Imane Ayissi Afrika soll endlich seine eigene Kulturgeschichte schreiben

Imane Ayissi
Imane Ayissi | Foto: A.Schücke

Für den Modedesigner Imane Ayissi sollten die afrikanischen Modeschöpfer sich zusammenschließen, um sich der Grundlagen der Mode bewusster zu werden.Er sprach mit uns über das vierte Forum des Metiers de la Mode et du Design.

Das vierte Forum des Metiers de la Mode et du Design neigt sich dem Ende. Was war im Vergleich zu den vorherigen Foren anders?

Man sieht die Veränderung. Es gibt mehr Leute, mehr junge Designer, mehr Models, mehr Stylisten, die sich für das Forum interessieren. Das ist ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass wir das Interesse der Menschen wecken. Nun müssen wir viel tun, um diese Beziehungen aufrechtzuhalten, damit es weiterhin so positiv verläuft. Das ist nicht einfach, wir investieren viel Zeit und Geduld. Wir informieren unser Publikum, wir möchten ihnen zu verstehen geben, was Mode ist. Um in der Modewelt zu arbeiten, braucht man gute Kontakte, Menschen, die wissen, wie man professionell arbeitet.

Welcher Moment während dieses Forums hat dich am meisten berührt?

Es gab einige bewegende Momente. Wenn man in so einer Projektstruktur arbeitet, gibt es oft Spannungen, Momente von Müdigkeit, weil die Tage sehr lang und wechselhaft sind. Zwischenmenschliche Spannungen entstehen. Das ist sehr interessant, weil man in der Zusammenarbeit Menschen wirklich kennenlernt. Man sieht, ob die Kolleginnen und Kollegen sich verstanden haben oder nicht. Deswegen gibt es bei solchen Veranstaltungen oft Spannungen. Denn selbst wenn wir nicht übereinstimmen, müssen wir miteinander auskommen. Dies tun wir, indem wir diskutieren, um den richtigen Weg und gute Ideen zu finden, das ist stets positiv. Lernende können nicht alles an einem Tag lernen, man muss geduldig sein.  

Sehen Sie bei den Designern, Workshops und in den Diskussionsrunden eine Entwicklung?

Ich würde sagen, ja. Ja, es gibt eine Entwicklung. Ich verlange keine Transformation innerhalb von zwei Tagen, da müssen wir realistisch bleiben. Es ist wie mit der Medizin, man kann keine Arztpraxis nach zwei Tagen Ausbildung eröffnen. In Frankreich muss man hierfür zehn Jahre studieren, wenn nicht noch mehr. Für das Studium der Mode braucht man nicht unbedingt zehn Jahre, aber es verlangt viel Bildung, viel Willen, viel Recherche, eine gute Schule. Meiner Meinung nach benötigt man etwa vier Jahre für eine gute Ausbildung, wenn nicht sogar sechs Jahre, es kommt auf die Schule an. Auch das gehört zur Entwicklung: Schülerinnen und Schüler, die kommen, um zu lernen. Die Ausbildung in der Modebranche ist in Afrika noch nicht etabliert, obwohl wir sehr viel Schönheit in unserer Kultur haben. Wir haben auch ein gutes Gespür für Ästhetik, aber wir haben keine Modekultur. Das Phänomen „Mode“ kommt aus Frankreich, aus der Zeit der königlichen Höfe. Es wäre interessant zu erfahren, was Mode hier in Kamerun vor der Ankunft der Europäer bedeutet hat. Dies wäre auch ein wichtiger Schritt in Richtung der Gewinnung eines respektvollen Verhältnisses gegenüber der Geschichte und des kulturellen Erbes des Landes. Ich glaube, die meisten Menschen wissen nicht, welche Rolle die Mode vor der Ankunft der Europäer spielte. Und das wäre aber doch interessant zu erfahren!

Denken Sie, dass sich diese Entwicklung auch in der generellen Wahrnehmung der Mode in Kamerun widerspiegelt?  

Ich rede sehr oft von Ausbildung und Bewusstmachen der wahren Werte dieses Landes, seines kulturellen Erbes. In Afrika gibt es oft das Problem, dass die Dinge nicht gesagt werden, wie sie sind. Man versucht, Dinge zu verstecken. Ich denke, dass man, um Wahrnehmungen und Realitäten besser zu verstehen, Klartext reden muss, und danach können sich die Menschen immer noch ihre eigene Meinung bilden. In diesem Zusammenhang möchte ich an die Zeit erinnern, in der die Deutschen in Kamerun waren [Kamerun war von 1884 – 1919 eine deutsche Kolonie, Anm. der Interviewer].     Nach ihrem Rückzug haben sie viele Gebäude hinterlassen, die Hauptzentrale der Post in Yaoundé stammt aus dieser Zeit, glaube ich. Aber die meisten dieser Gebäude wurden zerstört, um etwas anderes zu errichten, was oft nicht einmal lange gehalten und keinen Wert hat. Man muss viel investieren, um sein Erbe zu respektieren und zu pflegen.  Mode ist eine Art zu leben. Mode ist all das, was uns im Alltag und im Leben begleitet, also Kleidung, Accessoires, Handtaschen, Schuhe, Schmuck. Auch Architektur, Autodesign und Innenarchitektur gehören für mich dazu. Kurzum: Mode ist ein Phänomen, das wirklich alles betrifft, was uns im Leben begleitet.  Manchmal schätzen die Menschen hier dies nicht, sogar in den Modeschulen. Ich frage mich, ob studierte Menschen den Wert der Mode kennen und anwenden können. Hier wird die Arbeit in der Modebranche sehr unterschätzt. Es macht bei bestimmten Modeerscheinungen den Eindruck, als ob einem nichts Besseres eingefallen wäre. Während der Vernissage im Goethe - Institut kam ein Mann zu mir und sagte, er verstehe nicht, wie die Mode zur Entwicklung des Landes beitragen könne. Können Sie sich das vorstellen? Ich gab ihm als Antwort ein Beispiel, nämlich uns beide. Und ich fragte ihn, ob wir nicht beide modisch gekleidet seien? Egal, ob man teure oder preiswerte Kleidung kauft, ob man sie im eigenen Viertel schneidern lässt, man kauft sie bei einem Verkäufer. Dieser Verkäufer bezahlt Steuern, gibt also dem Staat Geld, was wiederum die Wirtschaft des Landes fördert. Der Käufer der Mode trägt also bereits auf dieser Ebene zum wirtschaftlichen Aufschwung seines Landes bei.

Sie arbeiten sowohl in Afrika wie auch in Europa als Modeschöpfer, wie nehmen Sie die beiden Kontinente wahr?

Sie sind sehr unterschiedlich, wie Tag und Nacht. Hier in Afrika fängt man viele Dinge andersherum an. Die afrikanischen Modeschöpfer sollten sich zusammenschließen, um sich der Grundlagen der Mode bewusster zu werden. Das beinhaltet auch, sich mit dem Klima zu beschäftigen. Wenn es heiß ist, sollte man diesen Stoff verwenden, wenn es kalt ist, jenen. Dadurch wird sich die Textilindustrie weiterentwickeln. So entstehen Schritt für Schritt Trends, Expertenrunden, Showrooms, Modemessen, und all das wird Arbeitsplätze in der Modeindustrie schaffen.  Solange es all das jedoch nicht gibt, bedeutet das ein wirkliches Problem. Deswegen bewundere ich Yves Eya’as Arbeit und die seines Mode- und Designzentrums CCMC. Yves möchte die Professionalisierung im Bereich der Mode fördern und sie den Menschen näherbringen. Einige Menschen haben hier Vorurteile gegenüber der Modebranche, meist aus Unwissenheit. Die Arbeit im Modebereich ist sehr ernsthaft, es ist wirklich  Arbeit. Außerdem stellt die Modebranche eine große, weltweite Wirtschaftskraft dar. Es ist an der Zeit, dass sich die afrikanischen Modeschöpfer weiterbilden und noch mehr Anstrengungen unternehmen. Hierbei ist ihre professionelle Ausbildung entscheidend. Wir müssen versuchen, voran zu kommen. Afrika soll endlich seine eigene Kulturgeschichte schreiben.