Abidjan „Über den Sinn künstlerischer Straßenvorstellungen“

Abidjan. Hauptstadt der Überlebenskunst. Mit ihren immer eilenden Einwohnern - die Zeit rennt. Die Straße dient dem täglichen Broterwerb. Herumziehende Verkäufer, „djosseurs de nama“(1) , Stände von Telefonbetreibern und Frisörinnen, Gastwirtinnen… Solche Szenen der Straße sind in einer Kunstgalerie oder während einer Theateraufführung nur selten zu sehen.

Es ist eine Tatsache, dass die Kunst nach einer gesellschaftlich weit verbreiteten Vorstellung den sogenannten Eliten, den Reichen oder Intellektuellen und den „Kultivierten“ vorbehalten bleibt. Sie haben scheinbar Zeit und Muße, um sich für ästhetische Fragen und Themen zu interessieren. Hinzu kommt, dass Kunst häufig von Vorurteilen geprägt ist, die meistens von denen gepflegt werden, die selber nicht in dieses „den Anderen vorbehaltene Revier“ einzudringen wagen. 

Vielleicht ist die Zeit für eine Dezentralisierung der Kunst in Abidjan gekommen. Wenn die Öffentlichkeit nicht zu ihr kommt, dann sollte sie auf die Öffentlichkeit zugehen. Künstlerisches Schaffen im öffentlichen Raum kann so zu einer Lösung des Problems beitragen. 

Hervorzuheben wäre allerdings, dass diese Kunst in einer gewissen Form bereits existiert, nämlich in Form von Denkmälern, Skulpturen und Malereien, die die Stadt schmücken. Obwohl diese Kunstwerke zum Stadtbild Abidjans gehören, werden sie, im Gegensatz zu künstlerischen Präsentationen, von den wenig geschulten Blicken der beschäftigten und eilenden Passanten leicht übersehen. Doch finden künstlerische Darbietungen meistens in  Zentren oder Institutionen statt und erreichen deshalb nicht die breite Masse. 

Künstler wie auch Kunstförderer haben aber inzwischen verstanden, dass Kunst nicht einer bestimmten sozialen Klasse vorbehalten ist. Kunstwerke richten sich nicht in erster Linie an den Verstand, sondern an emotionale Rezeption und Einfühlungsvermögen. Jeder Mensch, sowohl „einfache“ Leute als auch Anhänger der Kunstszene, verfügt über diese Kapazitäten. 

Heutzutage wird die Kunst, von Poetry Slam über Fotoausstellungen und Festivals, so nach und nach aus ihrer Reserve gelockt und sie erobert neue Ausdrucksformen und Räume.

Worin aber besteht der Nutzen solcher Aktivitäten?

Alain Serges Agnessan, Mitglied des Collectif au nom du slam, behauptet, dass von der Straßenkunst die Öffentlichkeit und zugleich auch die Künstler profitieren. Denn mit ihren öffentlichen „Slam-Performances“ in den Straßen von „Adjamé liberté“, einem populären Viertel von Abidjan, haben Künstler die Möglichkeit, ihre Ideen umzusetzen und einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Für die Zuschauer sind diese eine gute Gelegenheit, Kunst und Künstler kennenzulernen und dabei vielleicht sogar eine eigene Leidenschaft oder zumindest persönliches Interesse zu entdecken.

Eine Fotoausstellung im Freien zu organisieren, so Mustafa Chaeteli, der Initiator von Flash Abidjan, ermöglicht es Passanten, offener und empfänglicher für das Fotografieren in der Öffentlichkeit zum Zwecke von Reportagen oder Ausstellungen zu werden. Für Künstler ist Flash Abidjan eine gute Gelegenheit, ihre Arbeiten einer homogenen Masse und vor allem aber auch objektiven Blicken vorzustellen.

Während des Festivals Afrik UrbanArt hat das Goethe-Institut in Abidjan einen Umzug der Tänzer durch die Straßen von Cocody organisiert, um die Begeisterung für Tanz und Szenenkunst mit der breiten Öffentlichkeit zu teilen. Kunst auf der Straße bietet eine gute Gelegenheit zur Beteiligung und zum Austausch.

Wie aber kann der öffentliche Raum wirklich effizient genutzt werden?

„Der Künstler sollte“ wie Alain Serges hervorhebt, „den ausgewählten Ort erkunden. Will man einen öffentlichen Raum nutzen, dann muss man wissen und berücksichtigen, dass dieser Ort zusammen mit allen seinen ihm eigenen Wirklichkeiten zu einer Bühne wird“.

Welchen Sinn sollten auch künstlerische Darbietungen haben, die sich nicht an ihr Publikum anpassen? 



1)  “Djosseur de nama“: Wächter, die die Autofahrer zu freien Parkplätzen führen und ihre Autos gegen einen freiwilligen Betrag bewachen.