Urban Legends

Urban Legends © Goethe-Institut; Matthias Zosel

Urban Legends

Auch in unserer scheinbar so rationalen und technisierten Welt haben Mythen und Legenden ihren Platz. Zwar glauben die meisten nicht mehr an böse Zauberer und gute Feen, dafür aber an die giftige Spinne in der Yucca-Palme oder an Parallelzivilisationen in der Kanalisation. Unsere modernen Märchen heißen Urban Legends. Und ein Freund von einem Freund hat sie wirklich erlebt.

Urban Legends auf Youtube

In 19 Ländern auf vier Kontinenten sind Internetredakteure des Goethe-Instituts auf den 200 Jahre alten Spuren der Brüder Grimm gewandelt. Sie haben moderne Märchen gesammelt: Urban Legends.
Urban Legends auf Youtube

Im Jahre 1812 veröffentlichten Wilhelm und Jacob Grimm die erste Auflage ihrer Kinder- und Hausmärchen. Den Anspruch „rein deutsche Märchen“ zusammenzutragen, konnten sie nicht einlösen. Denn Märchen kennen keine Grenzen. Sie greifen international wiederkehrende Motive auf, ihre Protagonisten sind anonym und stereotyp, sie transportieren traditionelle Werte wie Treue, Ehrlichkeit und Fleiß und konzentrieren diese in einer Moral.

FOAF-Tales

Das Gleiche gilt für Urban Legends. Die bisher wohl am besten erforschte Legende ist Der verschwundene Anhalter. Weltweit gibt es sie in unzähligen Varianten: Eine ältere Dame, die angeblich ihren Bus verpasst hat, wird von einer hilfsbereiten jungen Frau mitgenommen. Diese wird jedoch misstrauisch, als sie die ungewöhnlich behaarten Arme der Anhalterin bemerkt. Als die Fahrerin am Straßenrand einen Streifenpolizisten sieht, hält sie unverzüglich an und springt aus dem Wagen. Gemeinsam mit dem Polizisten kehrt sie zum Auto zurück, doch die Fremde ist verschwunden. Unter dem Beifahrersitz hat sie in der Eile eine Plastiktüte zurückgelassen. Darin ein Beil. Die vermeintliche Anhalterin war allem Anschein nach ein gesuchter Frauenmörder, der seine Opfer mit einem Beil zerlegt.

Erzähler solcher Geschichten garantieren deren Wahrheitsgehalt meist damit, dass sie dem Freund eines Freundes passiert seien. Der Hinweis ist so etwas wie das „Es war einmal …“ der Urban Legends, weshalb sie mitunter auch als FOAF-Tales (Friend of a friend’s tales) bezeichnet werden. Ihre Moral gipfelt oft in einer mehr oder weniger direkten Warnung vor Fremden (zum Beispiel Anhaltern), Exotischem (zum Beispiel Giftspinnen in Yucca-Palmen) oder den Schattenseiten technischer Innovationen: So wird seit einigen Jahren in Südkorea erzählt, wer seinen MP3-Player zu laut aufdrehe, laufe Gefahr entführt zu werden.

Zu gut, um wahr zu sein

Natürlich drehen sich nicht alle Urban Legends um die Gefahr für Leib und Leben. Viele sind auch einfach nur skurril, absurd, grotesk oder witzig. Sie bedienen unser Bedürfnis nach dem Irrationalen, lassen uns schaudern, ekeln, wundern – oder schmunzeln: Bielefeld existiert nicht! Eine groß angelegte Desinformationskampagne soll die Menschheit dennoch von der Existenz einer Großstadt dieses Namens in Ostwestfalen überzeugen. Die Legende von der sogenannten Bielefeldverschwörung erfreut sich seit 1994 großer Beliebtheit (außer bei den Bielefeldern). Im Internet, das mit seinen sozialen Netzwerken erheblich zur Verbreitung von Urban Legends beiträgt, genießt die Geschichte den Status moderner Folklore. Gags wie der über den Trucker, der sich auf den Weg nach Bielefeld macht, aber nie ankommt, sind einfach zu gut, um wahr zu sein.

In unserer Schriftkultur sind Urban Legends eine Bastion der Oralität. Ob wir nun daran glauben (wollen) oder nicht: Wir erzählen sie gerne weiter. Nicht bei Kerzenschein in der heimischen Stube, sondern in einer schummrigen Kneipe.
 
Patrick Hamouz