Künstler schaffen Raum für Kunst in Kamerun

Die Entstehung und die Entwicklung von Kulturzentren in Kamerun, die von Künstlern geleitet werden, sind leider noch völlig unzureichend dokumentiert.

Ihre wachsende Bedeutung verdanken die Kunstzentren vor allem den innovativen Projekten, die von ihren Akteuren konzipiert wurden und die von den meisten bereits existierenden etablierten Kulturzentren und Kunstgalerien nicht wahrgenommen werden. Diese Situation zwingt viele Künstler, bestehende Strukturen zu umgehen und den nötigen Raum für andere künstlerische Ausdrucksformen zu schaffen. So entstehen nach und nach günstige Bedingungen für künstlerische Produktion, Kooperation, Ausstellungen, Austausch und Residenzen.

Eine Monographie des „Instituts für angewandte Ästhetik“ in Jaunde definiert die von Künstlern geschaffenen Freiräume für Kultur als Strukturen, „… die geeignet sind unterschiedlichste künstlerische Ausdrucksformen zu integrieren. Sie sind eine Art Testgelände und Sprungbrett in die Welt der kommerziellen Kunst, für Zusammenkünfte in privaten Wohnungen im kleinen Kreis, für Lesegruppen und gemeinsame Mahlzeiten. Sie sind Enklaven für Aktionen, die einem bestimmten Publikum zu bestimmten Zeiten angeboten werden. Sie füllen Lücken für all das, was die existierende Kunstszene nicht zu bieten hat. Manchmal existieren sie nur für eine bestimmte Zeit, können sich jedoch auch entwickeln und vergrößern und werden dann selbst zu etablierten Einrichtungen, die von nachfolgenden  Künstlergenerationen wiederum abgelehnt werden.“ 

Da der Kreativwirtschaft von der kamerunischen Regierung keine Priorität eingeräumt wird, bleibt die Kulturpolitik des Landes konturlos und der Status von Künstlern unbestimmt. Dies führt wiederum dazu, dass Künstler gezwungen sind, sich im informellen Sektor zu entwickeln. Die unzureichende Kulturpolitik sowie unflexible und unzeitgemäße konzeptionelle Ansätze der konventionellen Kunstzentren haben einige Kameruner dazu gebracht, neue Einrichtungen und Kollektive zu gründen, die Künstlern den notwendigen Raum für ihre Arbeit und deren Präsentation. 

Verglichen mit anderen Orten Kameruns verfügen Jaunde und Duala über Kunst- und Kulturzentren, über die recht ausführlich berichtet wird. Über Räume, die von Künstlern selbst geschaffen werden, sind dagegen kaum Informationen zu erhalten, weshalb hier einige von ihnen kurz vorgestellt werden sollen. 

Einige Kilometer entfernt von Duala, in Bonendale, befindet sich das Zentrum ArtBakery. Das 2002 von Goddy Leye nach seiner Rückkehr aus den Niederlanden gegründete Zentrum gehört zu den ältesten Kulturräumen Kameruns. 

Hier werden Fortbildungen für angehende Künstler (Master Classes: Seminare, Workshops und Vorträge), Journalisten (Programm Art Daily für die Bereiche Kunstgeschichte und Kunstkritik) sowie Residenzprogramme für jüngere Künstler (Portfolioprogramm: Internationaler Austausch und Vorstellung von Projekten) angeboten. ArtBakery engagiert sich insbesondere im Bereich des technischen Supports bei der Produktion von Multimedia Artworks, Videos und Digitalkunst. 

Ein anderer von Künstlern geschaffener Kulturraum ist KhaL!SHRINE, eine alternatives Zentrum am Fuß des Berges Mont Eloundem in Jaunde, wo man die Ideen des KHaL!LAND, eines von den Akteuren von Khal!SHRINE geschaffenen utopischen Konzeptes, ganz konkret erleben kann. KhaL!SHRINE ist im Bereich der bildenden Kunst aktiv, mit einem Schwerpunkt auf Fotografie, Tonkunst und multidisziplinären Experimenten. Außer ihrem vierteljährlich stattfindenden art/wine/coffee/tobacco quarterly – 180 Minutes @ Khal!SHRINE werden alternative künstlerische Veranstaltungen, Workshops, unkonventionelle Künstlerresidenzen und gemeinnützige Projekte organisiert. KhaL!SHRINE ist ein gemeinnütziges Projekt, das 2007 von dem Multimedia-Künstler Em’kal Eyongapka gegründet wurde. 

Die Bandjoun Station besteht aus zwei separaten Gebäuden, einem Museum/Kunstzentrum auf drei Etagen sowie Wohnräumen, die sich über vier Stockwerke erstrecken. Das Zentrum wurde im Stil einer jahrhundertealten lokalen Architekturtradition erbaut und 2008 von Barthélemy Toguo, der den größten Teil seiner Zeit zwischen Paris und Bandjoun pendelt, gegründet. Dieses Zentrum beschäftigt sich mit Umweltfragen und sozialen Projekten, die sich vorwiegend an die einheimische Jugend richten. 

Im Gegensatz zu den meisten Kulturräumen, die sich in erster Linie auf Produktion, Kooperation, die Durchführung von Residenzen und Kunstgalerien konzentrieren, ist der 2007 offiziell gegründete  Verein OSMOSE vor allem im Bereich der künstlerischen Ausbildung tätig. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Forschung, Publikation, Residenzen, bildende und experimentelle Künste. 

Das Zentrum OTHNI – Laboratoire de Théâtre de Yaoundé (Theater Laboratorium von Jaunde) ist eine Einrichtung in Jaunde, die sehr an experimenteller Kunst interessiert ist. Es wurde von Martin Ambara gegründet und widmet sich den Bereichen Forschungsresidenzen, Theater und anderen künstlerischen Ausdrucksformen. 

Ein wesentlicher Grund für den Erfolg und die Bedeutung dieser alternativen Kulturräume ist die Tatsache, dass sie ihre künstlerischen Aktivitäten nicht allein auf ihre eigenen Räumlichkeiten beschränken, sondern die Öffentlichkeit direkt einbeziehen. Diese hat leichten Zugang zu ihren Aktivitäten, denn die Zentren sind meistens Teil eines ausgebauten kulturellen Netzwerks. Die Veranstaltung art/wine/coffee/tobacco quarterly – 180 Minutes @ Khal!SHRINE zum Beispiel wird üblicherweise von ungefähr 60 Personen aus verschiedenen Teilen Kameruns (und anderen Ländern) besucht und die Bandjoun Station hat kürzlich eine multidisziplinäre Veranstaltung organisiert, die „Stories Tellers“ genannt wird. Hier waren internationale und nationale Künstler anwesend. 

Es sollte an dieser Stelle hervorgehoben werden, dass andere Kultureinrichtungen, die nicht von Künstlern selbst geleitet werden, ebenfalls an Kunst im öffentlichen urbanen Raum interessiert sind. doual’art ist unter diesen Einrichtungen aus zwei Gründen hervorzuheben: erstens weil es einer der ältesten Kulturräume Kameruns ist und zweitens aufgrund seiner Funktionen als Zentrum für zeitgenössische Kunst und Forschungseinrichtung. doual’art wurde 1991 von Marilyn Douala Bell und Didier Schaub in Douala als nichtkommerzielle gemeinnützige Kulturorganisation und Kunstzentrum gegründet. Diese lädt bildende Künstler, Architekten und Designer zu öffentlichen Aktionen in der Stadt ein, die zu gesellschaftlichem Wandel beitragen können. doual’art hat unter Anderem Ausstellungen mit Pascal Martin Tayou, Goddy Leye und Alioum Moussa organisiert. 

2007 hat doual’art das Festival SUD (Salon Urbain de Douala) für Kunst im öffentlichen Raum gegründet. Dies findet alle drei Jahre statt und es hat nationale und internationale Aufmerksamkeit erlangt. Das erste Mal fand SUD 2007 statt, gefolgt von den in den Jahren 2010 und 2013 organisierten Veranstaltungen. 2011 feierte doual’art außerdem sein 20. Jubiläum. Dieses Ereignis ist ein Zeugnis für die Bedeutung und Anpassungsfähigkeit der Verbindungen zwischen Kunst im öffentlichen Raum und der Stadt. 

Neben Sichtbarkeits- und Dokumentationsproblemen sind viele der von Künstlern geleiteten Kulturräume insbesondere mit der Schwierigkeit konfrontiert, Fördermittel zu beschaffen. Sie sind daher oft schon nach kurzer Zeit gezwungen, wieder aufzugeben. Die etwas anpassungsfähigeren Zentren haben entweder verschiedene Förderer oder sie finanzieren sich mit eigenen Mitteln. Obwohl diese Einrichtungen für Kunst und Kultur von der Öffentlichkeit meistens nicht wahrgenommen werden, spielen sie eine zentrale Rolle für die künstlerische Entwicklung in Kamerun, denn sie bieten Künstlern genau den Raum, den sie für ihre Aktivitäten am dringendsten benötigen.