sommer Festival, Hamburg, Deutschland.
- Museo Nacional de Bellas Artes , Santiago de Chile (im Rahmen der Medienbiennale).
- Galería A2, Santiago de Chile.
- MAMBA, Museo de Arte Moderno de Buenos Aires, Argentinien.
- MAC – Quinta Normal, Santiago de Chile.
- Centro Cultural de España, Santiago de Chile.
- Galería Macchina, Santiago de Chile.
- Casa Maauad, Mexiko-Stadt, Mexiko.
 
Amalia Kassai wurde in Augsburg, Deutschland, geboren und wuchs in Deutschland und Santiago de Chile auf. Nachdem sie ihren Abschluss in Theaterwissenschaften absolvierte, arbeitete sie im Theater, Kino und in verschiedenen TV-Serien bis sie dann 2014 nach Deutschland zurückkehrte und dort mit Alexander Stillmark im Stück Viel Lärm um nichts/Much Ado About Nothing von W. Shakespeare zusammenarbeitete. Ebenso arbeitete sie an verschiedenen Kurzfilmen in Berlin und 2015 spielte sie in der internationalen Medien-Performance Odiseo.com. Seitdem sie in Deutschland lebt, reist sie regelmäßig nach Chile, um in verschiedenen audiovisuellen Projekten aufzutreten, unter anderem in La Casa Lobo.
 
Cristóbal León (1980) studierte Design an der Universidad Católica de Chile und verbrachte 2009 als DAAD-Stipendiat ein Jahr an der UdK (Universität der Künste) in Berlin. Danach war er in Amsterdam, wo er sich mit Joaquín Cociña (1980) zusammenschloss. Joaquín Cociña absolvierte seinen Abschluss ebenso an der Universidad Católica und ist als Autor, Illustrator und Bühnenbilddesigner für Theater aktiv. Gemeinsam mit Niles Atallah (1978) kreierten sie ihre ersten animierten Kurzfilme im Stop-Motion-Modus, Lucía (2007) und Luis (2008), sowie die Videos Nocturno de Chile, für die sie sich durch die Romane Roberto Bolaños inspirieren ließen. Die drei unterhalten gemeinsam die Produktionsfirma Diluvio. Das Duo León & Cociña produzierten ebenso El Arca, El Templo, y Padre. Madre., alle aus dem Jahr 2011 und mit Figuren aus Pappmaché. Außerdem produzierten sie experimentelle Videoclips für Sänger_innen wie Camila Moreno. Für Lucía gewannen sie zwischen 2007 und 2010 diverse internationale Preise. La Casa Lobo ist ihr erster Spielfilm und sollte gegen Ende 2016 in die Kinos kommen.