Eliane Blumer und Karsten Schuldt Bibliotheken können Menschen in Armut dabei helfen, ihren Alltag besser zu gestalten

Schuldt - Blumer
Schuldt - Blumer | Foto: Max.Kroneck

Sicherlich ist Armut, oberflächlich betrachtet, in Deutschland und in der Schweiz etwas anderes als in Kamerun.

Was konntet Ihr bei eurem Besuch und Eurer Teilnahme am Workshop in Kamerun lernen?

Wir können nicht für ganz Kamerun reden; wir haben eine Woche lang ausgewählte Bibliotheken besucht, nicht mehr und nicht weniger. Die Bibliotheken, die wir besucht haben, haben uns den Eindruck vermittelt, dass die Bibliothekare in Kamerun in die Zukunft schauen und diese proaktiv und aus eigener Kraft angehen. Dafür haben sich die Kolleginnen und Kollegen die nötigen Kompetenzen im Ausland und auch verstärkt im Inland angeeignet und setzen sie zielorientiert ein. Was uns aufgefallen ist, sind die klaren Zukunftsvisionen der Vertreter der besuchten Strukturen, welche - zwar mit Hilfe ausländischer Institutionen - aber immer noch selbstbestimmt angegangen werden.
Gleichwohl gab es beständig Zweifel an der tatsächlichen Umsetzung dieser Pläne, die sich aus der Erfahrung zahlreicher gescheiterter Projekte ergeben haben. Das Wissen und Denken der Kolleginnen und Kollegen scheint groß und umfassend zu sein, während sich hingegen die Strukturen selbst nur sehr langsam ändern. Es scheint uns nicht so, als ob die Probleme der Ausbildungsstand oder die Aktualität des bibliothekarischen Wissens wären.
Beeindruckt hat uns die Offenheit der Kolleginnen und Kollegen im gegenseitigen Austausch und im Austausch mit uns, insbesondere im Umgang mit den vorhandenen Problemen. Die scheinen uns in Europa nicht so offen diskutiert zu werden.

Nachdem Ihr die Situation in Kamerun ein wenig kennengelernt habt, meint Ihr, dass Bibliotheken Lösungen für das Problem der Armut bereitstellen können?

Nur vielleicht. Das ist nicht anders als in Europa. Bibliotheken können Menschen in Armut dabei helfen, ihren Alltag besser zu gestalten - und wenn das auch nur heißt, in der Literatur oder der Lektüre von Krimis einen Halt zu finden. Und Bibliotheken können auch dabei helfen, aus der Armut auszusteigen, aber nur, wenn die Bibliotheken sich darüber Gedanken machen, was Armut genau ist, wie sie entsteht und wie sie überwunden werden kann. Es muss dabei gleichzeitig mit Personen, die  in Armut leben, zusammengearbeitet werden und nicht nur „für sie“ gearbeitet werden. Sicherlich ist Armut, oberflächlich betrachtet, in Deutschland und in der Schweiz etwas anderes als in Kamerun. Aber letztlich geht es immer darum, dass Menschen ein Leben verunmöglicht wird, das im Durchschnitt in der jeweiligen Gesellschaft für jede einzelne Person generell möglich wäre. Das ist in jedem Land gültig. Was in Kamerun vielleicht anders ist, ist die Haltung der Menschen zu Büchern und Bibliotheken im Allgemeinen. Aber wir waren zu kurz im Land, um das endgültig sagen zu können.

Lohnt sich ein Besuch in einem Land wie Kamerun, das sehr anders scheint als Deutschland oder die Schweiz?

Auf jeden Fall. Der Besuch in Kamerun hat am Ende dazu geführt, dass wir mehr über die Strukturen und Bibliotheken in unseren jeweiligen Ländern gelernt haben. Was als selbstverständlich erscheint, ist einfach nicht selbstverständlich, wenn man es mit der kamerunischen Realität vergleicht. Zum Beispiel scheint in Kamerun das Funktionieren von guten Bibliotheken immer davon abzuhängen, dass die Kolleginnen und Kollegen eine große Initiative im Hinblick auf den Weiterbestand ihrer Bibliothek zeigen. Einfach nur "Dienst nach Vorschrift" oder reine Appelle an die Politik zum Erhalt von Bibliotheken sind nicht ausreichend.

In Deutschland und der Schweiz wird oft über Information Literacy geredet, auch in Kamerun wurde es mehrfach erwähnt. Gibt es Unterschiede zwischen Kamerun und dem deutschsprachigen Europa?

Wichtig ist anzumerken, dass die Diskussionen um Information Literacy in den verschiedenen Sprachen sehr unterschiedlich geführt werden. Während in der deutschen Forschungsliteratur  Informationskompetenz in den letzten Jahren ein ständiges Thema war und es vielleicht so aussieht, als wäre das ein globaler Diskurs, gibt es in in der französischsprachigen Fachliteratur weit weniger Texte zum Thema. Auch in Kamerun wurde das Thema vor allem von Kolleginnen und Kollegen aus den englischsprachigen Regionen aufgeworfen.
Gleichzeitig ist es auch sehr unterschiedlich, was als Information Literacy verstanden wird. In Kamerun haben zum Beispiel die meisten Bibliotheken, auch Universitätsbibliotheken, gar keinen Anschluss ans Internet und viele öffentliche Einrichtungen - auch das Goethe-Institut - müssen mit sehr geringen Bandbreiten auskommen. Allerdings sind Smartphones weit verbreitet. Was also ist in einem solchen Zusammenhang Information Literacy? Die richtige Nutzung von Datenbanken? Ganz offensichtlich muss das lokal definiert werden. Informationskompetenz im deutschsprachigen Raum bezieht sich auf die europäischen Gesellschaften, die Möglichkeiten in europäischen Universitäten mit ihren 24/7 Zugang zum schnellen Netz. In Kamerun kann das nicht der Fall sein. Was als Information wichtig ist, definiert sich durch den Kontext. Vielleicht ist das etwas, was die deutschsprachige Debatte bereichern könnte: Den Kontext, in dem von Information Literacy gesprochen wird, nicht als gegeben annehmen, sondern sehr klar benennen.

Wenn nun jemand aus Europa den afrikanischen Bibliotheken, zum Beispiel in Kamerun, helfen will, was kann er oder sie eigentlich tun?

Wichtig scheint es, nicht mit vorgefertigten Lösungen helfen zu wollen, schon gar keine fertigen Bibliothekskonzepte. Am Ende funktionieren nur Lösungen, die vor Ort gewollt werden, den Umständen vor Ort entsprechen und deshalb vor Ort, d.h. mit den Kolleginnen und Kollegen dort, entworfen werden müssen. Was ganz bestimmt nicht hilft, ist das Verschicken von ausgesonderten Medien, alten Rechnern und ähnlichen Dingen. Diese Medien werden meist auch in Afrika nicht mehr gelesen und sind selbstverständlich auch in Afrika nicht mehr relevant. Alte Rechner, auch wenn sie guten Zustand sind und mit leichtgewichtigen Linux-Distributionen bestückt werden, sind meist kaum funktionstüchtig und oft einfach nur stromfressend.
 

Eliane Blumer (Informationswissenschaftlerin, wissenschaftliche Assistentin an der Université de Genève, Mitarbeiterin des Schweizerischen Bibliotheksverbandes (BIS) im Bereich Weiterbildung) und Karsten Schuldt (Bibliothekswissenschaftler, wissenschaftlicher Mitarbeiter HTW Chur, Lehrbeauftragter FH Potsdam, Redaktion LIBREAS. Library Ideas) besuchten auf Einladung des Goethe Institut Kamerun im Oktober 2014 zahlreiche Bibliotheken in Kamerun sowie einen Workshop des Goethe Instituts und des kamerunischen Bibliotheksverbandes. Das Interview entstand am Ende dieser Reise.