Rückblick zur Theaterresidenz in Berlin und München

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Die zweite Generation des Fortbildungsprojekts für junge Theaterregisseur*innen berichtet über die Erfahrungen und Reflexionen der Residenz, die kürzlich in Deutschland stattgefundenen hat.

Auf dieser Reise haben wir viele Erfahrungen gesammelt, die uns zum Nachsinnen über unsere künstlerische Aufgabe, sowohl in unserer regionalen als auch der internationalen Szene, angeregt haben. Wir haben uns nach Deutschland begeben, um dort an einer dreiwöchigen Fortbildung zur Theaterregie teilzunehmen, die aus Kursen, Treffen mit Mitarbeiter*innen verschiedener Theater und Unternehmen und dem Besuch diverser Theaterinszenierungen bestand. Im Rahmen dieser Aktivitäten haben wir uns unseren künstlerischen Interessen und Bedürfnissen gewidmet, wodurch die Entwicklung zukünftiger Projekte als Theaterregisseur*innen Gestalt angenommen hat. Der Aufenthalt war, auf künstlerischer, ideologischer und menschlicher Ebene, einfach unglaublich.

Während unseres Aufenthalts durften wir den administrativen und technischen Betrieb einiger der wichtigsten Staatstheater in Berlin und München, sowie die künstlerischen Motivationen, die diese auszeichnen, kennenlernen. Außerdem haben wir, dank der Führungen des PAF Performing Arts Festival, einen Teil der freien Szene des berliner Theaters sowie einige Forschungsbereiche zu darstellender Kunst entdeckt. Die Gelegenheit, Beides kennenzulernen, war äußerst nützlich, da dadurch unser Horizont im Hinblick auf die Theaterproduktion des Landes erweitert wurde. Des Weiteren gab es Gesprächsrunden mit einigen Regisseur*innen und Unternehmen, wie Christopher Rüping, Susanne Kennedy und Andcompany&co, die in verschiedenen deutschen Städten tätig sind. Selbstverständlich können durch den Dialog mit Personen, die sich der Theaterarbeit in so diversen Zusammenhängen widmen, die künstlerische Arbeit, Verwaltung, Produktion und der Kontext beiderseits problematisiert und bereichert werden.

Wir haben auch Zeit mit einigen deutschen Dramaturg*innen, wie Florian Borchmeyer (Schaubühne), Irina Szodruch (Maxim Gorki Theater) und Katinka Deecke (Münchner Kammerspiele), verbracht. Der entstandene Austausch war sehr interessant, da diese theatralische Gestalt in Chile kaum existiert. Hier gibt es beim „traditionellen” Theater und auch in der unabhängigen Szene meistens eine*n Dramaturg*in, der/die im Allgemeinen theoretische und dramaturgische Assistenz- sowie Verwaltungs-Arbeiten durchführt. Um die Rolle der/des Dramaturg*in zu verstehen, ist es wichtig, die der deutschen Szene eigenen materiellen Produktionsbedingungen zu beachten, durch die ein hohes Spezialisierungsniveau der Arbeit erzeugt wurde. Die Rollen und Funktionen sind aufgeteilt und einige der Theater haben große Teams von Mitarbeiter*innen in ihren Einrichtungen angestellt.

Die zweite Hälfte unseres Aufenthalts haben wir in der Theaterakademie August Everding in München verbracht, wo wir an einigen Kursen dieser unter anderem auf Theater, Theaterregie, Schauspiel, Dramaturgie, Musical und Tanz spezialisierten Bildungseinrichtung teilgenommen haben. Einen dieser Kurse hielt der angesehene   Lehrer und Theater- und Opernregisseur Sebastian Baumgarten, mit dem wir außerdem Meinungen zu unseren Schauspielprojekten austauschen konnten.

Es waren drei anstrengende Wochen, aber alles, was wir hier erlebt, diskutiert und gelernt haben, wird zu einem wichtigen Teil unserer künstlerischen Arbeit werden. Als abschließende Reflexion erscheint uns das Erbe Bertold Brechts im zeitgenössischen deutschen Theater bedeutsam. In vielen der Inszenierungen, die wir besucht haben, kam irgendeine Art von Dialog zu den Betrachtungsweisen des Schriftstellers - sei es auf textuellem, thematischem und/oder strukturellem Niveau - vor. Es scheint, dass die deutschen Künstler*innen durch den Dialog, sowohl mit Brecht als auch anderen Autor*innen, sich stets darum bemühen, in die theatralische und historische Vergangenheit zurückzureisen, um diese zu verstehen und in Frage zu stellen - eine Ungewissheit die sich möglicherweise durch den aktuellen soziokulturellen, politischen und wirtschaftlichen Kontext zugespitzt hat.  Vergangene Themen gegenwartsgemäß zu inszenieren scheint ein Versuch zu sein, diese besser zu verstehen. Migration, Feminismus, Posthumanismus und postfaktische Politik sind ein paar der Themen, die auf deutschen Bühnen diskutiert werden – und die dem, was in der lokalen Szene entwickelt wird, ziemlich ähnlich sind.

Unvermeidlich war durch unseren Aufenthalt die Reflexion über die Unterschiede zwischen den künstlerischen Produktionsbedingungen in Chile und in Deutschland. Natürlich ist der Vergleich schwierig, wenn wir uns die Staatstheater ansehen, die es in vielen deutschen Städten gibt und die ein festes Team aus Mitarbeiter*innen haben (Designer*innen, Techniker*innen, Maskenbildner*innen, Dramaturg*innen, Regisseur*innen, Schauspieler*innen etc.), deren Rechte durch Arbeitsverträge geschützt sind. Es ist ganz normal, dass man beim Besuch dieser Theater große, sich entfaltende Bühnenbilder, Drehbühnen, kostspielige Pyrotechnik- und Multimediaeffekte oder Bühnenbilder, die bei jeder Aufführung zerstört werden, vorfindet. Wie ordnen wir uns diesbezüglich ein und erkennen die Unterschiede im chilenischen Kontext? Ein möglicher Ansatz könnte der direkte Vergleich sein, der uns, aufgrund geringerer Mittel und unsicherer Arbeitsplätze, in einer anderen Situation der Theaterproduktion platziert. Dennoch möchten wir uns von diesen Ideen distanzieren, denn sie lassen uns nicht die Besonderheiten beider Fälle verstehen und neigen zu einer Analyse durch Entwicklungs- und Koloniallogik.

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Besonderheiten unserer Theaterarbeit zu verstehen und zu schätzen – einer kritischen Arbeit voller dringender Fragen, durch die detailliert ausgedachte ästhetische Orte und Körper entstehen. Die Fähigkeit, „etwas zu schaffen“ gewährt uns eine kreative Stellung, die wir wertschätzen, erforschen und annehmen, bevor wir versuchen, das Niveau einer Szene zu erreichen, die inspirierend und bewundernswert sein mag, die jedoch nicht unserer Realität entspricht. Genau in diesem Unterschied liegt die Bedeutung der Kunst und die Möglichkeit, über den Kontext zu sprechen, in dem diese sich befindet.

In Europa gewesen zu sein, um uns als Lateinamerikaner*innen zu betrachten, ist ein unbezahlbares Privileg, das wir sehr schätzen, das uns aber gleichzeitig erkennen lässt, dass es gar nicht notwendig ist, so weit zu reisen, um unter Künstlern zu kommunizieren. Dies ist vielleicht einer der bemerkenswertesten Aspekte unseres Aufenthalts – die Möglichkeit, Zeit mit einer Gruppe von Kollegen zu verbringen; Raum zur Debatte über verschiedene Ansichten, Wünsche und Erfahrungen. Wir bringen die wichtige Aufgabe mit zurück, gemeinschaftlichen Arbeitsraum für unterschiedliche Theaterfachleute zu schaffen, wo wir uns zu unseren Schaffungsarten austauschen, nachsinnen, sowie Weisheiten und Bedenken teilen können – in der Absicht, solidarische und gemeinschaftliche Arbeitsweisen zu fördern, statt Konkurrenzdenken.

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