Michaela Engst Kamerun: Ein Land der Kontraste

Michaela Engst
Michaela Engst | Foto: A.Schücke

Es gibt viele tolle Künstler auch aus afrikanischen Ländern, die bestimmt ihren Teil dazu beitragen, dass Modemacher weltweit inspiriert werden.

Afrikanische Mode findet seit vielen Jahren großen Anklang in Europa. Was ist Ihrer Meinung nach hierfür der Grund?

Es ist doch so, dass wir uns alle gern inspirieren lassen von anderen Kulturen und diese Inspiration in unsere Designs einfließen lassen.
Wir wollen unser Design immer mehr erweitern, internationale Einflüsse aufnehmen. Viele Designer lassen sich inspirieren von afrikanischen Textilien, auch von indischen oder von asiatischen Schnitten und ich glaube, es ist ein normaler Prozess, dass man, wenn man seine eigenen Mittel ausgeschöpft hat, in gewissen Perioden auch nach außen schaut. Wenn einige Designer anfangen, etwas zu interpretieren - das sind meistens die großen Modemacher, die auch die Trends vorgeben –, dann werden diese Trends weiterentwickelt oder setzen sich durch. So ist es auch oft interessant, wenn man mit europäischen Silhouetten arbeitet und dann Einflüsse aus anderen Kulturen mit einbringt. Man guckt immer und stellt sich die Frage, wie können wir dieses und jenes kombinieren?  Viele Modemacher reisen, lassen sich inspirieren, wobei Kunst und Kultur eine große Rolle spielen. Es gibt viele tolle Künstler auch aus afrikanischen Ländern, die bestimmt ihren Teil dazu beitragen, dass Modemacher weltweit inspiriert werden. Afrikanische, indische, asiatische Textildesigns und Schnittelemente tauchen überall auf, doch wie integriert sind speziell afrikanische Designer tatsächlich in der Industrie?

Sie setzen sich für nachhaltige Mode und biologisch korrekte Stoffe ein. Worauf sollte man achten, wenn man es Ihnen gleichtun möchte?

Ernsthaftigkeit und Konsequenz sind hier die Hauptstichpunkte.  Es ist, denke ich, wichtig, dass man sich dem Thema „Nachhaltigkeit“ aus Überzeugung und nicht wegen eines Trends zuwendet. Nur so kann man überzeugen und die Arbeit weniger als Bürde, sondern als eine zu meisternde Herausforderung sehen.
In der Mode einen ökologisch vertretbaren Weg einzuschlagen scheint auf den ersten Blick komplex. Automatisch stößt man auf niederschmetternde Fakten und kann zwischendurch verzweifeln. Es sind jedoch die kleinen Schritte, die einen voranbringen und so sollte man sich nicht abschrecken lassen und sein Ziel willensstark verfolgen.
Bezüglich der Textilien ist es wichtig, dass man einen vertrauenswürdigen Lieferanten findet und wenn möglich zertifizierte Textilien bezieht. Das ©GOTS-Zertifikat ist zum Beispiel ein Zertifikat, welches strenge Richtlinien bezüglich der ökologischen und sozialen Standards vorgibt. Ist ein Textil GOTS-zertifiziert, so ist dies meist bei den Informationen zu dem jeweiligen Material vermerkt.
Ist es einem Designer unmöglich, ökologische Textilien zu beziehen, so kann zumindest bezüglich des Designs ein nachhaltigerer Weg eingeschlagen werden. Man muss den kurzlebigen Trends zum Beispiel nicht folgen und kann kleinere Kollektionen entwickeln, die aufeinander aufbauen.
Ich appelliere an alle Designer,  sich der Verantwortung bewusst zu werden, welche wir haben. Wir kreieren das Produkt, welches der Kunde konsumiert, und somit sollten wir verantwortungsvoll kreieren und produzieren.

Während des Entwurfs Ihrer Kollektion „Elite“ stellten Sie sich die Frage, wo die heutige Gesellschaft hinwolle. Haben Sie auf diese Frage eine Antwort gefunden?

Ich glaube, dass es keine einfache Antwort gibt, und ich stelle mir die Frage immerwährend.
Was ist in den vergangenen zwei Jahren passiert? Das Qualitätsbewusstsein steigt weiterhin, Fairness in der Produktion – bezogen auf Umwelt, Tiere und Menschen - wird verstärkt thematisiert, jedoch sind all dies kleine und langsame Schritte.
In meinen Augen wird häufig zu lang und zu viel diskutiert. So dauert es viel zu lange, bis Veränderungen dann ggf. beschlossen und umgesetzt werden. Zu viele Worte, zu wenig Taten.
Es gibt diese schöne Aussage: „Es kommt darauf an was du tust, nicht was du sagst.“

Nach zehn Tagen Aufenthalt in Kamerun, welche Bilder und Erinnerungen werden Sie mit nach Berlin nehmen?

„Organisiertes Chaos!“ (lacht). In Yaoundé, in Kamerun ein Forum auf die Beine zu stellen, wie Yves Eya'a und sein Team es zustande gebracht haben, ist sicher kein Leichtes, -wie wir es von einigen Seiten gehört haben. So muss ich an dieser Stelle sagen, dass wir uns im Rahmen des „Forum des métiers de la mode et du design de Yaoundé 2014“ in einer Situation wiederfanden, welche wenig Spielraum für Abweichungen von dem entwickelten und sehr präzisen Zeitplan ließ. Yves Eya’a und sein Team haben dahingehend großartige Arbeit geleistet, und es hat unglaublich viel Spaß gemacht, mit ihnen und all den Designern, Studenten und Models zu arbeiten.
Was mich sehr beeindruckt hat, ist die Offenheit und Wärme, mit der einem die Menschen in Kamerun entgegentreten.
Neben all den schönen Bildern und Erinnerungen bleiben selbstverständlich auch die schwierigen Eindrücke und Fakten. Armut, der Mangel eines angemessenen Bildungsangebots- und Niveaus, das Problem der Arbeitsmaterialbeschaffung.
Ein Land der Kontraste

Wie sehen Sie die Zukunft des Modebereichs in Kamerun?

Ich glaube, dass die jungen Designer in Kamerun einen aufregenden, langen Weg vor sich haben.
Es gibt so unglaublich viele Bereiche, in denen man Maßstäbe setzen, Dinge entwickeln kann. Traditionelle Herstellung von Textilien, qualitativ hochwertige Textilien, Textildesign, Designschulen, das Design als solches.
Was man schnell sieht, ist das Potenzial der Designer. Es ist daher enorm wichtig für die Designer, zu realisieren, welche Chancen sie in ihrem Land haben.
Sie haben die Möglichkeit, als Avantgardisten ihrer Zeit zu fungieren.
Es ist nicht einfach, den ersten Schritt zu machen. Einen neuen Weg einzuschlagen. Doch wer hat gesagt, dass die Mode-Branche ein Spaziergang ist?
Mit einem starken Willen, Durchhaltevermögen, Vernetzung untereinander und dem Mut, sich immer mal wieder extern Beratung einzuholen, eine Evaluierung des aktuellen Konzeptes durchzuführen und eventueller Kritik zu stellen, werden sie es schaffen und Kamerun eine bunte, solide Zukunft der Mode-Branche schaffen.