ALGRAMO FAIR TRADE OHNE VERPACKUNG

Die chilenische Firma Algramo betreibt Lebensmittelautomaten für lose Ware. Der Verzicht auf Verpackung ist nicht nur umweltfreundlich, im Vordergrund steht der soziale Nutzen.

Algramo Lebensmittelautomaten © Grupo Algramo
Die Geschichte von Algramo begann vor vier Jahren. José Manuel Möller studierte noch Betriebswirtschaft an der Katholischen Universität von Santiago, als er seinem Leben eine völlig andere Richtung gab. Mit Kommilitonen zog er nach La Granja, einem der ärmsten Stadtteile Santiagos. Ihm fiel auf, dass es in seiner neuen Nachbarschaft kaum Supermärkte gab. Lebensmittel und andere Produkte des täglichen Gebrauchs musste er in kleinen Geschäften im Viertel einkaufen.

Algramo Lebensmittelautomat. Algramo Lebensmittelautomat. | © Grupo Algramo

Diese Läden verkauften aufgrund der geringen Kaufkraft der lokalen Kunden kleinere Verpackungsgrößen, was die Produkte letztlich aber verteuerte – ein Widerspruch zu den wirtschaftsliberalen Geboten Milton Friedmans und Arnold Harbergers, die Möller von seinen Professoren vermittelt bekommen hatte. „Mir wurde klar, dass ich ausgebildet worden war, über das konventionelle Modell gewinnorientierten Wirtschaftens eine soziale Problematik zu erzeugen, die ich ‚Armutssteuer‘ nenne. Das bedeutet, dass Familien, die sich den Einkauf größerer Mengen nicht erlauben können, im Endeffekt mehr Geld ausgeben müssen“ so der Ökonom. Zusammen mit seinem Partner, dem Industriedesigner Salvador Achondo, machte er sich auf die Suche nach Lösungen.

José Manuel Moller © Grupo Algramo

Die Marktmacht der großen Marken brechen
 
Wie kann man lebensnotwendige Produkte in kleinen Mengen und gleichzeitig zu einem niedrigeren Preis verkaufen? Möller und Achondo sahen die Antwort im Verzicht auf Verpackungen und entwarfen ein entsprechendes Projekt für die kleinen Läden in den ärmeren Vierteln. Der Verkauf verpackungsfreier Ware war in Chile seit den 90er Jahren so gut wie ausgestorben. Deshalb entwickelten Möller und Achondo zunächst Prototypen von Spendern für unverpackte Produkte, die sie dann in Serie bauten und in den Läden aufstellten. Die Spender geben Mengen von 250 oder 500 Gramm von Produkten wie Linsen, Kichererbsen oder Reis aus, dann kamen verschiedene Reinigungsmittel dazu.
 
Auf einem Markt, der von großen Marken dominiert wird, war es nicht einfach, die Kunden an vollkommen unbekannte Marken und die Verwendung von Haushaltsbehältern oder den wiederverwendbaren Behältern der Firma zu überzeugen. Eine Schlüsselrolle spielten in dieser Phase die Ladenbesitzer: „Da war zum Beispiel ein Ladenbesitzer, der nur Waschpulver von Unilever verkaufte. Wir haben ihm eine Probe von unserem Produkt gegeben, und weil er von der Algramo-Idee so überzeugt war, hat er den Verkauf der anderen Waschmittel eingestellt. Seine Kunden beschwerten sich, aber er bestand so sehr auf seiner Entscheidung, dass er die Leute schließlich überzeugte. Mittlerweile verkauft niemand mehr von unserem Waschmittel als er“, erzählt der José Manuel Möller. Der Motor seines sozialen Unternehmens sei das Vertrauen der Nachbarschaft, „unabhängig von den Argumenten des Preisvorteils und der umweltfreundlichen Verpackung“, so der Ökonom.


Algramo Lebensmittelautomat. Algramo Lebensmittelautomat. | © Grupo Algramo

Je mehr Läden, desto günstiger die Ware

 
Weil das Verkaufsargument von den Ladenbesitzern getragen wird, könne man auf Werbung verzichten, erklärt Möller und erwähnt noch zwei weitere Gründe, warum es Algramo gelingt, die Preise um bis zu 40 Prozent zu drücken. Zum einen sei das die Wiederverwendung der Behälter. „Bei Geschirrspülmitteln ist der Behälter teurer als das Produkt selbst. Wenn wir den Plastikbehälter wegwerfen, landet mindestens die Hälfte unserer Ausgabe im Müll.“ Eine wichtige Rolle spiele außerdem das wachsende Netzwerk der Läden, in denen die Automaten stehen: „Wir bieten allen die gleichen Bedingungen, und dadurch entsteht eine Art Genossenschaft. Je mehr Läden Algramo verkaufen, desto günstiger werden wir.“
 
Des Weiteren soll die Initiative eine positive Auswirkung auf die unterste Schicht der Sozialpyramide mit sich bringen: „In Kolumbien kaufen wir zum Beispiel Hülsenfrüchte und andere Lebensmittel von armen Erzeugern, denen der Marktzugang fehlt, um ihre Produkte zu verkaufen”, so Möller.
 
Die Firma Algramo ist jetzt drei Jahre alt und ein Exot im neoliberalen chilenischen Wirtschaftssystem, denn Hauptziel ist nicht der finanzielle Profit, sondern der soziale Nutzen: „Wir wollten das Beste einer Stiftung mit den besten Eigenschaften eines Unternehmens verbinden”. Heute stehen Algramo-Spender in 1002 Läden in 14 Stadtteilen Santiagos, und jeden Monat kommen 80 neue Standorte dazu. Möller hat für seine Firma mittlerweile zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen erhalten. Die Zeitschrift Fast Company kürte Algramo zu einem der 50 innovativsten Unternehmen der Welt, nachdem die Firma 2015 mit 200 neuen Läden nach Kolumbien expandierte. Der nächste Schritt soll sie nach Peru führen.