Volker Finke Nationaltrainer der kamerunischen Fußballmannschaft

Volker Finke
Volker Finke | Foto: Achille Chountsa

Für den Nationaltrainer der kamerunischen Fußballmannschaft sollte zum Fußball immer einen Plan B gehören. Er sprach mit uns kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2014.

Fußball-Teams sind heutzutage multikulturell, mit Spielern aus verschiedenen Ländern. Wie kann ein Trainer Brücken schlagen?  

Mir hilft es sehr, dass ich mich mit meinen Spielern zumindest auf Französisch und Englisch austauschen kann. Schon als ich Bundesligatrainer in Freiburg war, hatten wir Spieler aus vielen unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Damals gab es von Beginn an Deutschunterricht für jeden Spieler. Eine gemeinsame Sprache ist ja die erste Brücke im menschlichen Miteinander.
Außerdem interessiere ich mich grundsätzlich für die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Herkunftskulturen meiner Spieler. Es ist für mich spannend zu erfahren, wie woanders gelebt und gedacht wird, und es ist notwendig, um Verhaltensweisen und manchmal auch Besonderheiten der Spieler zu verstehen.

Kann man heute noch von einer "nationalen" Fußballmannschaft sprechen, wenn die Mehrheit der Spieler in Ligen verschiedener Länder spielt?

Die Nationalmannschaft hat ja immer noch als gemeinsamen Nenner Spieler, die sich durch Herkunft oder Prägungen einem bestimmten Land zugehörig und auch emotional verbunden fühlen. Richtig ist, dass durch Globalisierung und Migration unsere Gesellschaften heterogener geworden sind. Das hat Auswirkungen auch auf das Gefühl nationaler Zugehörigkeit und auf die Definition von Identität. (Vielleicht wird sich irgendwann tatsächlich die einer "Nationalmannschaft" überholt haben.) Entscheidend ist, ob die Spieler, die in einer Nationalmannschaft antreten, noch den Rückhalt in der Bevölkerung des Landes genießen, für das sie an Wettbewerben teilnehmen. Besonders für die Länder des Süden wie Kamerun, deren begabteste Spieler im Ausland arbeiten und leben, wird es schwer sein, aus den im Land verbliebenen Spielern eine international wettbewerbsfähige Mannschaft aufzubauen.

Führt die Globalisierung im Fußball zu einem „interkulturellen“ Spielertyp?

Es trägt sicherlich zur Horizonterweiterung bei, wenn man die Möglichkeit hat, in anderen Ländern zu leben und in einer interkulturellen Mannschaft zu arbeiten. Wie diese Chancen genutzt werden, hängt natürlich von jedem Spieler und auch von den jeweiligen Vereinen ab. Grundsätzlich geht es aber um das nötige fußballerische Talent und Können und um eine professionelle Einstellung zur Arbeit. Da unterscheiden sich die Vereine in den großen Ligen kaum voneinander, und da ist sicherlich ein neuer flexibler Spielertyp entstanden, der Ligen und Länder im Verlauf seiner Karriere mehrfach wechseln kann. Natürlich sehe ich auch die Gefahr, dass eine internationale Spielerelite quasi wie unter einer Glasglocke lebt, egal in welchem Land sie sich gerade  befindet.

Fußballspiele in Afrika im Allgemeinen und Kamerun im Besonderen sind manchmal mit mystischen Vorstellungen verbunden. Wurden Sie jemals damit konfrontiert? Was ist Ihre Meinung dazu?

Oh, das kenne ich gut. Da ich ja schon viele Jahre auch mit Spielern aus Afrika gearbeitet habe, sind mir deren Marabu-Besuche, Gris-Gris-Bändchen und mitunter eigenartig riechende Salben und Tinkturen sehr vertraut. Wenn es dem Spieler hilft, mit den Belastungen seiner Arbeit umzugehen, habe ich nichts dagegen. Wenn ich das Gefühl habe, dass ein bestimmter Druck über „mystische“ Vorstellungen und Beziehugnen aufgebaut wird, der dem Spieler und der Mannschaft schadet, dann besteht unbedingter Redebedarf.

Was können Sie einem jungen Kameruner Spieler, der Fußball in Deutschland spielen will, empfehlen?

Natürlich sollte der Spieler schauen, dass er in Kamerun bei einem der besten Clubs so viel Spielpraxis wie möglich bekommt. Dann sollte der Spieler anfangen, die Sprache zu lernen. Ja, und es sollte zum Fußball immer einen Plan „B“ gehören.