Jean Pierre Bekolo „OUR WISHES“ – Ein Blick in die koloniale Vergangenheit

Our wishes
© Goethe-Institut Kamerun

Die sogenannten „Schutzverträge“ zwischen den Deutschen und Vertretern der Douala aus dem Jahr 1884 stehen im Zentrum der Handlung von Jean-Pierre Bekolos neuester Produktion „OUR WISHES“, in der die wichtigsten Akteure dieser Epoche lebendig werden. Im Interview spricht Jean-Pierre Bekolo über die Hintergründe der Fernsehserie, die bald auch im Kamerunischen Fernsehen zu sehen sein wird.


OUR WISHES“ („Unsere Wünsche“) ist der Titel Ihres neuen Serienprojekts, in dem Sie die koloniale Vergangenheit Kameruns und Deutschlands in Szene setzen. Was ist der Kern dieser Geschichte?

OUR WISHES – bedeutet auf Deutsch "WAS WIR WOLLEN". Dabei handelt es sich um ein von den Kings des Volkes der Duala gemeinsam verfasstes Dokument. Darin formulierten sie ihre grundlegenden Forderungen vor Unterzeichnung des Vertrags als Bedingung dafür, dass sie ihr Territorium den Deutschen überließen. Allerdings wurde dieses Dokument von der deutschen Seite nicht zur Kenntnis genommen. Was danach folgte,  ist bekannt.
Wenn es in den Beziehungen zwischen Afrika und der westlichen Welt eine Konstante gibt, dann diese, dass Afrika und seine Wünsche noch nie ernsthaft berücksichtigt wurden. Bei diesem Projekt geht es darum, aus der Vergangenheit unseres Landes zu lernen und daraus die richtigen Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen. Für uns ist dieses Projekt eine gute Gelegenheit, uns mit der noch immer nicht erzählten Geschichte Kameruns auseinanderzusetzen; oder mit einer Geschichte, die, wenn sie überhaupt erzählt wird, dann immer nur zusammengefasst aus der Perspektive der Gewinner. Wir haben uns daher sehr bewusst für ein breitenwirksames Medium, das Fernsehen, und für ein populäres Format, die Serie, entschieden, so dass jeder, Erwachsene und Kinder, erkennt, worum es hier geht.

„OUR WISHES“ ist eine Fernsehserie mit 10 Episoden von jeweils 26 Minuten. Das Pilotprojekt soll die Geschichte Kameruns erstmals in die Fernsehprogramme bringen. Worin besteht Ihrer Meinung nach der Zweck, sich heute mit diesem Teil der Historie zu beschäftigen?

Ich glaube, dass wir unsere eigene Geschichte sind. Wenn wir aber schon nicht wissen, woher wir kommen, dann sollten wir zumindest wissen, wohin wir gehen. Erst kürzlich mussten wir die Eskalation der Krise im anglophonen Teil Kameruns erleben. Sie hat deutlich gemacht, wie bedeutsam unsere Geschichte ist. Warum sind wir in Kamerun geboren, warum sind wir frankophon oder anglophon? Die Geschichte hat diese Teilung vorgenommen. Nur durch sie können wir verstehen, was gerade passiert und welche Handlungsoptionen wir eventuell für die Zukunft haben. Ich denke, dass die Geschichte von ganz entscheidender Bedeutung ist, auch wenn manch einer denken mag, wir wären eines dieser seltenen Völker, das sich blind entwickeln könnte, ohne ein kollektives Gedächtnis zu formen. Hier in Kamerun können sie ethnische Identität haben, weil man aufs Land in die Dörfer zu seinen Familien fährt oder weil die ethnische Identität auf andere Weise vermittelt wurde, aber eine nationale Identität muss bei uns erst noch geschaffen werden. Allerdings existieren jenseits aller Aktualität einige Konstanten in den Beziehungen, die wir Afrikaner mit der westlichen Welt unterhalten. Ich denke da an die Korruption, von der auch in „OUR WISHES“ die Rede ist, an den „dash“, den die Deutschen an die Kings verteilten, um sie zu motivieren, den Vertrag zu unterzeichnen. Ich denke an die Geldentwertung und an die Schulden, um auf diejenigen Druck auszuüben, die den Vertrag nicht unterzeichnen wollten. Ich brauche das Bild wohl nicht noch deutlicher zu zeichnen, um deutlich zu machen, wie wichtig die in unseren Schulklassen vollkommen ignorierte Kolonialgeschichte für uns ist.
Die Serie „OUR WISHES“ ist auch eine Art der Neuerfindung, denn unabhängig von der Kolonialgeschichte, wie man sie in Archiven und Bibliotheken studieren kann, müssen wir für uns eine neue Identität erfinden und uns nicht einfach auf die Identität festlegen, die uns von anderen zugeschrieben wurde. Die Idee, unsere Geschichte wieder zum Gegenstand eines öffentlichen Gesprächs zu machen, kann uns nur bereichern und dazu veranlassen, vernünftige Entscheidungen zu treffen.

Beschreiben Sie uns ein wenig die Bedingungen, unter denen dieser Film zustande gekommen ist (Casting, Drehorte, Finanzierung).

Diesen Film verdanken wir der hervorragenden Arbeit von Frau Karin Oyono, einer seit etwa 40 Jahren in Kamerun lebenden Deutschen. Wie ihr kamerunischer Mann ist auch sie Ingenieurin für Straßenbau von Beruf. Ich habe sie 2004 während meiner Dreharbeiten an „Les Saignantes“ kennengelernt. Ihre Nichte arbeitete damals im Hotel Hilton, wo ich während dieser Zeit untergebracht war. Sie brachte uns in Kontakt.
Seit 2004 habe ich vergeblich nach einer Finanzierung für diesen Film gesucht. Das Drehbuch umfasst sage und schreibe 2000 Seiten. Im letzten Jahr habe ich mich dann entschlossen, trotzdem mit den Dreharbeiten zu beginnen… natürlich aus eigenen Mitteln. Das Goethe-Institut in Yaounde hat uns dabei großzügig unterstützt. Fabian Mühlthaler und Raphael Mouchangou suchen schon lange Formaten, wie man den Kamerunern beim Entdecken ihrer Geschichte helfen könnte. Für die Dreharbeiten musste ich in Zili, einem Dorf ungefähr 40 km von Jaunde entfernt, eine historische Kulisse bauen. Außerdem konnten wir auch in der Chefferie von Ze Mendouga, dem derzeitigen Chef der Mvele in Awae filmen.
Was die Crew, Techniker und Schauspieler, angeht, so muss ich sagen, dass ich große Unterstützung erfahren habe von Menschen, die meine Arbeit mögen und begleiten; mit anderen Worten, ich habe den Film mit Freunden gedreht. Für eine kostspielige Produktion wie bei „Les Saignantes“ gab es dieses Mal keine Mittel.  Drei Monate lebten wir im Busch und diese Zeit inspirierte uns dazu, Kino allgemein hier bei uns ganz anders anzugehen…. das heißt, Filme allein mit den hier zur Verfügung stehenden Mitteln zu produzieren.

Die meisten ihrer Filme handeln von der heutigen Wirklichkeit. Dabei handelt es sich fast immer um sogenannte engagierte Themen, wie in „Les Saignantes“, „Quartier Mozart“ oder „Le Président“. Ist für Sie der Film ein Mittel zum Engagement oder nur Vergnügen?

Für mich ist das Filmemachen wie eine Art des Röntgens. Filme müssen etwas zeigen, sichtbar machen. Der Film muss uns das Sehen ermöglichen, Gebrechen sichtbar machen und das Übel zu erkennen geben, genauso wie ein Röntgenapparat. Der Film kann nur etwas sichtbar und erkennbar machen, die Gesellschaft muss dann entscheiden, wie man gegen etwas Schlechtes vorgeht. Der Radiologe beschränkt sich darauf, ein Bild von der Krankheit zu geben, er bestimmt aber nicht die Behandlung. Was verstehen Sie unter dem Begriff Engagement oder sich engagieren? Ist man engagiert, wenn man immer die Wahrheit sagt? Manchmal frage ich mich, wie all die Leute, die in die Kirche oder in die Moschee gehen, die Wahrheit einfach aufgeben konnten. Die Wahrheit ist etwas, das für uns viel zu groß und unerreichbar ist. Wir können uns nur in ihren Dienst stellen. Wenn man nicht der Wahrheit dient, dann dient man der Lüge… oder nicht?
Schwarzafrikaner haben in der globalen Welt des Films meistens einen schlechten Ruf. Man braucht dabei nur an die Oscars oder an Cannes zu denken. Der Schwarze ist für das weiße Film-Establishment ein Problem. Manchmal denke ich, dass es schon sein Gutes hat, dass es bei uns kein Kino gibt. Denn das bedeutet, dass wir alles selbst erst noch aufbauen müssen. Wenn wir uns also mit diesen Realitäten beschäftigen, dann immer vor dem Hintergrund dieses Mangels, der uns nicht los lässt. Wir sollten also das Kino erst einmal genau danach definieren, was wir denn damit machen wollen. Wir haben doch wohl eine Beziehung zu unserem Bild. Solange wir das Potential des Films nicht begreifen, können wir uns seiner auch nicht bedienen, um uns bei der Lösung unserer Probleme zu unterstützen. Klar ist auf jeden Fall, dass die Kolonialisierung uns alle ein wenig krank gemacht hat und für all das, was uns die Begegnung mit dem Weißen gebracht hat, kann der Film ein Heilmittel sein.
Für mich lässt sich das Problem demographisch darstellen. Ich weiß nicht, ob es auch für Kamerun gilt, aber in Afrika ganz allgemein ist die Hälfte der Bevölkerung heute im Durchschnitt 17 Jahre alt. Ein Jugendlicher im Alter von 17 Jahren geht zur Schule oder macht eine Ausbildung. Wenn der Film diesem Jugendlichen lediglich Vergnügen zu bieten hat, dann stellt sich die Frage, wie er zur Bildung der Erwachsenen von morgen beitragen soll?

Jean Pierre BEKOLO, Filmemacher seit über 25 Jahren, hat der afrikanische Film, den Sie in der ganzen Welt verteidigen, schon seinen Platz gefunden?

Ich weiß nicht, welchen Platz wir Ihrer Meinung nach finden sollten, wenn es nicht der Platz ist, den wir ihm selbst in unserer Vorstellung geben sollten. Wenn ich aufstehe, um zu tanzen, dann, weil ich Musik höre, die mich anspricht und die mir Lust macht mich zu bewegen. Und nicht, weil mir jemand dabei zusieht. So verstehe ich unsere Arbeit. Ich komme gerade aus Wien zurück, wo OUR WISHES bis zum 18. Juni im Museum Leopold in Wien gezeigt wird. Allerdings wird den Österreichern nicht der Film gezeigt, sondern ein Haus in Kamerun mit seinem Wohnzimmer und einem Fernseher in dem diese Filmserie gerade läuft. Mit anderen Worten, ich gebe diesem Publikum zu verstehen, dass ich diese Serie nicht für sie gedreht habe, sondern für das Publikum in Kamerun. Wenn dieses Publikum die Serie sehen will, dann muss es sich auch mit der Umgebung vertraut machen, in der sie das Publikum in Kamerun sieht, also wie in einem Wohnzimmer in Kamerun. Es wird wirklich Zeit, dass wir der Welt unsere Sicht auf die Dinge zeigen. Es wird immer behauptet, die Geschichte würde von den Gewinnern geschrieben. Ok, seien wir also nicht die Verlierer!
Was ich Ihnen zu erklären versuche ist, dass es mir nicht um einen bestimmten Platz in  der Welt geht, weil mich das nicht interessiert. Mir geht es nicht darum, gerade die Leute zu beeindrucken, die mir ganz offen den Krieg der Bilder erklärt haben und ihn dominieren. Wenn heutzutage ein Franzose im Alter von 24 Jahren auf A+ darüber entscheidet, was wir Afrikaner zu sehen bekommen und man das weiß, dann empört das. Ein junger Franzose entscheidet darüber, welche Serien und Filme Afrikaner in ihrem Fernsehen zu sehen bekommen, das ist wirklich nicht normal! Ich verstehe diejenigen, die sich heute damit abfinden und nicht nein sagen können. Ein solches Machtverhältnis bezeichne ich aber als eine Art Krieg. Das lässt sich deutlich daran spüren, dass man mit jedem Tag ein Stück mehr von der eigenen Identität und Würde verliert. Ok, das interessiert mich nicht und ich will damit nichts zu tun haben.