Johannesburg ist eine dynamische Stadt

Johannesburg ist eine dynamische Stadt. Kreative Menschen, musikalische Vielfalt sowie die allgemeine strukturelle Beschaffenheit ihrer kulturellen Inhalte – all das erfüllt diese Stadt mit einer besonderen Energie. Und doch wird die schöpferische Produktivität nicht immer als Kunst betrachtet und auch die Bewohner der Stadt werden bezüglich ihres Interesses an Kunst und Kultur oft unterschätzt.

Rubén Gaztambide-Fernández  glaubt, dass das von westlichen Werten und Normen beeinflusste Verständnis von künstlerischer Praxis die Kunst auf ein „definierbares, natürliches und weltweit existierendes Phänomen einschränkt, das man beobachten und genau abmessen kann.“ Seiner Ansicht nach führt aber genau dieses Verständnis von kreativem Schaffen dazu, dass nur eine bestimmte Anzahl bzw. Zielgruppe von Menschen den Zugang zu Kunst und Kultur hat und schränkt außerdem die Möglichkeiten ein, wie und wo dieser Zugang stattfindet. Außerdem begrenzt diese Sichtweise auch das Potential künstlerischer Produktion, indem davon ausgegangen wird, dass es eine kulturelle Hierarchie mit einer Elite gibt, die diese beherrscht und somit ein Monopol bildet. Die alternative Auffassung dazu wäre es, kreatives Schaffen als einen Teil der alltäglichen gesellschaftlichen Vorgänge und Tätigkeiten zu verstehen. Dazu gehören vielerlei Arten von Partizipation und Aktivitäten im „normalen Ablauf gewöhnlichen öffentlichen Lebens“. 

Meiner Ansicht nach sollte dieses Potential für öffentliche kreative Praxis den öffentlichen Raum einer ‚integrativen Praxis‘ widmen. Damit sind Aktivitäten gemeint, die prinzipiell jeder ausüben kann, die für jeden zugänglich und verständlich sind und theoretisch jedem Möglichkeiten des Erfolgs und des Scheiterns bieten. Mit einer Serie von Projekten, der Unterstützung und den kreativen Ideen einiger Künstler sucht das Visual Arts Network of South Africa (VANSA) nach neuen Ansätzen für eine öffentliche künstlerische Praxis. Mit Projekten wie 2010 Reasons, Revolution Room und 2014 Ways erforscht VANSA seit 5 Jahren dieses Gebiet. Die Öffentlichkeit wird dabei nicht nur einfach als Ort (wie z.B. ein Platz oder eine Straße) verstanden, sondern schließt auch Menschengruppen ein (das bedeutet  vorübergehende, sich verändernde Gruppen, deren „Mitglieder“ gleichzeitig zu verschiedenen Gruppen gehören oder mit der Zeit ihre Zugehörigkeit wechseln). Die Untersuchung dieser Öffentlichkeit ermöglicht es, die Nutzung des öffentlichen Raums und die bestehenden Eigentumsverhältnisse besser zu verstehen. Denn durch die Nutzung und Erfahrung des öffentlichen Raums durch die Menschen, entstehen ja gerade diese Gruppen in der Öffentlichkeit. 

Die Projekte von VANSA experimentieren mit Möglichkeiten für ein produktives künstlerisches Arbeiten mit der Öffentlichkeit. Oft handelt es sich dabei um eine imaginäre Öffentlichkeit, d. h. ein ausgedachter Ort bzw. eine fiktive Gemeinschaft. Aber ebenso oft ist die Öffentlichkeit und ihr Potential für künstlerisches Schaffen völlig unberechenbar, denn ihre Eigenschaften und Akteure ändern sich und sind multipolar. In Südafrika und insbesondere in Johannesburg sind gewisse Gruppen von Menschen des öffentlichen Lebens außerdem sehr oft in Machtkämpfe,  Eigentums- und Zugehörigkeitsstreitigkeiten mit anderen Gruppen bzw. gesellschaftlichen Strömungen verwickelt. Inmitten dieser komplexen Gegebenheiten befinden sich die Künstler und künstlerische Einrichtungen, die ebenfalls in diese Machtkämpfe verwickelt sind, sich aber zugleich auch beteiligen an der Vielfalt und Multipolarität öffentlicher künstlerischer Gestaltung. 

Künstler und künstlerische Organisationen können sich dieser Komplexität nicht entziehen und befinden sich deshalb oft in einer gewissen Machtposition – d. h. sie finanzieren zum Beispiel oder engagieren sich in der Aus- bzw. Weiterbildung. Dies bringt oft sehr hohe Anforderungen mit sich (in emotionaler und physischer Hinsicht), vor allem an das Verantwortungsbewusstsein und den ethischen Standpunkt von Künstlern und ihrer künstlerischen Praxis sowie an die Bedeutung der Kunst für die Gesellschaft. Die komplexen Bedingungen und Prozesse dieses Machtgerangels um künstlerisches Gestalten in der Öffentlichkeit, mit all seinen Schwierigkeiten in und zwischen den verschiedenen Gruppen, können jedoch möglicherweise motivieren und ein Umdenken im Bereich einer integrativen künstlerischen Praxis mit ihren integrierten Protagonisten überhaupt ermöglichen.